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Lifestyle | 26.10.2022

„Lieber Boden als Luxus“

Michaela Sommer ist modern, bodenständig, sympathisch. Eine, die anpackt. Und vor allem eine, die nicht nur Lebensmittel, sondern eine Extraportion Wissen auf den Tellern der Konsumentinnen und Konsumenten serviert. Ein Kurztrip zur Bäuerin nach Pichling bei Linz, der die Augen öffnet.

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Bäuerin Michaela Sommer © Dominik Derflinger

Die Fotoaufnahme aus dem Jahr 1960 im Eingangsbereich des Seebauer-Hofes erzählt eine Geschichte. Zu erkennen sind eine Handvoll Bauernhäuser, ein großer Gemüsegarten, ein paar Felder, sonst nichts. Heute hat sich einiges geändert: Der Hof steht nach wie vor, der Gemüsegarten ist auf ein Drittel geschrumpft, die große Weite einer Siedlung, Neubauten und der B1 gewichen. Und hier, mitten in Pichling am Linzer Speckgürtel, geht Michaela Sommer ihrem Landwirtinnen-Leben nach, während die Häuser um sie mehr und die Natur weniger werden. Ein Interview übers Leben zwischen Stadt und Land, über ihr Ziel, den Konsumenten endlich wachzurütteln und darüber, warum sie trotz derzeitiger Grundstückspreise ihr Land nicht verkauft. 

 

Welche Geschichte hat der SeebauerHof in Pichling?

Viele meinen, der Hof hat seinen Namen vom nahegelegenen Pichlingersee. Mit dem hat er aber gar nichts zu tun. Im Jahr 1471 gab‘s die erste urkundliche Erwähnung, darin kam ein „Otto bei dem See“ vor. Daraus wurde der Seebauer – und nach Hunderten von Jahren schließlich der Seebauer-Hof. Ich bin hier aufgewachsen und als einzige Tochter war es klar, dass ich den Hof einmal übernehmen werde, das war zu meiner Zeit vorgegeben. 

Dazwischen gab es keinen Abstecher in einen anderen Job?

Doch, den gab es. Nach der Matura habe ich zwölf Jahre auf der Bank gearbeitet, im Dokumentengeschäft. Als erst mein Sohn und dann meine Tochter zur Welt kamen, bin ich daheim – und schlussendlich auch in der Landwirtschaft – geblieben. 

Statt wie üblich in Alleinlage, befindet sich der Seebauer-Hof nur wenige Kilometer vom Linzer Stadtzentrum entfernt. Wie schwierig ist die Bewirtschaftung einer fast schon städtischen Landwirtschaft? 

Der Hof ist nicht wie sonst inmitten der Felder situiert, sondern wir haben hier vielmehr eine typische Streulage. Sprich, die Felder verteilen sich im gesamten Siedlungsgebiet. Das hat Vor-, aber auch Nachteile: Einerseits wird beispielsweise bei Hagelunwetter nicht die gesamte Fläche zerstört, andererseits ist die Bewirtschaftung wesentlich komplizierter, da auf den kleinen Grundstücksgrößen auch bei der Arbeit mit den Maschinen mehr Vorsicht geboten ist. Richtig spannend wird es, wenn auf zwei Seiten Gartenzäune stehen und du die Maschinen wenden musst…

Gibt es bei einer solchen Siedlungslage zeitweise auch Probleme mit den Nachbarn?

Gott sei Dank nicht. Manche Kollegen klagen sehr, mal wird der Geruch bemängelt, mal die Lautstärke der Maschinen oder Tiere – ich darf mich wohl glücklich schätzen, ein so gutes Verhältnis zu den Menschen in der Siedlung zu haben.

 

 

 

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Kraftplatz. In ihrem Gemüsegarten kommt Michaela Sommer zu Ruhe. © Dominik Derflinger

Nun ist Pichling eine begehrte Wohnlage. Kein Wunder, bietet die Gegend doch die Nähe zur Stadt und ländlichen Charakter gleichermaßen. Gibt es Begehrlichkeiten? Möchte jemand Ihre Felder kaufen?

Es besteht kein massiver Druck, aber ja, Wohnungsgenossenschaften melden sich immer wieder bei mir, ebenso private Häuslbauer, die einen Grund für ein Einfamilienhaus suchen. 

Und da wird man anlässlich der derzeitigen Grundstückspreise nicht schwach?!

Natürlich könnte ich verkaufen und mir ein schönes Leben machen. Aber dabei denke ich an meinen Papa, zu dem sie schon vor 40 Jahren gesagt haben, er solle doch verkaufen. Seine Antwort: „Ich will im Alter nicht sagen, dass es meine einzige Leistung war, dass ich verkauft habe. Das ist nicht meine Lebensplanung, Grund und Boden zu verkaufen. Nicht einfach für Luxus.“ Außerdem wäre es doch auch irgendwie langweilig. Wenn ich Ackerfläche hergeben würde, dann nur, wenn ich woanders welche bekommen würde. Und nachdem Land ein rares Gut ist, und ich keine Stunden in der Woche auf Straßen verbringen möchte, bleibt mein Land auch genau da, wo es ist. 

