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Lifestyle | 17.03.2021

Mit Bio-Kälbern auf Du und Du

Regina Aspalter aus Maria Neustift lässt in ihrem Mutterkuhbetrieb Kälber zu gesunden „Keiwi“ heranwachsen. Die OBERÖSTERREICHERIN durfte der Bäuerin und Landtagsabgeordneten in den Stall folgen – und sich von glücklichen Tieren überzeugen.

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© Dominik Derflinger

Die Supermarkttüre öffnet sich wie von Geisterhand. Die Regale: vollgestopft. Hier findet wirklich jeder etwas, Fleisch, Eier, Käse – je billiger, desto besser. Schnell kaufen, schnell verarbeiten, schnell verbrauchen, das ist die Devise. Wer aber hinter die Kulissen unserer regionalen Lebensmittel blickt, findet so viel mehr als nur ein Mittel zum Leben. Liebe, Leidenschaft, Wissen, einen Kreislauf, der die ganze Wirtschaft Österreichs ankurbelt, Betriebe, in denen Familien arbeiten, um sich selbst ein gutes, nachhaltiges Leben zu ermöglichen – aber auch allen anderen. Regina Aspalter und ihre Familie leben mit ihren Mutterkühen samt Kälbern und Stier auf einem Bergbauernhof in Maria Neustift im Bezirk Steyr-Land. Die sympathische Bäuerin im Interview über ihr Ziel, Landwirtschaft und Politik zu vereinen und beste Produkte mit mehr Tierwohl zu erzeugen.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Der Bergbauernhof Kleinplettenbach, auf dem wir stehen, hat schon Ihren Eltern gehört. Sie sind auf dem Bergbauernhof aufgewachsen, zum Studieren zog es Sie nach Wien. Heute leiten Sie den landwirtschaftlichen Betrieb. Wie kam es, dass Sie zurück zu den Wurzeln gefunden haben? 

Um ehrlich zu sein, geplant war das nicht. Vielmehr habe ich mich als Lehrerin in einer Stadt gesehen und nicht auf dem Bergbauernhof meiner Eltern. Aber wie das Schicksal so will, hat mich die Liebe zu meinem Mann Stefan zurückgeführt. Stefan ist absolut kein Stadtmensch und seine Besuche in Wien waren spärlich. So habe ich schon bald wieder viel Zeit zu Hause am Land verbracht. Dass mich viel mit der Heimat verbindet, zeigt auch das Thema meiner Diplomarbeit über die Haus- und Hofnamen von Maria Neustift. Daraus wurde zu meiner Freude sogar ein Buch gemacht! 

Und Ihre Eltern waren natürlich glücklich, dass die Zukunft des Hofes gesichert ist? 

Absolut! Ich bin als siebtes von acht Kindern aufgewachsen, meine Geschwister gingen andere Wege. Mit Stefan und meiner Übernahme war die Freude meiner Eltern groß, sie ließen uns völlig freie Hand, den Betrieb nach unseren Wünschen zu gestalten.

Mit Ihrer Übernahme wurde der Hof von Milchvieh- auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Was kann man sich darunter vorstellen? 

In den meisten Betrieben werden Kühe gehalten, um Milch zu gewinnen. Wir halten Kühe, um das Fleisch der Jungrinder zu bekommen – in bester Qualität dank bestem Tierwohl. Nachdem mein Mann und ich beide beruflich auch außerhalb der Landwirtschaft tätig sind, kam ein Milchbetrieb alleine aufgrund des zeitgebundenen Melkens nicht mehr infrage. Die Mutterkuhhaltung ist für uns ideal: Das Kalb wird knapp ein Jahr lang von der Mutter-
kuh großgezogen und lebt mit ihr in der Herde, bevor es verkauft oder verarbeitet wird. Von Anfang an entsteht zwischen Mutterkuh und Kalb eine irrsinnig enge Bindung, das ist faszinierend zu sehen.

Aber ist es gerade deswegen nicht schlimm zuzusehen, wenn Kalb und Kuh getrennt werden? Wie funktioniert dieser „Abnabelungsprozess“ bei der Mutterkuhhaltung? 

Die Mutterkuh bekommt ein Kalb im Jahr. Wenn der Stier dann erneut die Kuh deckt, werden das „Keiwi“, also das Jungrind, und die Mutterkuh vor der Geburt des nächsten Kalbes getrennt. Während bei uns das Jungrind in der Herde bleibt, wird die Mutterkuh „trocken gestellt“ – diese Ruhephase hat sie sich redlich verdient, um neue Kraft zu tanken. Nach der Geburt des neuen Kalbes wiederholt sich der Zyklus mit Einschuss der Biestmilch, die stallspezifische Abwehrstoffe enthält und dem Tier einen gesunden Start ins Leben ermöglicht. 

