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Lifestyle | 05.04.2017

Regional statt exotisch

Jungunternehmerin mit 52 Jahren: Achtsam legt Andrea Seebacher für ihre vegane Naturkosmetik Wert auf natürliche Wirkstoffe aus Mohn, Leindotter und Sonnenblumen, die zum Glück direkt vor unserer Haustür wachsen.

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"Achtsam Kosmetik"-Gründerin Andrea Seebacher (© Mathias Lauringer – Studio 365)

Der kontinuierliche Anstieg von Arbeitslosen über 50 ist besorgnis­erregend“, kommentierte Landesrätin Birgit Gerstorfer die Arbeitsmarktzahlen im Februar – eine Zunahme von 10,3 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat im Vorjahr. Wie gut, dass es so tatkräftige Frauen wie Andrea Seebacher aus Linz gibt, die beweisen, dass es für einen Neuanfang nie zu spät ist. Nach Betriebswirtschafts- sowie MBA-Studium und 30 Jahren Erfahrung als Produktentwicklerin, unter anderem für einen Brillenhersteller, traf die plötzliche Kündigung die Marketingmanagerin wie ein Brett vor den Kopf. Doch die glücklich verheiratete Mutter eines elfjährigen Sohnes lässt sich nicht aus der Bahn werfen und ergreift mit ihrer eigenen Firma „Achtsam Kosmetik“ selbst die Initiative.

 

Frau Seebacher, mit 52 Jahren fangen Sie als Jungunternehmerin noch einmal ganz von vorne an. Wie geht es Ihnen dabei?

Danke, mir geht es ausgezeichnet! Man sagt ja, dass die 50-Jährigen von heute die früheren 35-Jährigen sind. Da spricht also wirklich nichts dagegen, sich selbstständig zu machen.

 

Kurz vor Ihrem 50. Geburtstag haben Sie Ihren Job verloren. Jetzt heißt es: Kosmetik statt Brille. Können Sie auf Ihre beruflichen Erfahrungen zurückgreifen oder ist das komplettes Neuland für Sie?

Meine lange Berufserfahrung ist natürlich ein großer Vorteil. Der Prozess der Produktentwicklung ist grundsätzlich der gleiche. Das spezifische Wissen über Dermatologie, Rohstoffe, Chemie, EU-Recht in der Kosmetik etc. musste ich mir natürlich aneignen. Bei der Umsetzung der einzelnen Produkte habe ich mir dann zusätzlich Unterstützung eines erfahrenen Bio-Chemikers aus der Kosmetikindustrie geholt.

 

Was war ausschlaggebend, dass Sie sich sagten: Jetzt probiere ich es!

Nach dem ersten Schock über den völlig unerwarteten Jobverlust habe ich schnell die Chance erkannt, meinen lang gehegten Wunsch nach Selbstständigkeit zu realisieren. Weil ich bei der Ernährung großen Wert auf regionale, biologische Produkte lege, schaue ich auch bei Kosmetik- und Pflegeprodukten genauer hin. Da hat mich, selbst bei zertifizierter Naturkosmetik, lange schon gestört, dass die Inhaltsstoffe allesamt sehr exotisch waren: Sheabutter aus Afrika, Jojobaöl aus Mexiko, Mandel- oder Argan-Öl aus Marokko... Vegane Naturkosmetik aus hochwertigen, regionalen Rohstoffen habe ich nirgends gefunden, also musste ich sie selber machen.

 

Seit November sind die ersten acht Produkte für Gesicht und Körper – ohne Paraffine, Silikone, Palmöl oder synthetische Duft- und Konservierungsstoffe, dafür aber mit hochwertigen, heimischen Bio-Rohstoffen – auf dem Markt. Wie schwierig war es, Abnehmer zu überzeugen?

