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Lifestyle | 12.07.2021

Ich muss jetzt gar nichts!

Die meisten Menschen konnten das Lockdown-Ende gar nicht erwarten – und nicht wenige sind nun überfordert mit dieser „neuen“ Freiheit. Wir sagen: Machen Sie, was Ihnen Spaß macht! Sie können alles und müssen nichts!

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© Shutterstock

Seit Mitte Mai ist der Lockdown zu Ende. Wir dürfen unsere Freizeit endlich wieder dort verbringen, wo wir es wollen. Im Restaurant, im Fitnessstudio, im Theater. Im Kaffeehaus, im Kino, im Museum. Man kann für ein Wochenende in eine andere Stadt und sogar ins Ausland auf Urlaub fahren. Endlich nicht mehr „eingesperrt“ sein – was für ein großartiges Gefühl! Oder? Denn nicht wenige Menschen empfinden seit einigen Wochen so etwas wie Freizeitstress. Sie wollen überall hingehen, alles machen, was irgendwie geht. Man hat schließlich viel versäumt und deshalb entsprechend viel aufzuholen.

„Sich jetzt unter Druck zu setzen, halte ich für keine gute Idee“, sagt Maria Kaiser. Sie ist klinische Psychologin und Psychotherapeutin bei der Beratungsstelle Mikado in Sarleinsbach. „Natürlich ist es verständlich, dass nach dem Lockdown-Ende alle wieder leben und genießen wollen. Wichtig ist allerdings, dass man es ruhig und gelassen angeht. Es sollte nicht so sein, dass die Freizeit in Stress ausartet – nur, weil jetzt alles wieder erlaubt ist.“

 

Die Angst, etwas zu verpassen. Für dieses Phänomen gibt es sogar einen eigenen Namen: FOMO (Fear Of Missing Out), zu Deutsch, die Angst, etwas zu verpassen. Ein Phänomen, das es nicht erst seit der Pandemie gibt. Es scheint so, als mache ein voller Terminkalender – auch in der Freizeit – einen Menschen aus. Nur wer viel unternimmt und erlebt, scheint zu zählen. „Den Wert eines Menschen macht aber etwas völlig anderes aus als sein Terminkalender“, betont Kaiser. „Wenn man Menschen danach fragt, kommen Werte wie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit oder Fürsorge. Niemandem würde einfallen, hier ein vollgestopftes Freizeitprogramm zu nennen.“ 

Was diesen Druck zusätzlich verstärkt und viel Unruhe bringt, sind für die Expertin die sozialen Medien: „Wenn man sieht, welche Fotos von Freunden und Bekannten gepostet werden, wo sie überall unterwegs sind und was sie dort nicht alles erleben, kommt einem das eigene Leben daheim schnell mal langweilig vor. Wenn man sich mit anderen vergleicht, führt das unweigerlich zu Unzufriedenheit, obwohl man davor eigentlich ganz glücklich mit seinem Leben und seiner Freizeitgestaltung war.“

 

 

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© Shutterstock

Die eigenen Bedürfnisse zählen. Maria Kaiser rät, gut bei sich zu bleiben und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Postings in den sozialen Medien seien immer nur eine Momentaufnahme, die man gern hinterfragen darf. Dann kommt man vielleicht drauf, dass dem Foto vom wunderschönen See zwei Stunden Stau vorausgegangen sind. Oder dem Familienausflug ein ausgewachsener Streit am Morgen. „Das alles sieht man auf dem tollen Bild natürlich nicht, aber man darf sich ruhig fragen, ob etwas tatsächlich auch den eigenen Bedürfnissen entspricht oder man es nur machen möchte, weil es die anderen auch tun“, so die Expertin.

Was sie ebenfalls empfiehlt: sich jenes Gefühl des Herunterkommens, das viele Menschen während dem ersten Lockdown verspürt haben, auch weiterhin beizubehalten. Es helfe dabei, alles ein bisschen gelassener und bewusster anzugehen. Man muss nicht jedes Wochenende verplanen, sondern darf auch mal Mut zur Lücke haben. Wenn man kein Programm hat, kann man spontan entscheiden, worauf man Lust hat. „Und es ist völlig okay, es sich daheim gemütlich zu machen“, betont Kaiser. „Das heißt nicht automatisch, dass man langweilig ist. Jeder muss sein individuelles Maß finden, mit dem er sich wohlfühlt.“

 

Positive Aspekte sozialer Kontakte. Wobei es durchaus wichtig ist, seine sozialen Kontakte zu pflegen und wieder hinauszugehen – auch wenn man sich mit der Zeit gut ans Daheimbleiben gewöhnt hat. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist. Andere Menschen zu treffen, zählt zu seinen Grundbedürfnissen. Wird dieses Bedürfnis allerdings über einen längeren Zeitraum nicht gestillt, lernt das Gehirn, auch ohne soziale Kontakte auszukommen bzw. sie nicht mehr als solche wahrzunehmen. „Vor allem intro-
vertierte Menschen tun sich schwer damit, wieder unter Leute zu gehen, und entfremden sich so ein bisschen von der Gesellschaft“, weiß Kaiser. „Für sie ist es besonders wichtig, ihre Komfortzone daheim zu verlassen und all die positiven Seiten sozialer Kontakte zu sehen – Anerkennung, Abwechslung, Wertschätzung.“ 

