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Lifestyle | 14.06.2022

Mehr Bodyfeeling, bitte!

Wenn der Sommer naht, bricht bei vielen Frauen Panik aus. Durch ihr negatives Körperbild fühlen sie sich schlecht und unzulänglich. Doch ein vermeintlich perfekter Body bedeutet nicht gleichzeitig ein besseres Leben und fulminanten Sex.

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© Shutterstock

Sommer, Sonne, Urlaubszeit! Endlich werden die Tage länger und die Sonne gewinnt wieder an Kraft. Doch der nahende Sommer verursacht bei vielen Frauen auch Panik. „Kann ich mich denn überhaupt in einem kurzen Sommerkleid zeigen?“, „Bin ich zu dick für einen Bikini?“, „Wie komme ich am schnellsten zur perfekten Bikinifigur?“ Das sind Fragen, die sich vermutlich jede Frau schon einmal im Laufe ihres Lebens gestellt hat. 

Viele Frauen haben ein negatives Selbst- bzw. Körperbild, das von Scham bis hin zu Selbsthass geprägt ist, obwohl sie für die Außenwelt bildhübsch sind. Guter Zuspruch von Familie, Freunden und Partnern hilft den Betroffenen leider wenig, um ein besseres Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen. Die Überzeugung, dass das eigene Leben ein besseres wäre, wenn nur der Körper oder ein Körperteil anders wäre, ist häufig zu fest verankert. Oftmals geht es dann so weit, dass eine ästhetische Operation als einzige Lösung gesehen wird.

 

Belastung nicht bagatellisieren. An dieser Stelle muss allerdings festgehalten werden, dass die subjektive Tatsache, sich in oder mit seinem eigenen Körper nicht wohlzufühlen, eine sehr belastende Situation für betroffene Frauen darstellt, die auch nicht bagatellisiert werden darf. Der subjektive Leidensdruck muss respektiert werden. Wenn die persönliche Unzufriedenheit mit einem Körperteil so groß ist, dass sich quasi der komplette Alltag, das ganze Denken und Tun darum dreht, dann wird nachvollziehbar, wie einschränkend diese Situation erlebt werden kann. Aus diesem Grund ist der Wunsch nach einer ästhetischen Operation oder anderen Körpermodifikation oft sehr intensiv.

 

Symptome sind nicht gleich Ursache.  Als Psychologin und Sexualtherapeutin werde ich sehr häufig gefragt, ob eine Brust- oder Po-Vergrößerung, eine Fettabsaugung oder eine Labienkorrektur nicht nur den Selbstwert grundlegend steigern würde, sondern auch das Sexleben drastisch verbessern würde. Quasi nach dem Motto: perfekter Body samt perfekter Vagina = perfekter Sex. Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. 

Denn nicht immer, aber sehr häufig werden bei Schönheitsoperationen lediglich Symptome behandelt. Bei vielen Frauen geht es in Wahrheit darum, dass ihnen ein guter Zugang zum eigenen (sexuellen) Körper fehlt. Das ist übrigens meistens die Folgewirkung einer limitierten sexuellen Entwicklung, die man sich weder ausgesucht hat, noch daran schuld ist, wenn man es nicht geschafft hat, gut im eigenen Körper zu landen. Hier könnte man gesellschaftspolitisch überlegen, was es braucht, um schon Kinder und Jugendliche dahingehend zu unterstützen.

 

Wenn der eigene Körper fremd ist. Sehr häufig erleben Frauen, die über eine Schönheits-OP nachdenken, ihren eigenen Körper als fremd, fast als Objekt. Sie erleben kaum intensive Körperwahrnehmungen und haben sehr häufig keinen Zugang zur eigenen sexuellen Lust. Wird der eigene Körper als fremd erlebt, dann wird er selbstverständlich mehr von außen betrachtet, als von innen wahrgenommen. Dass in diesem Fall Fotos von Models, die Kiloanzeige auf der Waage, gesellschaftspolitische Weiblichkeitsideale, das Aussehen von Vaginas und Vulvas von Pornodarstellerinnen sehr viel Macht haben können, ist nahezu eine logische Konsequenz. 

Doch zurück zur Frage, welche Auswirkungen eine Schönheitsoperation haben kann. Wenn Operationen lediglich die Symptome lindern, ist es häufig so, dass das tolle Gefühl, jetzt einen schönen Körper zu haben oft nur kurz anhält und sehr schnell ein anderer Körperteil gefunden wird, der nicht ideal erscheint und optimiert werden sollte. Aus dem beraterischen und therapeutischen Blickwinkel heraus ist es deshalb sehr wichtig, sich an den Fähigkeiten und Ressourcen der betroffenen Person zu orientieren. Es geht auch nicht darum, in einer Beratung zu werten, sondern zu unterstützen und eine Lösung zu finden, die für die Betroffene ideal ist. Das ist freilich nicht immer ganz einfach, schließlich ist es manchmal beinahe ein ethisches Dilemma – sollte man als Fachperson einer OP zustimmen, wenn der Leidensdruck aus einer reduzierten (sexuellen) Entwicklung stammt? Inwieweit steht es aber Fachpersonen zu, darüber zur urteilen, welche Lösung der Klient oder die Klientin für sich am besten empfindet?

 

Betroffene respektvoll begleiten. Aus meiner sexualpädagogischen Sichtweise geht es letztendlich darum, betroffene Frauen sehr respektvoll zu begleiten und parallel dazu eine Kultur des Körperspürens zu etablieren. Denn viele positive Spürerlebnisse mit dem eigenen Körper führen nicht nur zur Gehirnaktivierung und Hormonausschüttung, sondern fördern auch die Selbstwahrnehmung. Je besser Frau sich im Körper spürt, desto besser wird auch der Zugang zur eigenen sexuellen Lust – und das nachhaltig! Diese Nachhaltigkeit vermögen Schönheitsoperationen meist nicht zu gewährleisten. 

 

Text: Heidemarie König