 

 

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© Dominik Derflinger

Milch in den Kaffee, den Kuchen, ins Glas: Viele Menschen wissen gar nicht, dass die Gewinnung des Produktes – zumindest in anderen Ländern – manchmal mit großem Leid der Kühe einhergeht. Wie sieht die allgemeine Situation in Österreich aus?

Österreich liegt ganz weit vorne, wenn es um Tierwohl geht. Kühe sind hochsensible Tiere, die pumperlgesund sein müssen, damit sie hohe Leistungen erbringen können. Wir sind verantwortlich dafür, dass es ihnen gut geht. Hohes Tierwohl zu garantieren, ist für uns besonders wichtig. Die schwarzen Schafe gibt es überall, doch sollte man den Fokus vielmehr auf jene Bauern und Landwirte richten, die mit viel Einsatz und Herz ihre Betriebe führen.

Um die eigenen Produkte aus der Region noch besser sichtbar zu machen, werden die Landwirte kreativ. Auch Sie haben sich mit weiteren Direktvermarktern zusammengeschlossen. Wie? Und wo bekommt man Ihre Produkte?

Unser Ziel war es, Landwirten aus der Nationalparkregion eine größere Plattform zu geben. Schnell haben sich andere Mutterkuhbetriebe herauskristallisiert und zusammen starteten wir mit dem Verkauf des Fleisches unserer Weidejungrinder über die Webseite www.biokeiwi.at. Interessant zu wissen ist: Unsere Kälber wachsen zunächst v. a. durch die Milch der Mutterkuh, aber sie schauen sich schon nach wenigen Tagen einiges von ihnen ab: Sie zupfen beim Stroh und Heu mit und kosten das Gras. Durch diese naturnahe Haltung wird das Fleisch auch bei ganz jungen Kälbern bereits rosa und nach einem Jahr komplett rot. Unsere „Biokeiwis“ schmecken wunderbar zart und finden – durch die kurzen Kochzeiten – vor allem in der jungen Küche Anklang. 

Auch wenn Sie sich mit Herz und Seele der Landwirtschaft verschrieben haben, sind Sie auch außerhalb des Hofs tätig: Ihr Mann Stefan arbeitet als technischer Angestellter in einer Baufirma, Sie haben Ihren Job als Lehrerin an den Berufsbildenden Schulen in Weyer pausiert, um sich als Bildungssprecherin der ÖVP im Landtag im Ausschuss für Bildung, Kultur, Jugend und Sport sowie im Frauen- und Umweltausschuss einzusetzen. Was sind Ihre zentralen Werte – und wie setzen Sie diese um? 

Hier picke ich einen für mich besonders wichtigen Aspekt heraus: Gerade, weil ich „hier draußen“ am Land wohne, liegt mir die Ausbildung unserer Kinder und Jugendlichen in der ländlichen Gegend sehr am Herzen. In den umliegenden Städten und Ortschaften lädt ein Sammelsurium an Schulen und Ausbildungsstätten zu einem gelungenen Start in die Zukunft ein. Viele Unternehmen warten darauf, offene Lehrstellen mit dem kreativen Geist junger Menschen zu füllen – ganz ohne das Klischee „Frauen in die Styling- und Beautybranche, Männer zur Technik“. Dass „unser“ Weg funktioniert, merkt man daran, dass wieder Leben in unsere Ortschaften kommt. Menschen, die weggezogen sind, kommen vermehrt zurück, gründen kleine Dienstleistungsbetriebe und lassen sich bei uns nieder, weil wir großartige Lebensqualität bieten können.

Wie kamen Sie zu der Stelle im Landtag?

Das war überraschend – ebenso wie jede politische Funktion vorher. Kaum von Wien nach Hause gezogen, wurde ich bald zur Ortsbäuerin gewählt. Dann zur Bezirksbäuerin. Und dann zur Landtagsabgeordneten. Gerade letzteres Angebot lehnte ich zunächst ab – ich war gerne Bäuerin und Lehrerin. Doch der Gedanke, noch mehr für meine Region tun zu können, hatte schon auch einen großen Reiz und ließ mich schließlich zusagen. Aber um das umsetzen zu könne, brauchte es viele unterstützende, helfende Hände: die Bäuerinnen und Bauern aus dem Ort und der Region, meine Familie, insbesondere mein Mann Stefan, taten alles, um mir den Start zu erleichtern und den Weg frei zu halten. Dafür bin ich sehr dankbar. 

