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Lifestyle | 03.07.2018

Kriminell spannend

Dass hinter einem Kriminalroman viel mehr steckt als Verfolgungsjagden und Blutvergießen, beweist die Grand Dame des österreichischen Krimis Edith Kneifl in ihrem aktuellen Roman aufs Neue.

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Kriminalautorin Edith Kneifl. (© Celine Daliot)

Traditionell galten Krimis im Literaturbetrieb als gering geschätzte Trivialliteratur für ein wenig anspruchsvolles Lesepublikum, und das, obwohl auch Literaturgrößen wie Friedrich Schiller, Friedrich Dürrenmatt oder Theodor Fontane literarisch anspruchsvolle Kriminalromane geschrieben haben und eines der größten Stücke der Weltliteratur – Fjodor M. Dostojewskis „Schuld und Sühne“ – ein Kriminalroman ist. Mittlerweile hat sich der schlechte Ruf in einen wahren Hype verwandelt. Der Kriminalroman erfreut sich heute nicht nur höchster Beliebtheit, was steigende Auflagen und Verkaufszahlen erkennen lassen, sondern ist auch eine anerkannte Literaturgattung, für die zahlreiche Literaturpreise vergeben werden und die auch renommierte Literaturverlage für sich entdeckt haben. Dass es in Krimis um viel mehr als die Frage „Wer ist der Täter?“ geht, zeigt auch der neueste Roman von Edith Kneifl, „Der Tod ist ein Wiener“. Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, die in Wels geboren wurde, in Lenzing im Bezirk Vöckla­bruck aufwuchs und in Wien lebt, hat den perfekten beruflichen Background fürs Krimischreiben: einen Doktortitel in Psychologie („mich hat die Psychologie nie sonderlich interessiert, die Psychoanalyse dafür umso mehr“) und langjährige Erfahrung als Psychoanalytikerin mit eigener Praxis. Dem Schreiben widmete sie sich bis zu ihrer Pensionierung stets nebenbei. Ihrer Produktivität tat dies nie einen Abbruch – ihr neuester Roman ist bereits ihr 23. Wir haben die wichtigste Vertreterin des Krimi-Genres in Österreich zum Gespräch getroffen.

 

Krimis und Psychoanalyse – eine wahrlich perfekte Kombination. Dass der Fokus in Ihren Kriminalromanen auf den Tätern liegt, hängt wahrscheinlich mit Ihrer langen Karriere als Psychoanalytikerin zusammen.

Es gibt einen schönen Spruch: „Kriminalschriftsteller sind die Psychoanalytiker der menschlichen Schattenseiten“. Es ist sicher so, dass zwischen meiner Faszination für den Kriminalroman und meiner Tätigkeit als Psychoanalytikerin ein Zusammenhang besteht. Ich glaube nicht an das Märchen von Gerechtigkeit. Die Morde in meinen Büchern sind Racheakte, die Opfer haben den Tod oft verdient. Das ist moralisch natürlich nicht vertretbar, dennoch möchte ich genau aufzeigen, analysieren, wie es so weit kommt, dass jemand sich zu einem Mord gezwungen fühlt. Mich als Psychoanalytikerin interessieren vor allem die Motive der Täter und Täterinnen – bei mir sind es ja sehr oft Frauen, die morden. Ich habe ein Faible für Schwache, für die Versager der Gesellschaft. Diese behandle ich sehr ausführlich in meinen Romanen. Sie sind aber oft die Mörder. Die Opfer interessieren mich weniger.

 

Sie wurden in Oberösterreich geboren, leben aber schon sehr lange in Wien, das Schauplatz einiger Ihrer Kriminalromane ist. Brauchen Sie die Stadt als Inspirationsquelle? Wobei in unserer Bundeshauptstadt ja nicht so viele Morde passieren ...

Etwas mehr als die Hälfte meiner Romane spielt in Wien, wo ich nun seit 45 Jahren lebe. Ich schreibe aber auch gerne über andere Länder, allerdings nur solche, die ich gut kenne. Italien, USA oder Griechenland, zum Beispiel, wo ich mich jeweils länger aufgehalten habe. Aber zu Ihrer Frage: Nein, eigentlich nicht. Ich sage immer: „Zu Wien fällt mir nix ein.“ (lacht) Wien ist keine Stadt, die mich besonders inspiriert zu einem Krimi, da wären Houston, Texas, oder Florenz schon anregender. Da ich aber nun mal in Wien lebe und die Stadt so gut kenne, fällt mir dann doch auch immer etwas ein, was ich zu einem Krimi verarbeiten kann.

 

„Der Tod ist ein Wiener“ ist Ihr bereits 23. Kriminalroman. Daneben haben Sie auch Essays, Erzählungen, Kriminalanthologien sowie zwei Drehbücher verfasst. Gehen Ihnen die Ideen nie aus?

Nein. (lacht) Ich habe schon wieder Ideen für die nächsten drei Romane. Diese kommen mir beim Zugfahren, im Flugzeug, in den unmöglichsten Situationen, aber immer nur dann, wenn ich Muße habe. Oder ich lasse mich inspirieren durch alte Bahnhöfe oder Hafenstädte ... Ich habe übrigens auch eine Reihe mit historischen Krimis verfasst. Da gibt es ausnahmsweise eine männliche Hauptfigur, einen Ermittler namens Gustav von Karoly, der übrigens mein Traummann ist – als Schriftstellerin kann ich mir den ja schaffen. (lacht) In einem Jahr schreibe ich einen historischen Krimi, im anderen einen zeitgenössischen, der reine Fiktion ist.

