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Lifestyle | 06.11.2021

Mit Herz und Verstand

„Kardía“, altgriechisch für „Herz“ – von der gesamten Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit und Gegenwart gilt das Herz als mehr denn ein bloßes Körperorgan. Es beschäftigt nicht nur die Medizin, sondern auch Religion, Philosophie, Psychologie und Neurobiologie. Für die Entwicklung Künstlicher Intelligenzen spielt das Herz bisher nur im über­tra­genen Sinne eine Rolle: als Sitz des Ethos – dafür eine besonders prekäre.

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Es ranken sich viele Mythen um das Herz, einen Blut pumpenden Hohlmuskel, dessen Bedeutung weit über seine mechanische Funktion hinausgeht. Die Azteken, deren Glaube es war, dass die Leben spendende Sonne Herzen und Blut als Nahrung benötigte, vollzogen grausame Herzopferrituale. Für die Alten Ägypter Jahrtausende zuvor war das Herz das zentrale Organ, in dem die Gefühle, die Vernunft und der Wille wohnen. Auch im Alten Orient sah man das Herz als Zentrum des Menschen an, als Sitz der Emotionen und des Verstandes, und ebenso im Christentum gilt das Herz seit Anbeginn als Zentrum des menschlichen Seins und als jener Ort, wo die Verbindung zu Gott am stärksten sei. Hunderte Male kommt das Wort in den Versen der Bibel vor: Das „reine Herz“ ist Inbegriff des Guten, der Liebe, Treue und Glückseligkeit im Menschen. In dieser Bezogenheit des Herzens auf die Liebe und die Religion wurde für den französischen Mathematiker, Physiker und christlichen Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) deutlich, dass das faustgroße Organ seine eigene Logik habe und sein Denken sich nach anderen Gesetzmäßigkeiten als denen der Ratio vollziehe. Mit dem viel zitierten Sinnspruch „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“ setzt Pascal dem seinerzeit herrschenden Rationalismus, nach dem die Vernunft – das reine Denken – einzige Erkenntnisquelle ist, die Logik des Herzens entgegen.  

 

Das Herz wurde im Laufe der Menschheitsgeschichte nur langsam und nie vollständig der mystisch-poetischen Vorstellungen, die in den Kulturen der Welt um es gesponnen worden waren, beraubt. Die meisten Menschen denken auch heute bei der Phrase „ein gutes Herz haben“ noch an einen mitfühlenden, anständigen Menschen und nicht an die gute Verfassung von jemandes Herzen. Unzählige Redewendun­gen rund um das Brustor­gan kennt die deutsche Spra­che, und kein Symbol findet, befrachtet ausschließlich mit positiven Konnotationen, öfter Verwendung im allgemeinen Sprachge­brauch: „Etwas auf dem Herzen haben“, „sich etwas zu Herzen nehmen“, „das Herz am rechten Fleck haben“ oder „sich ein Herz fassen“ sind nur wenige jener überaus zahlrei­chen Phrasen. Die Liste an Sprichwörtern und Redewendungen, Geschichten, Gedichten sowie Liedern zum Thema „Herz“ ist unerschöpflich – und in ihnen liegt mehr als ein Kern von Wahrheit. So stellt das gebrochene Herz, das interkulturell als eine Metapher für intensiven emotionalen Schmerz infolge von unerwiderter oder verlorener Liebe verwendet wird, tatsächlich ein medizinisches Phänomen dar: Das Broken-Heart-Syndrom ist eine durch starken emotionalen Stress erworbene Herzmuskel-
erkrankung, die ähnliche Symptome wie ein Herzinfarkt aufweist. Doch so metaphorisch, lyrisch-pathetisch und zuweilen banal uns die Symbolik und Phraseologie um das Herz scheinen mögen, jenes Organ verkörpert
einen komplexen Inhalt, bei dem medizinische und psychologische sowie Erkenntnisse aus der Kognitions- und Neurowissenschaften gleichermaßen eine Rolle spielen.

 

Herz und Hirn. Dass das Herz über Jahrhunderte den ersten Rang unter den Organen einnahm, ist Aristoteles zu verdanken. Der bedeutende Philosoph des 4. Jahrhunderts v. Chr. vertrat ein kardiozentristisches Menschenbild: das Herz als Sitz der Seele und das Zentralorgan, aus dem der ganze Körper entstanden sei. Während Aristoteles‘ Annahme darin bestand, dass die Aufgabe des Gehirns nur die Abkühlung der im Herzen befindlichen Wärme sei, galt für seinen Lehrer Platon das Gehirn als „das göttlichste Organ“ und „Herr über den ganzen Rest“. Auch der berühmteste Arzt des Altertums und Begründer einer wissenschaftlich orientierten Medizin, Hippokrates, der vor Aristoteles lebte, betrachtete das Gehirn bereits als den Sitz der Empfindung und der Intelligenz. 

