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Lifestyle | 10.03.2021

Kinder leiden massiv

Fehlende Außenkontakte machen Kinder und Jugendliche krank, bestätigen Psychologen. Wir haben am Department für Psychosomatik für Kinder und Jugendliche im Klinikum Wels-Grieskirchen und beim Welser Psychologen Dr. Boris Krenn nachgefragt.

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© Shutterstock

Schule mit Coronatest, MundNasen-Schutz und geteilter Klasse. Trotz erster Lockerungen leiden Kinder und Jugendliche besonders unter den einschränkenden Maßnahmen. Von einer Normalsituation sind wir noch weit entfernt. Bereits seit dem ersten Lockdown ist am Department für Psychosomatik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Wels-Grieskirchen klar abzusehen, dass immer mehr junge Patienten mit ausgeprägten Formen der Magersucht in den Mittelpunkt rücken. Viele von ihnen haben zusätzlich Schwierigkeiten, Emotionen zu regulieren  und versuchen, innere Spannungsgefühle unter anderem über selbstverletzendes Verhalten abzuleiten. Department-Leiter Adrian Kamper erklärt, weshalb die empfindliche Psyche der Heranwachsenden durch die Pandemie besonders leidet.

 

Jugendliche leiden massiv. „Wir erleben Jugendliche, die unter der Lockdown-Situation massiv leiden – eine Vielzahl an Ängsten hat sie wortwörtlich im Griff“, so Kamper. Drei große Gruppen kristallisieren sich heraus. „Jene, denen die Tag-Nacht-Strukturierung abhandenkommt – im Versuch, über Social Media Halt zu finden, gleiten sie in eine „Always-On-Welt“ ab. Weiters merken wir Perspektivenverlust, Erschöpfungsgefühle, depressive Symptome, Lebensüberdruss sowie verstärkt wahrgenommene körperliche Schmerzen.“ 

 

Gewicht zugelegt. Bei jungen adipösen Menschen werden die Folgen emotionaler Regulierungsversuche mittels verstärkter Nahrungszufuhr inklusive Kontrollverlust (Binge Eating) beobachtet. Rasche Gewichtszunahmen von zehn und sogar zwanzig Kilogramm sind möglich. „Es mehren sich aber auch die Kontaktaufnahmen durch Eltern von Kindern mit vorbestehenden psychischen Grunderkrankungen, wie Störungen aus dem Autismus-Spektrum, sowie mit mentalen Handicaps in Verbindung mit Problemen der emotionalen Regulation und des Sozialverhaltens. Konkret geht es dabei zumeist um steigende Aggression und ihre Folgen kombiniert mit Überlastung betreuender Familienmitglieder. Alle Gruppen sind beeinflusst durch die starke Reduktion außerhäuslicher Versorgungsangebote, welche Struktur geben, unterstützen, entlasten und Sozialkontakte ermöglichen.

 

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Primarius Dr. Adrian Kamper, Leiter vom Department für Psychosomatik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Wels-Grieskirchen © Klinikum Wels-Grieskirchen/Nick Fleischmann

Lagerkoller bei Eltern. Aber auch immer mehr Eltern entwickeln einen Lagerkoller. Die Überforderung der Erwachsenen wirft für Kinder viele Fragen auf: „Kann ich helfen? Kann ich etwas dafür? Bin ich eine Belastung für meine Eltern?“. Psychosozial vorbelastete Familien haben weniger eigene Ressourcen zur Bewältigung des monatelangen Ausnahmezustandes der Pandemie zur Verfügung. Eskalationen nehmen zu. Die Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Krisenbewältigung sind notwendig, denn täglich wiederkehrende Streitereien und Konflikte in der Familie schädigen Kinder nachhaltig.