Wie ist Ihr Leben am Hof?

Die letzten Jahre hat sich einiges verändert, alles ist digitaler geworden. In der Früh schaue ich meine Mails durch, gleich nach dem Kaffee. Dann geht’s entweder zu Terminen außerhalb des Hofes oder direkt an die Haus- und Hofarbeit: Der Garten, die Obstbäume und der Fischteich müssen gepflegt werden, im Herbst schneide ich Brennholz vom eigenen Wald, der auch einiges an Zuwendung braucht, ich verbringe viel Zeit auf dem Traktor und auf den Feldern, überprüfe die Gesundheit der Pflanzen beim Schadschwellen-Monitoring, vermiete ein paar Wohnungen im umgebauten Haus meiner Großmutter … es gibt immer und überall etwas zu tun. 

Klingt nach viel Arbeit. Bekommen Sie Hilfe?

Mein Sohn Michael unterstützt mich seit dem Tod meiner Eltern, wo er kann. Nachdem er aber selbst Produktionsleiter von drei landwirtschaftlichen Betrieben ist, ist seine Zeit natürlich knapp. Meine Tochter Theresa macht gerade in Wien ihren PhD in Molekularmedizin. Wenn sie zu Hause in Oberösterreich ist, findet man sie im Gemüsegarten – das ist ihre Welt! (lacht)

Was bauen Sie auf Ihren Feldern an?

Derzeit Brauweizen für die Bierherstellung, Sojabohnen für die Saatgut-Vermehrung und Zuckerrüben. Ich probiere gerne aus, habe schon immer Versuche am Feld gemacht. 

Ist Ihnen etwas besonders in Erinnerung geblieben?

Das Urgesteinsmehl und der Kümmel. Über Letzteren hat mein Sohn seine Maturaarbeit geschrieben. Vom Anbau über die Düngung bis hin zur Ernte war der Kümmel ganz schön viel Arbeit, mit dem habe ich so nicht gerechnet. 

Ihre Sojabohnen durchlaufen nach der Ernte diverse Stationen, bevor sie im Frühling ausgesät und später zu Speisesoja werden. In Zeiten von Veganern und Flexitariern: Merkt man eine größere Nachfrage?

Als Produzent spürt man nichts. Wir werden aber immer wieder gefragt, was das ist, was so „auffällig behaart“ im Feld wächst. Mein Vater hat schon vor 35 Jahren Soja angebaut, wir kennen also die kleine Feldfrucht in- und auswendig und freuen uns, dass sie immer mehr Beachtung findet. 

Sie haben außerdem einen Fischteich. Wie erging es den Tieren im Hitzesommer 2022?

Die Algenbildung durch die Hitze war massiv. Die Quellen haben weit weniger Wasser gegeben, die Wasserpflanzen sind förmlich explodiert und haben alles in Beschlag genommen. Glücklicherweise können die Fische darin trotzdem leben, solange der Sauerstoffgehalt stimmt. Nur nachdenklich stimmt es einen schon – anhand des Fischteichs merkt man, was im Sommer überall passiert ist, nur als kleinstes Beispiel. 

Viele sind Hörndl-Körndlbauer, oft über Generationen. Der Nachwuchs geht heute oft andere Wege als „die Alten“. Aber: Immer mehr junge Leute kommen als Quereinsteiger in die Landwirtschaft. Ist sie wirklich „zum Träumen schön“?

Der Traum und die Realität klaffen oft stark auseinander. Aber ich mag niemandem ausreden, es zu versuchen. Ich habe meinen Beruf auf der Bank sehr gerne gemacht, mir trotzdem jedes Jahr im Frühjahr gedacht, dass die landwirtschaftliche Arbeit der schönste aller Berufe ist. Man macht etwas Sinnvolles, das die Menschheit wirklich braucht. Ich sehe jedoch die Entwicklung der Quereinsteiger als etwas Gutes. Jeder, der einen Bezug zur Natur entwickelt und Verständnis für sie hat, ist ein Gewinn für uns alle. 

 

 

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Die guten ins Töpfchen … Schon Michaela Sommers Vater hat vor 35 Jahren Sojabohnen angebaut. © Dominik Derflinger
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Haarig. Viele Spaziergänger fragen sich, was diese exotischen Pflanzen sind. Die Sojabohnen haben ja auch ein besonderes Aussehen! ©: Dominik Derflinger
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Jeder Arbeitsschritt wird penibel durchgeführt. Sicherheit ist in der Landwirtschaft ein großes Thema. © Dominik Derflinger
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Der Pilz ist drin. Hier sieht man eindrucksvoll den Unterschied zwischen einem gesunden und einem vom Pilz befallenen Blatt. Mit guter Pflege kann man die weitverbreitete Krankheit eindämmen, ganz weg bekommt man den Pilz nicht mehr. ©: Dominik Derflinger

Die Preise derzeit – vor allem bei den Lebensmitteln – wachsen gerade so gut wie allen über den Kopf. Man hört, die Leute wenden sich nach einem regelrechten Bio-Boom wieder vom Bio ab, kaufen schlimmstenfalls billig, bestenfalls regional. Stimmt das? 