Der antiken Herz-Hirn-Kontroverse ein Ende setzte Galen, neben Hippokrates einer der einflussreichsten Ärzte der Antike. Jener assoziierte ebenso das Denken mit dem Gehirn, während er das Gemüt dem Herzen zuordnete. Galens Theorie der Blutbewegung – venöses Blut werde in der Leber, arterielles im Herzen produziert – galt 600 Jahre nach Hippokrates und 500 Jahre nach Aristoteles als vorherrschende und unumstößliche medizi­ni­sche Lehre – 1.500 Jahre lang, bis in die frühe Neuzeit, als der englische Arzt und Anatom William Harvey im 17. Jahrhundert erstmalig den Blutkreislauf im menschlichen Körper beschrieb. Die Entdeckung des Blutkreislaufes war bahnbrechend und kann als Beginn der modernen Kardiologie bezeichnet werden. 

 

Herz, Kopf- und Herzgehirn. Echte – wissenschaftlich fundierte – Konkurrenz durch das Gehirn bekam das Herz erst in der frühen Neuzeit. Mit der intensiveren Auseinandersetzung mit der Anatomie und der Physiologie des Herzens einerseits und dem Beginn der experimentellen Hirnforschung andererseits vollzog sich endgültig eine Umstellung vom Herzen zum Gehirn als das menschliche Zentralorgan, als Sitz aller geistigen Fähigkeiten, als das Organ, dem Empfindungen und Verstand zuzuordnen sind. Durch neurowissenschaftliche Methoden ge­wonnene Erkenntnisse zeigen, dass sich unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein – der Sitz der Seele – im zentralen Nervensystem befinden. Damit einher ging die Einsicht, dass die Hauptaufgabe des Herzens jene ist, Blut durch den Körper zu pumpen und so eine Versorgung aller Organe mit Sauerstoff zu gewährleisten. „Wenn wir es verpflanzen, ändern wir keineswegs die Individualität des Menschen“, lauten die nüchternen Worte Christiaan Barnards, desjenigen Arztes, dem 1967 in Kapstadt mit seinem Team die weltweit erste Herztransplantation gelang. Es herrscht heute dennoch Einigkeit darüber, dass das Herz als mehr denn eine mechanische Pumpe gesehen und auch in seiner seelisch-geistigen Dimension erfasst werden muss. 

Der eingangs zitierte, von Pascal stammende Sinnspruch aus dem 17. Jahrhundert erlangt erst in der Gegenwart wissenschaftliche Gültigkeit: Mit den heutigen Methoden der neurokardiologischen Forschung ist es möglich zu zeigen, dass das Herz tatsächlich eine eigene Logik verfolgt und die neuronalen Wechselwirkungen zwischen Herz und Gehirn komplexer sind, als bisher angenommen: Nicht nur das Gehirn sendet Signale an das Herz – etwa steigt der Puls bei drohender Gefahr –, sondern auch das Herz kommuniziert mit jenem. Die Botschaften unseres Pump­organs haben, indem sie auf unsere Wahrnehmung und unsere Reaktion auf die Umwelt einwirken, Einfluss auf die Gehirnfunktionen. Das Herz ist ein komplexes Informationssystem mit einem eigenen „Gehirn“, einem eigenständigen neuronalen System mit etwa 40.000 Nervenzellen.

Mit seinen 86 Milliarden Nervenzellen bleibt das menschliche Gehirn dennoch das komplexeste Organ, das die Natur je hervorgebracht hat. An seine Fähigkeiten reicht bis heute noch kein KI-Supercomputer heran. Es bleibt in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz mutzumaßen, ob für die Entwicklung menschengleicher oder den Menschen überragender Maschinen das „Herzgehirn“ nicht zumindest ein kleines Teilchen in dem riesengroßen Puzzle darstelle. Gewiss aber scheitert jede KI, so überlegen uns Maschinen mit einer solchen in vielen Bereichen der kognitiven Intelligenz bereits sind, noch in all dem, wofür das Herz in seiner metaphorischen Bedeutung steht: als Sitz der Emotionen, der Werte und der Moral. Für die Kon-

struktion einer menschengleichen Maschine bedarf es noch der Bewältigung mindestens einer allzu schwierigen Aufgabe, nämlich unbelebter Materie eine Seele einzuhauchen. Der Mensch ist so viel mehr als seine kognitive Intelligenz.