 

Persönlicher Konakt fehlt. Gespräche mit Jugendlichen und Lehrkräften weisen darauf hin, dass junge Menschen wieder verstärkt nach persönlichem Kontakt mit Freunden bzw. der Peer-
group suchen.  „Social Media konnte anfangs zwar eine gewisse Wirksamkeit als Kontaktüberbrückung entfalten, aber erfreulicherweise zeigt sich, dass wir direkt gelebte Beziehungen zum Leben und zur Alltagsbewältigung schätzen und benötigen“, so Kamper.

 

Keine Entspannung in Sicht. Die psychischen Auswirkungen der beschränkenden Maßnahmen werden für Kinder und Eltern aber erst in Form von Erschöpfung und Krisen voll spürbar werden“, so Kamper. „Die Rückkehr zum Alltag bringt sofort neue Herausforderungen mit sich, eine ruhige Zeit, um durchzuatmen, wird es nicht geben“, befürchtet der Pädiater. „Gehen wir davon aus, dass 25 bis 30 Prozent der Jugendlichen signifikante Belastungen durch die Pandemiezeit verspüren, dann darf es nicht verwundern, wenn nach den Pandemie-Lockerungen keine Entspannung hinsichtlich der psychischen Situation der Kinder und Jugendlichen zu erwarten ist.“

 

 

Darauf sollten Eltern achten

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© Shutterstock

Kinder- und Jugendexperte Adrian Kamper rät: 

 

Geben Sie darauf acht, ob sich das Kind zurückzieht, sich am Morgen nicht mehr 

ankleiden oder lieber überhaupt im Bett bleiben will. 

 

Nehmen Sie die Kinder ernst, wenn sie körperliche Beschwerden schildern.

 

Unternehmen Sie gemeinsame Aktivitäten und binden Sie Ihre Kinder in 

alltägliche Handlungen mit ein – im Familienleben genauso wie im Haushalt.

 

Hinterfragen Sie das Aufgeben von Alltagsritualen, Interessens- sowie 

Appetitverlust. 

 

Deutliche Warnsignale vonseiten der Kinder sind das Ablehnen von 

Kommunikation, ein ungewohnt gereiztes, aggressives Verhalten ebenso wie 

zunehmende Ängste und zwanghaftes Verhalten, Zeichen von Verzweiflung 

sowie der Griff zum Alkohol bei Jugendlichen. Äußerungen bezüglich 

Lebensüberdruss sind immer ernst zu nehmen!

 

Lassen Sie sich beraten und nehmen Sie professionelle 

Unterstützungsangebote an, wenn Ihr Kind nicht gewohnte 

Verhaltensweisen und Emotionen zeigt oder auch 

dementsprechende Äußerungen erfolgen, sei dies nun 

lautstarker Protest oder ein Verstummen!“ 

 

Infos unter: www.klinikum-wegr.at

 

Auffälligkeiten ernst nehmen

Dass die Pandemie einen Stressfaktor für Kinder und Jugendliche darstellt, merkt auch der Psychologe Dr. Boris Krenn in seinen Praxen in Wels und Pötting. Neben klassischen depressiven Symptomen ortet er bei den jungen Patienten, die zu ihm in die Praxis kommen, auch Perspektivenlosigkeit und aggressives Verhalten. Sein Rat lautet: „Eltern sollen in keinem Fall zögern, fachliche Hilfe anzunehnen.“ 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Herr Dr. Krenn, eine aktuelle Studie der Donau-Universität Krems zeigt, dass die Hälfte aller jungen Erwachsenen unter depressiven Symptomen leidet. Vor allem junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren sind besonders belastet. Merken Sie das auch in Ihren Praxen?

Die Erfahrungen aus dem Praxisalltag bestätigen diese Studie. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen fühlen sich offensichtlich psychisch belastet, insbesondere seit der zweiten Lockdown-Phase. Veränderungen zeigen sich gezwungenermaßen im Freizeitverhalten. Die Beschäftigung mit dem PC nimmt erheblich zu, Aktivitäten außerhalb der Wohnung bzw. des Hauses nehmen ab. Das tägliche Spielen am Computer beträgt oft mehrere Stunden und löst bei Eltern Hoffnungslosigkeit aus. Konflikte im bestehenden Familiensystem sind vorprogrammiert. Nun suchen oft auch Familien, die in der Vergangenheit über ein intaktes Familienleben verfügt haben, Hilfe. Die Pandemie stellt einen Stressfaktor dar, der nicht nur bestehende Probleme verstärkt. 

