Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 12.07.2022

Retten wir unsere Kinder!

Ängste, Essstörungen, Suizidgedanken: Kinder und Jugendliche leiden unter der Pandemie und deren Folgen besonders stark. Trotzdem nimmt kaum jemand ihre Sorgen ernst. Höchste Zeit, das zu ändern und ihnen endlich eine Stimme zu geben, sagt Psychotherapeutin und Erziehungsexpertin Martina Leibovici-Mühlberger.

Bild 2207_O_Kinder_shutterstock_2.jpg
© Shutterstock, Matthieu Munoz

Konstantin ist fünf Jahre alt und hat während Corona einen Waschzwang entwickelt. Maria (14) hat zu essen aufgehört und Peter (16) wegen Covid sein Basketball-Team gegen Ego-Shooter-Spiele eingetauscht. Tragische Einzelfälle? Leider nicht, wie die renommierte Ärztin und Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger in ihrem neuen Buch schreibt. Denn die Pandemie war besonders für junge Menschen eine schwere Belastung. Obwohl es vielen schlecht geht, werden Kinder und Jugendliche trotzdem kaum gehört – weder von der Gesellschaft noch von der Politik. Aus diesem Grund will Leibovici-Mühlberger aufrütteln und jungen Menschen endlich eine Stimme geben. Denn: Die Pandemie ist – zumindest vorübergehend – gegangen, Konstantins Waschzwang ist geblieben, Peter hat die Schule geschmissen und lebt nur noch fürs Zocken und Marias Eltern hoffen auf einen baldigen Therapieplatz zur Behandlung der Anorexie ihrer Tochter. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Warum war es Ihnen so wichtig, dieses Buch zu schreiben?

Martina Leibovici-Mühlberger: Ich habe im Jänner 2021 bei einer Studie des deutschen Jugendforschers Klaus Hurrelmann mitarbeiten dürfen, den Part „Junge Österreicher und Corona“ betreffend. Schon damals ist herausgekommen, dass sich nur 6,5 Prozent der Jugendlichen von der Politik gehört fühlen. Das hat mir stark zu denken gegeben! Während der Pandemie habe ich meine vielen Vorträge für Pädagogen und Eltern auf Webinare umgestellt und dabei ist sehr deutlich geworden, dass es den Kindern und Jugendlichen schlecht geht, aber auch den Eltern und Pädagogen. Dazu kommen all die stillen Covid-Opfer. Wir müssen ihnen endlich eine Stimme geben!

 

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?

Zum einen halte ich es für eine historische Weichenstellung, was jetzt gesellschaftspolitisch und gesellschaftlich passiert. Dass wir in dieses Zeitalter der Pandemie eintreten. Es ist ja noch nicht vorbei, wir werden schon wieder auf den Herbst eingeschworen. Und es wird vermutlich keine Einzelsituation bleiben, weil sich eine Pandemie in diesen globalen Zeiten wie ein Lauffeuer ausbreiten kann. Auf der anderen Seite hört man ständig, dass die Wirtschaft wichtig sei. Natürlich ist sie das, aber man darf nicht vergessen, wie wichtig auch die Kinder sind. Sie sind unsere Zukunft! Sie werden es sein, die in 20 Jahren diesen Karren nachhaltig aus dem Dreck ziehen müssen – so das noch funktionieren kann. Außerdem schaffen es viele Jugendliche nicht gut, mit den Folgen der Pandemie fertig zu werden. Und wieder andere schaffen es gar nicht! Das sieht man allerdings nicht, weil sie aus dem Bildungsprozess herausfallen, weil die Schulpflicht zu Ende ist und sie dann in den Kinderzimmern, in der Psychiatrie oder als Gamer am Computerschirm festgenagelt sind. Sie tauchen erst in zehn Jahren wieder auf – als Transferleistungsbezieher. Umso wichtiger ist es, diese Pandemie, die jeder am eigenen Leib gespürt hat, jetzt zu reflektieren und den Kindern und Jugendlichen eine Stimme zu verschaffen.

 

Haben Sie das Gefühl, dass wir für kommenden Herbst besser aufgestellt sein werden, was die Schulen betrifft?

Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher. Zwar wurden die Digitalisierungspläne nachgeschärft, doch was die psychosoziale Seite betrifft, sehe ich nicht wirklich den großen Umbruch. Das finde ich sehr schade! Die Jugendlichen sind schwer verunsichert, was ihre Zukunft betrifft. Viele von ihnen glauben  nicht daran, eine Zukunft zu haben, weil kaum etwas gegen den Klimawandel getan wird und 2040 ohnehin der ganze Globus abbrennt, salopp formuliert. Und da soll sich ein junger Mensch eine gefügte Zukunft aufbauen? Dabei hätten gerade junge Menschen dieses gestaltende Element und auch die Kraft und einen neuen Zugang, wie man damit umgehen könnte. Aus diesem Grund ist Dialog so wesentlich.

 

Wie kann dieser Dialog Ihrer Meinung nach aussehen?

Wir haben einen Workshop an Schulen ins Leben gerufen, bei dem wir mit jungen Menschen über ihre Träume, Visionen, Zukunftsgedanken, Probleme und Sorgen reden. Und was sie von uns Erwachsenen brauchen, damit wir ihnen den Rücken stärken. Es ist ganz wesentlich, zu vermitteln, dass wir nicht eine  „Lost Generation“ in ihnen sehen. Was ist denn das sonst für eine Zukunft? Das wird dann vielmehr zur selbsterfüllenden Prophezeiung. In diese Richtung wird mir viel zu wenig gemacht. 

 

Was hören Sie bei diesen Workshops oft von den jungen Leuten?

