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Lifestyle | 17.08.2020

Liebe Vaginas...?

Feminismus in lustvoller Verpackung: Was mit einer abenteuerlichen Interviewanfrage begann, gipfelte in einem aufregenden Gespräch – mit den „Vaginas im Dirndl“.

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© Bettina Frenzel, Benjamin Hofmann

Wie verfasst man eine Interviewanfrage an ein kreatives Trio, das sich „Vaginas im Dirndl“ nennt? Liebe Vaginas? Das hat die Autorin dieser Zeilen nicht übers Herz gebracht, was sie wiederum – und das freut die Protagonistinnen besonders – zum Nachdenken brachte: Vagina ist kein Schimpfwort, weshalb also die Skrupel?

An der holprigen Anrede ist das Interview zum Glück nicht gescheitert: Gelungen ist ein bereicherndes Treffen mit den drei Bühnenfrauen und Musikerinnen Ursula Anna Baumgartner, Daniela Lehner, beide aus Oberösterreich, und Sina Heiss, gebürtige Tirolerin. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Hand aufs Herz: Gab es Empörung bei der Oma wegen eurem Namen?

Alle lachen.

Sina Heiss: Ihre erste Reaktion war: „Mei Sina, warum musst du so grausige Sachen machen?“ Dann habe ich ihr erklärt, dass noch immer viele Mädchen und Frauen ungerecht und gewalttätig behandelt werden und dass unser Programm Mädchen und Frauen in der Gesellschaft stärken soll. Das hat meine Oma verstanden. Sie ist dann in der ersten Reihe gesessen mit meinem Opa und die beiden haben sich prächtig amüsiert.

 

Wieso „Vaginas im Dirndl“?

Sina Heiss: Es gibt von Eve Ensler ein Broadway-Stück namens „Vagina-Monologe“; das war in den 1990ern der Renner und der Skandal – und wird bis heute aufgeführt. Unsere Themen sind ähnlich; unser Programm ist ein Aufklärungsabend für Erwachsene. Die Frage war: Wie versteht es das Publikum am besten? Die alpenländische Tradition und das Gstanz­l­singen kennen alle, das ist etwas Vertrautes, Verwurzeltes. Ebenso das Dirndl. Die eigene Sexualität sollten auch alle kennen und damit vertraut sein, aber weil es eben nicht so ist, entsteht ein Spannungsfeld zwischen Vagina und Dirndl. Das ist eine freche Kombi, die Unsicherheit, Empörung und Belustigung hervorruft; genau das ködert die Leute. Wenn sie dann in die Show kommen, führt das in den meisten Fällen zu sehr positiven Reaktionen.

 

… und ehe sie Euch live erlebt haben?

Ursula Anna Baumgartner: Wenn wir einen Auftritt haben, hängen im Vorfeld Plakate mit „Vaginas im Dirndl“. Dann kommt schon vor, dass sich die Leute beim Bürgermeister oder der Bürgermeisterin beschweren. Manchmal werden auch Plakattafeln zerstört. Einmal rief eine ältere Dame an, die Sorge hatte, dass wir uns über das Dirndl lustig machen. Uns bestärkt all das, wie wichtig unser Programm ist.

Daniela Lehner: Ich bin erst seit Kurzem dabei und habe die Show zuvor im Publikum erlebt. Mir hat’s sofort total getaugt; es hat mich nachdenklich gemacht und mein Bewusstsein geschärft, was unsere Gesellschaft betrifft, etwa wie die Rollenverteilungen sind.

 

Ihr nennt es einen Aufklärungsabend. Wo haben wir Nachholbedarf?

Ursula Anna: Das fängt schon an bei: Wie benenne ich das da unten? Es gibt eine Leerstelle, wenn es heißt „da unten“. Wenn man nicht darüber reden kann, ist es nicht existent. Wir beginnen damit, dass wir über die Anatomie sprechen.

Sina: Viele wissen nicht: Was ist der Unterschied zwischen Vulva und Vagina?