 

Mit welchen Symptomen kommen Kinder und Jugendliche zu Ihnen?

Neben klassischen depressiven Symp-
tomen und Perspektivenlosigkeit sind auch aggressive Verhaltensneigungen zu beobachten. Vor allem vorbelastete Kinder und Jugendliche reagieren in Belastungssituationen fremd- und selbstgefährdend, nicht selten auch mit sozialem Rückzug. Zwänge, Essstörungen, Ängste, Schlafstörungen und Drogenmissbrauch sind ebenso häufiger auftretende Beschwerden. 

 

Was bedeuten Homeschooling und fehlender Kontakt zu Freunden für die Psyche von Kindern und Jugendlichen?

Gerade in der Pubertät sind Kontakte zu Gleichaltrigen und gemeinsame Aktivitäten enorm wichtig. Die diesbezügliche Entwicklung ist unter den gegebenen Bedingungen besorgniserregend. Homeschooling schafft zwar eine mäßige Abhilfe und oftmals auch Strukturen, stellt aber keinen vollwertigen Ersatz dar. Lern- und konzentrationsschwache Kinder leiden unter diesen Lernbedingungen besonders. Die fehlende persönliche Unterstützung und Motivation durch die Pädagogen lassen die ohnedies mit geringem Selbstwert ausgestatteten Schüler schneller als früher verzweifeln. Das Leben erscheint perspektivenlos und erlaubt weder Planungen noch Träume. 

 

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Psychologe Mag. Dr. Boris Krenn © Klinikum Wels-Grieskirchen/Nick Fleischmann

Was können Eltern tun, um Kinder und Jugendliche zu unterstützen?

Sofern die Eltern (noch) über Zeit und Ressourcen verfügen, sollten positive Strukturen und Abwechslung durch gemeinsame Aktivitäten (Kochen, Sport, Spiele), wenn möglich im Freien, geschaffen und Geduld, empathisches Zuhören und Verständnis für die belastende Lebenssituation entgegengebracht werden. Bewegung unterstützt den Stressabbau und die Endorphinausschüttung. Wenig empfehlenswert sind Pauschaltipps und oberflächliche Kommentare wie „Es wird schon wieder“ oder „Lass dich nicht so gehen“. Derartige Aussagen setzen die betroffenen Kinder noch mehr unter Druck. 

 

Wann sollten sich Eltern für ihre Kinder Hilfe beim Psychologen holen? 

Grundsätzlich sind negative Veränderungen und Verhaltensauffälligkeiten ernst zu nehmen. Symptome wie Rückzug, Schuldgefühle, Vernachlässigung der Körperhygiene, Gespräche über Suizid und Tod, Aussagen über Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit sowie Selbst- und Fremdverletzungen sind sehr ernst zu nehmende Alarmsignale, die auf die Notwendigkeit einer Unterstützung hinweisen. 

 

Wie schaut es mit den Kapazitäten der psychologischen Beratung und Betreuung aus? 

Aufgrund der außerordentlichen und anhaltenden Krisensituation sind mit hoher Wahrscheinlichkeit viele Kolleginnen und Kollegen ausgelastet. Dennoch gibt es unverändert Anlaufstellen für psychische Notfälle. In Anbetracht des oftmals enormen Leidensdrucks sollte trotz anfallender Kosten seitens der Eltern nicht gezögert werden, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.  In diesem Zusammenhang darf ich auf klinische Psychologen, Psychotherapeuten und Fachärzte verweisen. Meine Tätigkeit umfasst psychologische Beratung und die Diagnose psychischer Belastungen und Störungen.