 

Die Schuld und ihre Sühne sind grundlegende Archetypen spätestens seit der biblischen Geschichte von Kain und Abel. Immer schon sind Menschen vom Bösen fasziniert und an seinen Ursachen interessiert. Wurzelt darin unsere Faszination für das Genre Krimi?

Es hat sicherlich etwas damit zu tun, ja. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum wir so gerne Krimis lesen, aber vor allem auch darüber, warum wir sie so gerne schreiben. Die Motive sind ähnlich. Es gibt drei: zum einen die eigenen Ängste, die man zu bewältigen versucht, indem man sich in einem Kriminalroman in die nicht realen Ängste verwickeln lässt. So kann man die eigene Angst ausleben, und zwar ungefährlich, weil einem ja nichts passiert. Meine männlichen Kollegen hören das übrigens nicht so gerne. Sie wollen nicht zugeben, dass sie Angst haben. (lacht) Zum anderen geht es um unterdrückte Aggressionen. Das ist der Grund, warum besonders auch Frauen so gerne Krimis lesen: Frauen werden immer noch so erzogen, dass sie ihre Aggressionen zurückhalten und unterdrücken, und im Lesen von Krimis können sie sie ausleben, indem sie sich mit den Tätern identifizieren. Das dritte Motiv wäre die menschliche Neugier. Neugier im ganz positiven Sinne als Wissbegier. Krimis wecken diese, man will wissen, wer der Täter ist, was sein Motiv war.

 

Was macht einen guten Krimi aus?

Spannung, Spannung, Spannung – ohne Spannung kann es kein guter Krimi sein! Spannung zu erzeugen, das ist auch das Schwierigste beim Schreiben.

 

Krimis sind die perfekte Sommer­urlaubslektüre, indem sie Spannung in den – hoffentlich – relaxten Hotel-Strand-Alltag bringen. Haben Sie, neben Ihrem eigenen neuen Buch, einen persönlichen Krimitipp für uns? 

Robert Wilson schreibt die spannendsten Krimis überhaupt. Sein neuestes Werk heißt „Die Stunde der Entführer“. Wen ich noch gut finde, ist Jean-Claude Izzo mit seiner „Marseille-Trilogie“.

 

Ihnen wurde kürzlich bei der CRIMINALE in Halle, Deutschland, der renommierte „Ehrenglauser“ für Ihr literarisches Schaffen im Bereich Kriminalliteratur sowie für Ihr Engagement für den deutschsprachigen Kriminalroman verliehen. Eine große Ehre – erzählen Sie!

Ja, ich bin so glücklich darüber und fühle mich wahnsinnig geehrt. Ich habe 1992 als erste Frau überhaupt den Friedrich Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres erhalten: „Zwischen zwei Nächten“. Ich war nicht nur die erste Frau, sondern auch die erste Nicht-Deutsche, die diese Auszeichnung erhielt. Ein Preis, den ich immer wollte, war der Ehrenglauser. Als ich erfuhr, dass ich ihn verliehen bekommen würde, bin ich fast in Ohnmacht gefallen. Und ich bin schon wieder die erste Österreicherin, die den Preis bekommen hat. Es gibt nur vier Schriftsteller, die beide Preise haben, den Friedrich Glauser-Preis und den Ehrenglauser. Von denen bin ich die einzige Österreicherin.

 

Wie ist es um den Kriminalroman heute bestellt?

Der Kriminalroman wird heute stark gepriesen. Er ist total im Trend, was leider zur Folge hat, dass jeder glaubt, Krimis schreiben zu können. Aber so einfach ist es nicht. Es entsteht viel schlechte Kriminalliteratur, der Markt wird nahezu überschwemmt. Zeitungen nehmen uns nicht mehr so ernst. Meine ersten Romane wurden im deutschen Feuilleton besprochen, das passiert heute nicht mehr.


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BUCHTIPP. Edith Kneifl: "Der Tod ist ein Wiener"

Frauenpower, Wiener Charme und Spannung pur

Ein neuer Fall führt die drei vom Naschmarkt, das sind Detektivin Magdalena und ihre Freundinnen Elvira und Sofia, in eine Jugendstilvilla am Rande des Wienerwalds. Im Auftrag der ehemaligen Kunsthändlerin Adele sollen sie die zur Adoption freigegebene Tochter ihrer bester Freundin Larissa ausfindig machen. Dieser möchte Adele ihre Kunstsammlung vermachen. Klingt nach Routinearbeit für erprobte Detektivinnen – aber weit gefehlt. Die Schatten der Vergangenheit lauern hinter jedem Baum des Wienerwalds. Bei den Ermittlungsarbeiten stößt das Trio bald auf dunkle Abgründe: Adeles Freundin Larissa, eine psychisch kranke Malerin, hatte sich in den 1970ern in der Wiener Psychiatrie am Steinhof das Leben genommen. Adele möchte aber nicht recht daran glauben und vermutet Heinrich, Adeles ehemaligen Verehrer und gleichzeitig Larissas damaligen Arzt im Otto-Wagner-Spital, hinter dem vermeintlichen Sui­zid. Dann stirbt Adele plötzlich – und wertvolle Zeichnungen von Egon Schiele und Oskar Kokoschka verschwinden aus Adeles Sammlung. Hat es jemand auf Adeles Erbe abgesehen?

Edith Kneifl: „Der Tod ist ein Wiener. Die drei vom Naschmarkt ermitteln“; Haymon Verlag, ISBN 978-3-7099-7901-3, € 12,95