Wenn man mit jungen Menschen darüber spricht, was ihnen hilft, geht es ganz viel um Freunde, Gemeinschaft und kooperatives Verhalten. Darum müssen sie jetzt wieder spüren und erleben, dass es sich auszahlt, sozial zu sein – für alle und für sich selbst. Wir machen das an ein paar Schulen, aber das müsste flächendeckend passieren. Das wäre eine Chance, um aus dieser Krise zu lernen. Dazu fehlt mir das politische Bekenntnis! Es gibt Entlastungspakete für dieses und jenes, aber wieder nichts für unsere Kinder und Jugendlichen oder auch zur Unterstützung von Pädagogen. Das möchte ich unbedingt anregen! Aus diesem Grund habe ich vor, eine Plattform für interessierte Eltern und Pädagogen zu gründen. Um aus Kindergärten und Schulen Zukunftswerkstätten zu machen und keine Talente-Vernichtungsmaschinerie. Wir können nicht mehr länger zuschauen und warten, bis sich politisch etwas tut!

 

Wie können wir denn unsere Kinder retten? Was kann der erste Schritt in die richtige Richtung sein?

Das Wichtigste ist jetzt, mit seinen Kindern Bindung und Beziehung zu leben. Wenn uns die Pandemie samt Lockdowns etwas gelehrt hat, dann, hautnah zu erleben, wie sehr uns Gemeinschaft und der persönliche Kontakt zu anderen Menschen fehlen. Aus dieser Erfahrung heraus können Eltern ein Stück Abstand von dieser Mega-
Event-Kultur nehmen, bei der man den Kindern immer etwas bieten muss. Stattdessen sollte man ihnen Bindung und Beziehung geben. Das ist der gemeinsam geteilte Raum, gemeinsames Lachen und Umarmen, gemeinsames Tun. Das kann sein, dass man Hausarbeit zusammen macht oder auch ein Picknick mit Butterbroten und Tee im Wald. Dafür muss man nicht nach Paris auf den Eiffelturm. Dieses Wir-Gefühl ist immens wichtig! Und bei älteren Kindern ist ebenso wesentlich, ihnen zu vermitteln: Wir glauben an euch! Dieses soziale Element ist essenziell für ein gelingendes Leben, ebenso wie das kreativ fördernde Element. 

 

Was genau ist ein kreativ förderndes Element?

Es bedeutet, die Kreativität zu fördern, aber auch die Exposition von guter Kunst und Kultur. Das sorgt laut einer Studie im späteren Leben dafür, dass man ein viereinhalbfach geringeres Risiko hat, arbeitslos zu werden. Es geht darum, das Portfolio seiner Kompetenzen und Fähigkeiten kreativ umzuarrangieren – je nachdem, was die Umwelt gerade fordert. Und das wird die Arbeitswelt in Zukunft von uns fordern. Wer jetzt in die Schule geht, wird sich beruflich fünf Mal neu erfinden müssen. Die  Frage, was man einmal werden will, die für uns noch eine Lebensentscheidung war, wird für die neue Generation nur eine Einstiegskonstante sein. All diese Dinge wollen wir auch auf unserer Plattform thematisieren. Und genau dort müsste man jetzt auch gesellschaftlich ansetzen und unsere Schulen dahin gehend verändern.

Sie schreiben, dass Smartphone und soziale Medien Freundschaften und persönliche Kontakte nicht einmal im Ansatz ersetzen können. Schätzen das viele Erwachsene falsch ein?

Natürlich kommunizieren Jugendliche sehr intensiv darüber, das heißt aber nicht, dass sie keinen persönlichen Kontakt brauchen oder wollen. Meine jüngste Tochter ist 16 Jahre alt und hat sich im Lockdown ihre beste Freundin sozusagen als „Bezugsjugendliche“ ausgesucht, um mit ihr regelmäßig spazieren zu gehen. Weil ihnen eben der persönliche Austausch wichtig war. Dabei muss man festhalten, dass die jungen Menschen unwahrscheinlich brav waren. Sie hatten die geringste Gefährdung, waren trotzdem rücksichtsvoll und haben sämtliche Maßnahmen mitgetragen. Als „Dank“ hat man sie als Erste in ihre Kinderzimmer verbannt und dort mehr oder weniger vergessen. Sie haben es sich mehr als verdient, dass sich jetzt ernsthaft jemand um sie und ihre Sorgen annimmt.

 

Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn es uns jetzt nicht gelingt, dass sowohl die Gesellschaft als auch die Politik endlich in die Gänge kommt?

Die Kinder und Jugendlichen von heute sind die Entscheidungsträger von morgen. Sie sind das Potenzial für die Zukunft – auch für uns, die wir dann die Älteren sind. Wir können nicht erwarten, dass unsere Jugendlichen, die wir jetzt im Stich lassen, zu leistungsstarken Beitragszahlern werden. Viele davon werden eher die Karriere des Transferleistungsbeziehers anstreben. Wir müssen auch bedenken, dass irgendwann das Ende der Generationenverbindlichkeit kommen wird. Wenn wir ihnen wegen unserer Raffgier einen wenig lebenswerten Planeten hinterlassen, werden sie es sich vermutlich gut überlegen, ob sie uns dann Alten noch unterstützen werden. Wenn wir heute an unsere Kinder und Jugendlichen denken, dann denken wir auch an unsere eigene Zukunft! Wenn wir jetzt hingegen keine Generationenverbindlichkeit zeigen und nur an die Wirtschaft denken, ist das äußerst kurzsichtig.

 

Buchtipp

Bild 2207_O_Menschen_Kinder_Bucht.jpg

„Wie wir unsere Kinder retten - und die Welt dazu“, 

Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger

Verlag Gräfe und Unzer, € 20,90. 

Das Buch erscheint am 4. Juli.