Natürlich war und ist es nicht einfach, sich auf einem überfluteten Markt durchzusetzen. Die meisten meiner Kunden wussten gar nicht, dass man aus heimischen Pflanzenölen wie Hanf, Leindotter oder Mohn, ätherischen Ölen und Pflanzenextrakten hochwertige Kosmetik machen kann.

 

Manche werden sich denken: Gibt es nicht schon genug Naturkosmetik?

Ja, es gibt definitiv genug herkömmliche Konzern-Naturkosmetik aus exotischen Rohstoffen, die in Kunststoff-Tiegeln oder -Spendern verpackt ist. Aber für Naturkosmetik, die in einer kleinen österreichischen Manufaktur aus hochwertigen, österreichischen Rohstoffen erzeugt wird, in patentiertes und mehrfach verwendbares Violettglas abgefüllt und danach in Recycling-Kartons verpackt wird, ist auf jeden Fall Platz.

 

Sie betonen das Fehlen tierischer Inhaltsstoffe in Ihren Produkten. Was ist denn in herkömmlichen Cremes und Lotionen alles drin?

Auf der kürzlich stattgefundenen Naturkosmetik-Messe VIVANESS in Nürnberg wurden beispielsweise neue Naturkosmetik-Produkte basierend auf Schneckenschleim vorgestellt. Das ist zwar auch Naturkosmetik, aber natürlich keine pflanzliche – und ekelig noch dazu. Für Veganer sind aber auch Rohstoffe wie Bienenwachs, Lanolin, Schaf- oder Stutenmilch nicht okay, weil sie eben von Tieren stammen.

 

Naturkosmetik hat den Ruf, nur kurz haltbar zu sein. Stimmt das?

Der Begriff „kurz haltbar“ ist relativ. Bestimmte Konservierungsmittel und Rohstoffe bzw. Fette machen Kosmetik für mehr als drei Jahre haltbar. Die Frage ist nur: Wer will das und wer braucht das? Ich mag es da schon lieber frischer.

 

Wie lange haben Sie an der Idee bis zur Realisierung getüftelt?

Es dauerte mehr als eineinhalb Jahre, bis die Rezepturen optimiert, die passende Verpackung gestaltet und das gesamte Konzept stimmig war.

 

Für eine eigene Firma braucht es nicht nur Startkapital, sondern auch viel Hirnschmalz. Gab es Rückschläge während der Gründungszeit?

Natürlich. Sehr viele sogar. Und es wird auch in Zukunft noch mit Sicherheit den einen oder anderen Rückschlag geben. Aber darauf muss man mit Konsequenz, einer gewissen Flexibilität und Ausdauer reagieren.

 

Wie stellen Sie sicher, dass nur die besten Rohstoffe in Tages- und Nachtpflege, Reinigungsmilch, Körperlotion und Badesalz wandern?

Ganz einfach: Ich kaufe nur die besten, unverfälschten Pflanzenöle und ätherischen Öle direkt bei zertifizierten österreichischen Bio-Betrieben im Mühl-, Wald- und Weinviertel, in der Südsteiermark und in Tirol ein. Die können mir auch garantieren, dass die Ölpflanzen tatsächlich unter kontrollierten Bedingungen in Österreich gewachsen sind und verarbeitet wurden.

 

Wo ist Achtsam-Kosmetik erhältlich?

Derzeit bei „Haut und Seele“ in Linz, in der Kräuterstube Christophorus Apotheke in der PlusCity, bei Lederleitner Schloss Puchenau, in der Sierninger Kerndlgreisslerei, bei Frau Holle in Grieskirchen, in der GALLERIA Bad Ischl und der Paracelsus Apotheke in St. Gilgen sowie in meinem Online-Shop.

 

Die wichtigsten Anwender sind natürlich Frauen. Können Sie sich vorstellen, auch Produkte für Männer und Kinder zu entwickeln?

Auf jeden Fall! Das entspannende Zirben-Badesalz und die Zirben-Körperlotion werden jetzt schon gerne von Männern gekauft und verwendet.