Sie sind Mutter von zwei Söhnen und erleben die schwierige Zeit für die Jugend gerade selbst. Sind unsere Kinder und Enkel der Schlüssel für eine wertreiche Zukunft der Landwirtschaft und für mehr Tierwohl? Was kann man als Erwachsener tun? 

Ich denke, wir können unseren Söhnen Simon und Florian durch das Leben auf unserem Hof sehr viel mitgeben. Sie sollen spüren, welches „Geschenk“ so ein Flecken Erde ist, auch wenn das viel harte Arbeit bedeutet. Wir lassen ihnen alle Freiheiten, um selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen. Das Wichtigste ist, dass sie lernen, Verantwortung zu leben gegenüber ihren Mitmenschen, den Tieren, der Natur. Wer als Erwachsener seinen Kindern einen wertschätzenden Weg zeigt, schafft schon früh gute Grundlagen. Das fängt an bei Wissen, wie Lebensmittel entstehen, führt über den Griff zu regionalen oder biologischen Produkten im Supermarkt bis hin zum sorgsamen Umgang damit beim Kochen, bei ihrer Verwertung. Dieses Wissen müssen wir vermehrt auch in unseren Schulen vermitteln.

Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirtschaft? 

Die sehe ich im Allgemeinen sehr positiv, aber auch sehr herausfordernd. Wir in Österreich haben extrem hohe Standards bei allen Produkten, die im Regal liegen, sind aber leider nach wie vor in Konkurrenz mit Billigprodukten aus anderen Ländern. Da muss uns allgemein etwas einfallen: EU-weite CO2-Zölle zum Beispiel. Die Landwirtschaft ist ein regelrechter Wirtschaftsmotor: Nur wenn in die Landwirtschaft investiert wird, floriert auch alles rundherum. Eine große Chance sehe ich auch im wieder-
entdeckten Wert der Regionalität. Der Kunde greift zu unseren Produkten, das Geld fließt zurück in die regionale Landwirtschaft und Wirtschaft, der Kreis schließt sich. 

Wo denken Sie liegt die Verantwortung? Beim Konsumenten, bei der Politik oder bei beiden? 

Bei beiden – das sage ich sowohl als Landwirtin als auch als Politikerin. Wir haben auf politischer Ebene große Übereinstimmung darin, dass wir besonders unsere Familienbetriebe unterstützen und erhalten wollen. Die Herausforderung ist, dass die Betriebe genug Einkommen erwirtschaften. Sie haben wie andere Wirtschaftsbetriebe steigende Kosten, der Produktpreis steigt in diesem Maße allerdings nicht mit. Aus diesem Grund besetzen immer mehr Landwirte Nischen und machen durch Direktvermarktung ihre Preisbildung selbst. Die Kunst ist, den Betrieben einerseits die Möglichkeiten zur Entwicklung und Schutz vor außen zu geben – dafür ist die Politik verantwortlich – und auf der anderen Seite die Konsumenten mitzunehmen. Der Anteil an Biobetrieben liegt in Österreich bei rund 20 Prozent und kann nur wachsen, wenn wir uns auch im Supermarkt dafür entscheiden. Produkte aus der Region besonders für Kinder und Jugendliche attraktiv zu machen, sei es mit Lehrpfaden, Schule am Bauernhof- oder spaßigen „Erdäpfelführerschein“-Initiativen – das ist unser Auftrag, z. B. in der Bäuerinnenarbeit.

Auch wenn Sie jetzt in der Coronapandemie mehr Zeit für ihre Familie und den Hof hatten, kommt ein Stück Normalität und der Ruf des Landtags sicher bald wieder. Was machen Sie in der Zeit, wo Sie nicht arbeiten? 

Freizeit habe ich nicht viel, aber glücklicherweise mache ich das, was ich mache, sehr gerne. An freien Abenden und Wochenenden genieße ich die Zeit mit meinem Mann, meinen Kindern, mache Ausflüge in die Natur, den nahegelegenen Nationalpark … Und wenn die Regelungen es wieder zulassen, freue ich mich besonders aufs gemütliche Zusammensitzen mit unseren Freunden.

 

 

 

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© Dominik Derflinger