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Lifestyle | 14.06.2016

Liebe riskieren

Liebesbeziehungen verlangen heute mehr als jemals zuvor – geben aber auch mehr als je zuvor. Das behauptet Michael Mary, einer der bekanntesten Paar- und Singleberater Deutschlands in seinem neuen Buch „Liebe will riskiert werden“. Die OBERÖSTERREICHERIN hat ihn dazu befragt.

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© Shutterstock

Je individueller wir leben, desto mehr wollen wir von jemandem geliebt werden. Der individuelle Mensch von heute will nicht mehr bloß in einer Partnerschaft leben, er will die „Ganzliebe“. So lautet die Ausgangsthese Michael Marys in „Liebe will riskiert werden“. Diese Ganzliebe birgt dem Autor zufolge viel Potenzial, ist aber auch riskant. Warum die Gefahr des Scheiterns in der Liebe so essenziell ist, wie man jemanden „ganz“ lieben kann und warum uns die Beziehungsform „friends with benefits“ nicht erfüllen kann, erklärt Michael Mary im Interview.

 

Die Menschen haben heute hohe Erwartungen an eine Liebesbeziehung. Welche sind das und was hat sich gegenüber früher geändert?

Eine Paarbeziehung beinhaltet heute idealerweise drei Bindungs- oder Liebesformen: die partnerschaftliche Bindung, die freundschaftliche Bindung und die emotional-leidenschaftliche Bindung, während es früher genügte, partnerschaftlich verbunden, ein „gutes Team“ zu sein. Alle drei Liebesformen miteinander zu haben, und das über einen langen Zeitraum, ist in der Tat ein hoher Anspruch.

 

Die Rolle des Mannes als Versorger, die der Frau als Mutter und Erzieherin der Kinder – diese Rollenverteilung ist heute keine Grundlage mehr für eine Paarbeziehung. Was sonst ist die Grundlage?

Der Schwerpunkt von Beziehungen verlagert sich. Die partnerschaftliche Bindung verliert an Bedeutung, weil sich jeder selbst versorgen kann. Die freundschaftliche Bindung ist ebenfalls nicht mehr so wichtig, wie das noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war, als es Partnern noch darauf ankam, sich im „persönlichen Wachstum“ zu unterstützen. Heute ist die emotional-leidenschaftliche Liebe diejenige Bindungsform, die in den Vordergrund rückt.

 

Sie haben nun drei Formen von Paarliebe erwähnt: die partnerschaftliche, die freundschaftliche und die emotional-leidenschaftliche. Es gibt dann noch die ursprünglichste Form, die geschlechtliche Liebe. Für welche gibt es am ehesten eine Bestandsgarantie?

Angeblich wollen Partner, dass eine Liebe – gleichgültig, um welche Form es sich handelt – auf Dauer bestehen soll. Diese Vorstellung hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Wenn es dann zu Konflikten kommt, zeigt sich aber, dass die Qualität einer Beziehung längst höher gewertet wird als deren Dauer. Dauer ist nicht mehr die Nummer eins in der Paarliebe, auch wenn sich das alle gern einreden wollen.

 

Und noch eine Beziehungsform: „friends with benefits“ – Freundschaft mit Sex, Spaß, Unabhängigkeit, komplikationslos ohne Beziehungsstress. Warum kann uns diese nicht erfüllen?

Weil heute die emotional-leidenschaftliche Bindung die wichtigste ist. Man braucht jemanden, der einem das Gefühl gibt, „ganz“ geliebt zu sein. Dieses Gefühl kann nur ein Liebespartner vermitteln, kein Freund mit Zusatznutzen, weil man sich nur dem Liebespartner gegenüber „ganz“ zeigt.

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Michael Mary gibt Antworten: Warum Paare heute anders lieben und wie sie damit glücklich werden.

Viele Frauen in Österreich haben heute tolle Jobs, sind materiell unabhängig, haben gute Freunde, Sex, wenn sie wollen, und können auf diesem oder einem anderen Weg sogar ein Kind bekommen, auch dafür ist kein Partner nötig. Wozu dann noch eine Beziehung?

Sie beschreiben da den heute typischen individualisierten und unabhängigen Menschen. Der kann gut alleine leben, aber er kann nicht alleine LIEBEN. Das bedeutet, er kann sich nicht selbst die Bestätigung geben, als das Individuum, als das er sich empfindet, liebenswert und begehrenswert zu sein. Dazu braucht man einen Partner oder eine Partnerin, jemanden, dem man Einblick in jenen Kern der Individualität gewährt, wohin sonst niemand schauen darf. Man braucht dazu einen Menschen, mit dem man intim ist, vor allem emotional intim, den man „ganz“ liebt und von dem man sich „ganz“ geliebt fühlt.

 

Was muss man sich unter „Ganzliebe“ vorstellen?

Einen Menschen „ganz“ zu lieben ist nicht möglich, weil man niemanden „ganz“ kennenlernt, nicht einmal sich selbst. Insofern ist Ganzliebe keine Tatsache, sondern ein Eindruck. Diesen Eindruck kann man sich gegenseitig vermitteln. Es ist für uns individualisierte Menschen beinah unverzichtbar, jemanden zu haben, von dem man sagen kann, er oder sie „liebt mich ganz, so wie ich bin“. Ansonsten bliebe man im Innersten mit sich allein und in sich verloren.

 

Wie gibt man jemandem das Gefühl, dass man ihn oder sie „ganz“ liebt? 

Heute sagen Partner: „Ich will als der geliebt werden, der ich bin.“ Dazu muss man sich auch als dieser zeigen, sich dem Partner gegenüber offenbaren. Die Ganzliebe lebt von gegenseitiger Offenbarung und Zuwendung, insofern ist die Paarliebe emotionaler geworden, als sie es je war. Die emotional-leidenschaftliche Liebe kann nur erhalten werden, indem man sie von Zeit zu Zeit riskiert. Denn wenn man zeigt, dass und wie man sich verändert hat, läuft man Gefahr, dass der Partner sich von einem abwendet. Anders als durch Selbstoffenbarung ist das Gefühl, geliebt zu werden, aber nicht zu haben. Wer sich dem Partner gegenüber verbirgt, kann nämlich nicht als derjenige geliebt werden, der er ist. Daher der Titel des Buches: Die emotional-leidenschaftliche Liebe kann nur erhalten bleiben, wenn sie riskiert wird.