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Lifestyle | 22.05.2019

Pornos: von wegen Männersache!

Es mag stimmen, dass weniger Frauen als Männer regelmäßig Pornos schauen, aber es sind dennoch mehr, als angenommen. Frauen reden nur weniger darüber.

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Illustration von Laura Koller

Sehr viele Frauen schauen Pornos nicht nur, sondern stehen auch auf alle möglichen Arten von Sexfilmen – von lesbischen, schwulen Szenen über harten Sex bis hin zu Fesselfantasien, Hentai (Anm. japanische Anime-Pornos sind Comic-Filme pornografischen Inhalts, die in Japan eine lange Tradition haben und bereits zu Kaisers Zeiten als Quelle sexueller Inspiration dienten), VR (virtuelle Realitäten) oder Beautiful Agony (man sieht Gesichter, die sich während des Orgasmus zu einer Fratze verziehen). Die sogenannte „Generation Y“ der zwischen 1980 und 1999 Geborenen ist Pornografie gegenüber offener als frühere Generationen.

Dennoch: Frauen sind im Durchschnitt viel zögerlicher als Männer, was das Pornoschauen angeht. Interessanterweise nehmen Frauen es als stärker stigmatisiert wahr, als dies in Wirklichkeit der Fall ist. Werte- und Lustsystem scheinen prinzipiell bei Frauen stark voneinander getrennt. Wenn das Wertesystem von Frauen bestimmte sexuelle Praktiken ablehnt, empfinden sie subjektiv auch keine Erregung: Damit ist nicht, was nicht sein soll.

Das liegt möglicherweise daran, dass Männer und Frauen bis heute unterschiedlich sexualisiert werden. Nehmen wir das Beispiel Selbstbefriedigung. Für Burschen ist sie in der Regel positiv besetzt. Für Mädchen bleibt ihr Geschlecht oft „das da unten“ oder wird mit irgendwelchen Kosenamen verniedlicht und damit entsexualisiert. Selbstbefriedigung entdecken sie meist deutlich später. Den ersten Kontakt mit ihrem Geschlecht machen viele tatsächlich durch ihre Regelblutung und nicht durch selbstbewusste, genussvolle Selbsterkundung.

Ein Experiment, das Bände spricht. Damit Frauen wissen, was ihnen gefällt, müssen sie ihren Körper gut kennen. Ellen Laan, eine Sexualforscherin der Uni Amsterdam, hat hierzu ein spannendes Experiment gemacht. Sie ließ Männer und Frauen verschiedene Pornofilme schauen und maß dabei ihre körperliche Erregung. Anschließend fragte sie die Probanden, welche Filmpassagen sie sexuell ansprechend gefunden hatten. Bei den Männern stimmten die Antworten, also die subjektive Wahrnehmung der Erregung, sehr gut mit ihren körperlichen Reaktionen überein. Hingegen gaben viele Frauen an, die Filme wenig bis gar nicht erregend gefunden zu haben – körperlich waren sie es jedoch durchaus. Überraschendes Ergebnis ihrer Forschung war also, dass die physische Erregung – das Feuchtwerden der Scheide – kein ausschlaggebender Indikator für die tatsächliche sexuelle Erregung war. Viele Frauen nehmen möglicherweise gar nicht wahr, was sie sexuell anspricht oder schämen sich für das, was sie erregt.

 

Daniela, 39:

Ich schaue Pornos, den ersten sah ich, als ich 14 Jahre war. Das war aufregend, auch irritierend, auch weil ich so wie die Frauen in den Filmen sein wollte. Ich hab‘s dann aber gelassen und erst wieder mit meinem jetzigen Mann entdeckt. Wir schauen meist Hetero-Pornos, ich finde so manches eklig, was ihn erregt. Zum Beispiel: Sperma in offenen Mund spritzen – das würde ich so beim Sex auch nicht mögen. Die Szenen überspringe ich und suche dann solche, wo die Frau gefesselt wird und ihr die steigende Erregung im Gesicht abzulesen ist. Fürs Masturbieren allein hab ich für mich Hentais entdeckt. Ich kann meiner Fantasie freien Lauf lassen. Wenn da die Frau von einem überirdischen Kraken von dessen fingernden Tentakeln intensiv stimuliert und penetriert wird, komm ich relativ schnell.

Franz, 45:

Mich interessieren Pornos eigentlich nicht. Mit zwölf Jahren war ich neugierig, versteckt Pornoschauen war so eine Mutprobe. Sehr aufregend. Wenn ich mich jetzt selbstbefriedigen will, dann hol ich mir mein Kopfkino mit meinem ganz persönlichen Film, in dem ich mit meiner Frau unbändigen Sex habe. Ich schau mir sozusagen zu, wie ich sie errege und stimuliere. Sehr geil.

 

Der innere Lustzugang. Ein positiver Körperzugang – egal ob Mann oder Frau – ist bestimmend für die Fähigkeit, sexuell in Beziehung treten zu können. Auf dieser Basis ist es erst möglich, sich auch körperlich wahrzunehmen. Viele Bewegungserfahrungen schon in der kindlichen Entwicklung fördern eine Körperwahrnehmung und damit verbunden lustvolle Erfahrung des Körpers. Diese Lustwahrnehmung ist die Grundlage für sexuelle Gestaltungsmöglichkeiten und für ein Einlassen in eine gemeinsame Lust in einer Beziehung. Ist dieser „innere“ Lustzugang gegeben, machen Pornobilder weder Männern noch Frauen Druck, sondern können passend für den eigenen Lustgewinn und zur Erweiterung des sexuellen Repertoires genutzt werden.