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Lifestyle | 02.11.2022

Männer und ihre Gefühle

Männer tun sich oft schwer damit, Emotionen zu zeigen. Weil es ihnen über Generationen abtrainiert wurde. Darum braucht es jetzt mutige Vorbilder, die anderen Männern ermöglichen, es ihnen gleich zu tun.

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© Shutterstock

Beim letzten Spiel von Tennis-Superstar Roger Federer sind nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Spielerkollegen Tränen geflossen. Rafael Nadal und er haben sich zeitweise sogar an den Händen gehalten. Große Emotionen, die man bei Männern nicht so oft sieht. Dabei wäre es wichtig, dass auch Männer Gefühle zulassen und zeigen, weil immer ein tieferer Sinn dahintersteckt, wie Lebens- und Sozialberater Christian Haider in unserem Interview erklärt. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Wenn Superstars wie Roger Federer und Rafael Nadal in der Öffentlichkeit weinen – was ist das für Sie für ein Zeichen? Sind sie damit auch wichtige Vorbilder?
Christian Haider: Ja, das ist eine gute Richtung. Sport ist ein gesellschaftlicher Raum, der es Männern leichter möglich macht, Emotionen zu zeigen. In vielen Bereichen ist das jedoch noch tabu! Männern wurde über Generationen abtrainiert, sogenannte schwache Gefühle wie Traurigkeit, Angst oder Hilflosigkeit zu zeigen. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ – wir kennen die entsprechenden Redewendungen, die Erziehung und Sozialisation lange geprägt haben. Somit haben wir gelernt, bestimmte Emotionen zu verdrängen, und haben stattdessen Abwehrmechanismen und Kompensationen entwickelt.

 

Warum darf auch ein Mann weinen, ohne als Memme abgestempelt zu werden?
In der Frage spiegelt sich bereits das Problem – und zwar, dass Gefühle bei Männern oft als negativ bewertet werden, obwohl Weinen etwa eine urmenschliche Eigenschaft ist. Bei Frauen bewerten wir Weinen eher als empathisch, bei Männern hingegen als schwach, weiblich, schwul. Allerdings kommen wir Menschen alle mit dem gleichen Set an Grund-Emotionen auf die Welt. Aus der evolutionärbiologischen Perspektive haben diese Gefühle das Überleben gesichert und sind an sich weder gut noch schlecht, sondern erfüllen Funktionen. So hilft uns Wut, uns zu verteidigen, und Angst schützt uns vor Gefahren.

 

Woran liegt es, dass sich viele Männer auch im Jahr 2022 immer noch für ihre Gefühle schämen und sie deshalb auch nicht zeigen wollen?
Auch hinter dem Gefühl der Scham steckt Sinn. Es motiviert uns, Fähigkeiten zu entwickeln, weil wir nicht für „dumm“ gehalten werden wollen. Das ist die positive Seite. Die andere Seite von Scham ist, wenn wir beschämt werden. In diesem Fall signalisiert uns das Schamgefühl die Übertretung eines geschützten Bereichs. Die Scham dient als Beschützer von Grenzen und Selbstwertgefühl. Wenn wir uns also so zeigen, wie wir sind und dabei das Gefühl des Beschämt-Werdens erleben, überfordert uns das und es kann auch traumatisierend sein. 

 

Hat es auch damit zu tun, dass Männer gar nicht wissen, wie sie Emotionen ausdrücken können? Wenn sie Emotionen ausleben, dann sind es ja oft eher aggressive – eben männliche – Gefühle …
Ja, genau, die sogenannten „starken“ Gefühle. Ich stimme völlig zu, diese entstammen unserer Sozialisierung. Wir haben sie bei jemand anderem gesehen und dann übernommen, also einen Lernprozess durchlaufen. Eigenständige emotionale Kompetenz setzt jedoch voraus, dass wir uns aktiv mit uns selbst befassen, dass wir erkennen, welche Gefühle gerade in uns sind und dass wir diese benennen können. Gefühle geben Hinweise auf unsere Bedürfnisse. So wie es Anzeichen für körperliche Grundbedürfnisse, wie Hunger, Kälte oder Müdigkeit, gibt, so weisen Gefühle auf seelische Grundbedürfnisse hin, etwa das Bedürfnis nach Nähe, Abgrenzung, Orientierung oder  Entspannung. Wir müssen lernen, unsere Gefühle zu lesen, und verstehen, auf welche Bedürfnisse sie hinweisen. 

 

Kann man(n) lernen, seine Gefühle zu zeigen? Was ist ein Schritt in die richtige Richtung?
Reden! Sich anvertrauen. Sich zumuten. Im ersten Schritt geht es darum, eigene Emotionen zu erkennen und spüren zu lernen, sie dann zu akzeptieren, das dahinterstehende Bedürfnis zu erkennen und passend zur Situation adäquat auszudrücken. Das geschützte Setting einer Beratung kann helfen, das Bedürfnis dahinter zu verstehen und das Gefühl zu nützen, es über Kommunikation so einzusetzen, dass wir von der Emotion weder gelähmt noch überschwemmt werden. Sie können ein Experiment versuchen: Sagen Sie einem guten Freund, dass Sie ihn mögen und was Sie an ihm schätzen. 

 

 

Kontakt

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© privat

Mag. Christian Haider

Psychosoziale Beratung

Schachen 3, 4724 Eschenau/Hausruckkreis

Tel. 0664/1136921

E-Mail: [email protected]

www.christianhaider.at