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Lifestyle | 27.09.2021

NoFap: Hände weg von mir selbst!

Mindestens 30 Tage und darüber hinaus ohne Selbstbefriedigung: Die „NoFap“-Bewegung will die Energie nicht beim Masturbieren entladen, sondern für Job oder Training nutzen. Aber macht das wirklich Sinn?

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Text: Susa Haberfellner Grafik: Thom Trauner © Shutterstock

Die „NoFap“-Bewegung (Anm. d. Red.: „fapping“ zu Deutsch Masturbation), die in letzter Zeit immer mehr Aufsehen erregt hat, entsagt der Pornografie und der Selbstbefriedigung. Gründer der Bewegung ist der US-Amerikaner Alexander Rhodes. Er masturbierte bis zu sechs Mal am Tag und als er merkte, dass er seine Lust über alles andere, zum Beispiel Liebe, Zuneigung oder Einfühlungsvermögen stellte, entschloss er sich, auf die verruchten Filmchen zu verzichten. Im Internet suchte er nach Gleichgesinnten und mittlerweile zählt die NoFap-Community mehr als 150.000 Mitglieder weltweit. Das Credo der Bewegung: Pornos machen süchtig.

Machen Pornos wirklich süchtig? Pornografie kann unter Umständen zu Süchten führen; aber dazu müssen ganz bestimmte Faktoren gegeben sein. Pornosucht selbst ist selten und der Begriff wird oft vorschnell verwendet. Viele Menschen nutzen Pornos, also „Fantasiefilme“, zur Erregung im sexuellen Partnerkontakt oder zur Selbstbefriedigung. Pornos können aber auch eine verzerrte Wahrnehmung der Sexualität bringen und sehr verunsichern. Ist man nur noch auf den Film fokussiert und spürt nicht mehr, was man selbst will, was sich gut anfühlt und was einem gefällt, geht es nur noch um die orgiastische Entladung und nicht um Verführung, Genuss und Befriedigung. Auch in einer Partnerschaft können die Sexfilme zum Problem werden, wenn man den Kontakt zum Partner oder zur Partnerin verliert, den anderen nicht mehr richtig spüren und wahrnehmen kann, weil die unrealistischen Bilder der Sexfilme „abgearbeitet“ werden müssen. Die Erwartungen an sich selbst und den anderen, dass Sex wie im Porno zu sein hat, machen enormen Stress.

Was wollen „Fapstronauten“ erreichen? Ziel dieser Enthaltsamkeit ist es, weg von dieser übersexualisierten Öffentlichkeit und durchpornografisierten Privatwelt zu kommen und stattdessen eine innere Ruhe zu erlangen. Die „NoFapper“, auch Fapstronauten genannt, versprechen sich davon ein gesünderes Sexualleben, bessere Konzentration und mehr Kontrolle über ihr Leben. Auch mehr Muskeln, eine tiefere Stimme und dadurch mehr Männlichkeit, größere Erfolge und mehr Lebensenergie soll man durch diesen Verzicht erlangen. Und laut der von Rhodes angegebenen chinesischen Studie soll auch der Testosteronspiegel im Blut nach sieben Tagen der Enthaltsamkeit um 46 Prozent steigen.

 

"In der Sexualität geht es grundsätzlich um ausbalancierten Genuss – und diesen kann man nicht durch Abstinenz, sondern durch Gestaltung lernen."

Susa Haberfellner

Ist „NoFap“ hilfreich? Laut Experten darf aber bezweifelt werden, dass der Testosteronspiegel für die bemerkenswerten Erfahrungen verantwortlich ist. Denn zum einen fielen die Werte in der besagten Studie in den folgenden Tagen trotz Enthaltsamkeit wieder auf den Normalwert. Zum anderen schwanken die Testosteronwerte im Blut auch ohne Enthaltsamkeit teils erheblich, wie eine andere Studie herausfand – und zwar um bis zu 42 Prozent in einem Zyklus von mehreren Tagen. Rein körperlich passiert also weder etwas, wenn man onaniert, noch wenn man es nicht tut. Es hat auch keine körperlichen Folgen. Man kann also grundsätzlich alle Vorurteile dazu aus der Welt schaffen: „Fappen“ ist weder schädlich, noch macht es unfruchtbar, Rückenschmerzen oder Haarausfall und Männern geht davon auch nicht der Samen aus.

Ein Trend unserer Zeit? Auf psychologischer Ebene scheint sich die Erfahrung der „NoFapper“, dass sexuelles Verhalten gestaltbar ist, positiv oder kurzfristig positiv auf das Selbstwertgefühl auszuwirken. In unserer Gesellschaft ist ein genereller Trend zur Abstinenz sichtbar – vom Veganismus bis zur Konsumkritik. Das hängt damit zusammen, dass wir in einer immer komplexer werdenden Welt leben, aus der es auszuwählen gilt, und in der man auch das Gefühl bekommen kann, mit sexuellen Stimuli überrollt zu werden. Es scheint, als positionierten sich Menschen dagegen, um sich eine Nische zu schaffen, in der das für sie kontrollierbar und selbstwirksamer gestaltet werden kann. Absolute Abstinenz bedeutet aber nicht, dass man damit im Umgang mit Sexualität und dem eigenen Körper mehr Kompetenz und so ein besseres Sexualleben erlangt. In der Sexualität geht es ja grundsätzlich um ausbalancierten Genuss – und diesen kann man nicht durch Abstinenz, sondern durch Gestaltung lernen.

Hände hin und wahrnehmen! „Fappen“ – mit oder ohne Pornos: Solange Sie Spaß, Genuss, Entspannung und Befriedigung haben und Ihren sonstigen Alltag auf die Reihe bekommen, genießen Sie Ihre Sexualität weiterhin. Die Selbstbefriedigung ist wie das Salz in der Suppe, ein Geschmacksverstärker. Wir Menschen mögen keine versalzene Suppe, aber Salz gehört einfach dazu. So ist es auch mit der Masturbation in einer Beziehung. Es ist nicht alles, kann aber eine schöne Ergänzung für das Sexualleben sein.

Wenn Sie unsicher sind und Unterstützung suchen, helfe ich in meiner Beratungspraxis gern weiter. 


www.haberfellner-sexualberatung.at