Daniela: Wir selbst haben viel gelernt. Mein Sexualkundeunterricht war jetzt nicht so … Haben wir das in der Schule überhaupt gemacht? Oder habe ich ein Buch gelesen? Das weiß ich nicht mal mehr. Wir öffnen eine Tür, damit sich die Leute damit befassen können.

Sina: Dabei färben wir die Thematik mit Humor positiv ein, die Musik bringt Leichtigkeit. Es soll lustig und lustvoll sein. Wir möchten einen anderen Blickwinkel zeigen: Dass Sexualität nicht schmutzig, pervers, grausig ist, sondern Spaß machen soll. Das ist auch wichtig für die Erziehung. Kinder lernen in erster Linie von ihren Eltern. Wenn nun Anspannung herrscht, wenn es um das Thema Sexualität geht oder bestimmte Worte fallen, erzeugt das Scham. Die wollen wir abbauen.

 

 

 

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© Bettina Frenzel, Benjamin Hofmann

Wie sind die Reaktionen nach der Show?

Daniela: Zuletzt haben mich Leute direkt angesprochen: „Vorher konnten wir das nicht, aber jetzt können wir offen darüber reden.“ Die Show gibt Selbstvertrauen, dass man offen sein kann, weil Sexualität uns alle betrifft.

Sina: Wir verkörpern auf der Bühne Figuren, die sich stereotypisch „weiblich“ oder „männlich“ verhalten, die unsicher sind, selbst Fragen haben und ein bisserl hinter dem Mond leben. Das Publikum darf dann schlauer sein, es darf unsere Fragen auch weiterdenken.

 

Ihr habt ein Musikvideo namens „Erdbeerwoche – Miaßn damma goa nix!“ gemacht – als Antwort auf einen frauenverachtenden Hip-Hop-Song. Wie ging es Euch, als Ihr den gehört habt?

Ursula Anna: Wir konnten es nicht fassen und haben gewartet, dass im Song irgendwann der Twist kommt, wo er sagt, es war nicht so gemeint. Das passiert aber nicht. Schlimm ist, wenn so ein Song unter dem Deckmantel Kunst veröffentlicht wird, wenn so etwas zum guten Hip-Hop-Ton gehört. Das hören sich auch Kinder und Jugendliche an, da bleibt irgendwie die Message hängen.

Sina: So leicht, wie wir es schaffen, das Wort Vagina an einem Abend zu enttabuisieren, so leicht gelingt das leider dem Rapper KC Rebell mit dem Wort „bitch“. Dann wird es noch cool, es zu verwenden; junge Frauen haben dann die Vorgabe, „bitches“ zu sein – und sind schlimmstenfalls gern die „bitch“.

Ursula Anna: Da wird propagiert, dass die Frau immer verfügbar zu sein hat. Wenn sie nicht will, wird sie runtergemacht. Wir konnten das nicht stehenlassen. Wir haben die Parodie als Antwort gewählt.

 

Ist es auch Euer formuliertes Ziel, feministisch aktiv zu sein?

Sina: Das sind wir automatisch, wenn wir für die Rechte und Wertigkeit der Frau und ihrer Sexualität einstehen.

Ursula Anna: Wir betreiben aber kein Männer-Bashing.

Sina: Unser Publikum ist gemischt.

Ursula Anna: Auch altersmäßig. Es kommen ganz junge Leute, aber auch ältere Paare, die sich am meisten wegkeksen. Alle können an dem Abend etwas lernen. Aber wir sagen sicher nicht, die Männer sind die Bösen, die Frauen die Armen.

Daniela: Würden wir mit dem Finger auf den Mann zeigen, würde es auch gar nicht das Problem lösen. Wir brauchen uns alle; wenn sich etwas ändern soll, müssen alle zusammenhelfen.

 

Termine

 

29. August, bucklARTs Festival,

Kirchschlag, Passionsspielhaus;

Termine, auch für OÖ, werden laufend erweitert: www.vaginasimdirndl.com