Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 12.09.2022

Lass uns darüber reden...

Unfreiwilliger Harnverlust ist häufig. Doch man kann etwas dagegen tun.

Bild 2209_BL_EssityTena.jpg
Auch bei unfreiwilligem Harnverlust sollte man keinesfalls auf sportliche Tätigkeiten verzichten. © Shutterstock

Harn in bestimmten Situationen zu verlieren, ist unangenehm, man schämt sich. Um das 50. Lebensjahr geben etwa 25 rozent der Frauen an, zumindest gelegentlich unfreiwillig Harn zu verlieren, so der Urologe Univ.-Prof. Dr. Stephan Madersbacher. Dieser Prozentsatz steigt auf etwa 35 Prozent jenseits des 60. bis 70. Lebensjahres an. Für unfreiwilligen Harnverlust kann eine überaktive Blase oder eine Belastungsharninkontinenz ursächlich sein. Die OBERÖSTERREICHERIN im Gespräch mit dem Vorstand der Abteilung für Urologie und Andrologie, Klinik Favoriten, Wien.

 

 

Oberösterreicherin: Was versteht der Urologe unter Belastungsinkontinenz? 

Prof. Dr. Stephan Madersbacher: Wenn der Harnverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Laufen auftritt, handelt es sich um die sogenannte Harnbelastungsinkontinenz. In diesen Situationen wird der Beckenboden stark belastet, deshalb auch der Name.

 

Was kann man vorbeugend dagegen tun?

Die wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung eines unfreiwilligen Harnverlustes sind das Lebensalter, Übergewicht, Schwangerschaft, Zuckerkrankheit und vorangegangene Operationen im kleinen Becken. Somit ist die wichtigste vorbeugende Maßnahme die Gewichtsreduktion. Es gibt diesbezüglich eine Reihe von Studien, die zeigen, dass jedes Kilogramm Gewichtsabnahme von Vorteil ist.

 

Was raten Sie Frauen in der Schwangerschaft? 

Die Schwangerschaft ist ein bedeutender Risikofaktor für die Entwicklung einer Harninkontinenz. Ob ein Kaiserschnitt das Risiko für eine spätere Harn­inkontinenz im Vergleich zu einer Geburt auf natürlichem Wege senkt, ist umstritten. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, während der Schwangerschaft danach zu trachten, nicht übermäßig Gewicht zuzunehmen, regelmäßig den Beckenboden zu trainieren und nach der Geburt zu versuchen, wieder möglichst rasch das Idealgewicht zu erreichen.

 

Wie waren Inkontinenzbehandlungen während der Pandemie möglich? 

In der Hochphase der Pandemie und während der strengen Lockdowns waren urologische Eingriffe außer bei Tumor- und Steinpatienten stark eingeschränkt. Seit über eineinhalb Jahren sind Inkontinenzoperationen jedoch wieder uneingeschränkt möglich. Die Abklärung und Behandlung der Harninkontinenz ist eine Kassenleistung und muss nicht privat bezahlt werden.

 

Wann ist eine OP unumgänglich? Was können Frauen mit Inkontinenz tun, die sich nicht operieren lassen wollen?

Die Ersttherapie beim unfreiwilligen Harnverlust ist immer konservativ, das heißt eine Lebensstilmodifikation und ein konsequentes Beckenbodentraining unter professioneller Anleitung. Erst wenn diese Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führen, wird mit der Patientin nach einer eingehenden funktionellen Abklärung die Möglichkeit einer Operation besprochen. Die Operation ist minimalinvasiv und der Spitals-
aufenthalt beträgt zwei bis drei Tage. 

 

Sollte man Laufen, Springen und Tanzen bei Inkontinenz komplett vermeiden?

Nein, denn jede sportliche Aktivität steigert das Wohlbefinden und hilft, das Gewicht zu halten bzw. zu reduzieren und dabei wohl auch den Beckenboden zu stärken. Ich würde den betroffenen Frauen empfehlen, sich ärztlichen Rat zu holen und mit gezielten Übungen den Beckenboden zu kräftigen, aber sicher nicht, auf sportliche Aktivität zu verzichten.

 

Wie kann man das Thema Inkontinenz enttabuisieren?

Durch Artikel wie diesen. Ich denke, dass auch die diversen Werbungen zu Inkontinenzeinlagen oder zu Medikamenten gegen die überaktive Blase zu dieser Enttabuisierung beitragen. Tatsächlich wird aber immer noch von zu vielen Frauen der Harnverlust im Alter als unvermeidbare Konsequenz des Alterns angesehen, und sie suchen keine Hilfe.

 

Text: Christine Dominkus