Ja, das ist wirklich so. Die Bio-Betriebe haben Einbrüche. Keine existenzbedrohenden, aber trotzdem: Der Hype, der durch Corona gekommen ist, ist weg. Zumindest wird weiterhin stark auf die Region geschaut. Die Leute wollen wissen, wo ihr Essen herkommt.

Gerade jetzt, wo in der Ukraine nach wie vor Krieg herrscht, ist Regionalität ein nochmal größeres Thema. Die Prognosen haben düster ausgesehen, wie ist derzeit die Situation bei Dünger und Import?

Die Preise sind gewaltig explodiert, wer da nicht voreingelagert hat, hat teuer zukaufen müssen, teilweise zum fünffachen Preis. Warum Kalidünger so teuer geworden ist, kann ich mir aber auch nicht erklären. Für dessen Produktion braucht man kein Gas. Manche Teuerungen sind also gar nicht transparent. Österreich steht auf dem Lebensmittelsektor bei Grundnahrungsmitteln glücklicherweise relativ gut da, nur Mais für die Stärkeproduktion könnte noch ein Thema werden. 

Wenn die Region wieder in den Mittelpunkt gerückt wird, bekommt man dann als Landwirt wieder marktgerechte Preise?

Verlangen können wir sie, ob wir sie bekommen, ist die andere Frage. Die Preise sind gestiegen, die Produktionskosten auch – und das gewaltig. Ein Bekannter von mir, er ist Direktvermarkter, muss statt bisher 4.000 Euro Energiekosten im Jahr jetzt plötzlich 22.000 Euro zahlen. Wie soll man da kostendeckend produzieren?

In Ihren politischen Funktionen sitzen Sie an der Quelle zu allem, was LandwirtInnen und BäuerInnen beschäftigt … 

Das stimmt, ich bin im Linzer Gemeinderat und setze mich dafür ein, dass die Anliegen der Landwirte mehr wahrgenommen werden. Seit gut einem Jahr bin ich auch Bezirksbäuerin von Linz Stadt und Land. Und dann bin ich eigentlich überall dort dabei, wo Konsument und Produzent zusammengeführt werden. Erst kürzlich bei „So schmeckt Linz!“, einer Kooperation, bei der in ausgewählten Restaurants ein Menü mit Produkten rein von den Linzer Landwirten serviert wird. 

Das schafft mehr Verständnis für eure Arbeit und eure Produkte? 

Absolut! Die Linzerinnen und Linzer wissen zum Teil nicht, welche Schätze wir haben. Das müssen wir ändern! 

Wann haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Der Weg ist das Ziel! Ich möchte Information zum Konsumenten bringen, Neugierde für die Produkte wecken, das Verständnis für die Natur fördern und Missverständnisse aufklären.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich kann mich regelmäßig aufregen, wenn auf einem Plakat ein blühendes Rapsfeld und ein Traktor mit einer Feldspritze zu sehen sind – und darunter irgendetwas von „Glyphosat“ und „Gift“ steht. Kein Landwirt würde seine Ernte abspritzen! Was ausgebracht wird, ist ein Mittel gegen den Rapsglanzkäfer, der die Knospen der Pflanze auffrisst. Und ohne Knospen gibt‘s nun einmal keine gesunde Pflanze, die ganze Ernte ist hinüber. Es entstehen viele Irrmeinungen durch Nichtwissen. Das ist unangenehm bis gefährlich. 

Das heißt?

Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, den Konsumenten die Landwirtschaft zugänglicher zu machen. Möchte unsere wunderbare Arbeit und ihre sprichwörtlichen Früchte zum Erlebnis machen – nicht nur auf dem Teller. Wir leben in der Natur, mit der Natur und von der Natur. Verständnis für sie zu haben, ist das Mindeste, was wir tun können. 

 

Text: Denise Derflinger

 

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Bäuerin Michaela Sommer in ihrem Zuckerrübenfeld. ©: Dominik Derflinger
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Schadschwellen- Monitoring. Die Landwirtschaft wird immer digitaler. Auf dieser Webseite erkennt man deutlich, welche Region mit welchen Rübenkrankheiten zu kämpfen hat. © Dominik Derflinger
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Zum Besitz gehört auch ein Wald. Die Nachfrage nach Holz ist in den letzten Wochen stark gestiegen. ©: Dominik Derflinger
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Hofgespräche. Redakteurin Denise Derflinger hat natürlich viele Fragen. Wie war das nochmal mit dem Schadschwellen-Monitoring?