Besonders hart getroffen hat die Pandemie auch junge Menschen. „Für Jugendliche ist ein Jahr eine sehr lange Zeit, weil sie einfach noch nicht die Erfahrung haben“, erklärt die Expertin. „Da ist es natürlich verständlich, dass sie vieles aufholen wollen – jetzt, wo ihnen die Welt wieder offensteht. Sie wollen etwas erleben, sich ablösen und ausprobieren. Aus Sicht der Eltern muss es aber trotzdem Grenzen und einen Rahmen geben, in dem sich Jugendliche bewegen dürfen. Eine gute Orientierung dafür bietet das Jugendschutzgesetz.“

 

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© Shutterstock

Ihrer Lebenszeit beraubt. Doch auch ältere Menschen haben das Gefühl, jetzt aufholen zu müssen, was sie im vergangenen Jahr versäumt haben. „Viele Menschen der Generation 50plus fühlen sich durch die Pandemie um ihre ohnehin schon knappe Lebenszeit beraubt“, sagt Sabine Linser, die sich als Mentaltrainerin auf eben diese Zielgruppe spezialisiert hat. „Jetzt haben sie das Gefühl, auf keinen Fall noch mehr verpassen zu wollen. Ob das aber sinnvoll ist, wage ich zu bezweifeln, denn dieses wilde Planen und Organisieren, nur um alles wieder auszukosten, kann in Überforderung und Stress enden. Das wiederum belastet unser Immunsystem.“ 

Aus diesem Grund sei es weitaus besser, seine Freizeit reflektierter zu gestalten und die neu gewonnene Freiheit bewusst zu genießen. „Alleine das Wissen, dass ich mich morgen ins Auto setzen und nach Italien fahren kann, wenn ich das möchte, macht schon frei“, so Linser. „Ich finde auch die Erkenntnis wichtig, wie wertvoll unsere Freiheit ist, die wir vor der Corona-Zeit für selbstverständlich hingenommen haben.“

 

Raus aus der Komfortzone. Manchmal ist bei älteren Menschen allerdings auch das Gegenteil der Fall. Sie haben sich in dieser langen Zeit an das Daheimbleiben gewöhnt. Soziale Kontakte werden für sie jetzt zur Herausforderung. Sie sind aber essenziell für unser Menschsein, wie die Expertin betont: „Soziale Kontakte bestimmen unser Leben, sie stärken unser Immunsystem und unseren Organismus. Nicht-Socialising, also Einsamkeit, ist die häufigste Todesursache, weil daraus viele Folgeerkrankungen entstehen. Darum ist es jetzt wichtig, sich zu öffnen und wieder unter Leute zu gehen. Denn wenn wir unseren eigenen Wirkungskreis nicht erweitern, schaffen wir Raum für Depressionen und Ängste.“

Alles kann, nichts muss – das ist für Sabine Linser der gesündeste Zugang, mit unserer „neuen“ Freiheit umzugehen. Dazu gehört auch, ehrlich zu kommunizieren, was man machen will und vor allem auch, was man vielleicht nicht mehr machen möchte, weil es einem in der Vergangenheit schon nicht gut getan hat. „Man muss nicht jedem Termin hinterherjagen“, betont die Mentaltrainerin. „Man muss auch nicht glauben, überall dabei sein zu müssen, oder Angst haben, etwas zu verpassen, wenn man einen Termin einmal nicht wahrnimmt. Ich habe dazu einen Spruch gefunden, den ich sehr passend finde: Freiheit beginnt dort, wo die Angst endet.“

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Sabine Linser ist Mentaltrainerin und Emotionscoach. Sie unterstützt und begleitet vor allem Menschen der Generation 50plus. sabine-linser.com © Gregor Hartl

Die Angst, etwas zu verpassen

FOMO (Fear Of Missing Out) beschreibt die Angst, etwas zu verpassen. Die Menschen sorgen sich darum, soziale Interaktion, ein Ereignis oder eine vermeintlich wichtige Erfahrung zu verpassen und somit nicht mehr auf dem Laufenden zu bleiben oder dazuzugehören. Dieses Phänomen ist zwar nicht neu, wird von den sozialen Medien allerdings zusätzlich verstärkt. Durch Instagram, Facebook & Co. kann man mitverfolgen, was Freunde und Bekannte machen und erleben. Im ständigen Vergleich erscheint das eigene Leben schnell als langweilig und wenig abwechslungsreich – und man hat eben Angst, etwas „Entscheidendes“ im Leben zu verpassen.

 

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Maria Kaiser ist klinische Psychologin und Psychotherapeutin bei der Beratungsstelle Mikado in Sarleinsbach. arcus-sozial.at © privat

So bleiben Sie entspannt!

Setzen Sie sich nicht unter Druck! Ihre Freizeit sollte keinesfalls in Stress ausarten – bloß, weil jetzt das meiste wieder erlaubt ist.

Machen Sie das, worauf Sie wirklich Lust haben. Und streichen Sie jene Dinge aus Ihrem Terminkalender, die Ihnen vielleicht auch schon in der Vergangenheit nicht gut getan haben.

Vergessen Sie nicht: Alleine das Wissen, zu können, wenn man möchte, gibt uns oft schon das Gefühl, frei zu sein!

Seien Sie auch einmal dankbar für unsere Freiheit! Erst durch die Pandemie hat man gesehen, wie wertvoll sie wirklich ist.

Lassen Sie sich von den sozialen Medien nicht unter Druck setzen und hinterfragen Sie Beiträge. Ein schönes Foto ist nur eine Momentaufnahme und muss nicht Ihren eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Vergleichen Sie sich nicht mit anderen! Das führt unweigerlich zu Unzufriedenheit, obwohl man davor ganz glücklich mit seinem Leben und seiner Freizeitgestaltung war.