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Lifestyle | 12.09.2022

Ich komme...

Beim Sex zum Höhepunkt zu kommen – oder eben nicht oder nur manchmal – ist für viele Frauen ein Thema. Dabei ist der weibliche Orgasmus so individuell wie die Frauen selbst, betont unsere Expertin Heidemarie König.

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Jeder Höhepunkt ist anders. © Shutterstock

Neben Lustlosigkeit kommen Anliegen zum weiblichen Orgasmus in meinem Beratungsalltag sehr häufig vor. So fragen mich viele Frauen, warum bei ihnen „das Natürlichste der Welt“ nur manchmal oder gar nicht funktionieren. 

Erst neulich schilderte mir eine Klientin Mitte 20 Jahre ihr Anliegen: „Ich verstehe das einfach nicht! Bei der Selbstbefriedigung komme ich sehr einfach und schnell zu einem Orgasmus. In meiner partnerschaftlichen Sexualität ist das aber viel schwieriger. Bei penetrativem Geschlechtsverkehr ist es sogar undenkbar, zum Orgasmus zu kommen. Langsam beginne ich, an der Beziehung zu zweifeln …“

 

Partner harmonieren oft nicht in ihrer Sexualität. Dass Partner nicht perfekt in ihrer Sexualität harmonieren, kommt sehr häufig vor und hat meist wesentlich mehr mit den individuellen sexuellen Systemen der Personen zu tun als mit der Beziehungsqualität. Auch wenn die Zweifel der jungen Frau bezüglich der Beziehung nachvollziehbar sind, so sind sie höchstwahrscheinlich völlig unbegründet.

Auf die Frage, ob sie denn die sexuellen Begegnungen mit ihrem Partner genieße, antwortete sie mit strahlenden Augen: „Ja, sehr!“ Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass sie es sehr schön empfinde, wenn sein Penis in ihre Vagina eindringt. Sexuell erregend empfinde sie es aber nicht, mehr genieße sie in dem Moment die innige Nähe zu ihrem Partner. Angesprochen auf ihre Autoerotik erzählte die junge Frau, dass sie mit zwei Fingern ihre Klitoris stimuliere und das mit relativ viel Druck und schnellen Bewegungen, während sie ihre Oberschenkel fest aufeinanderpresse und sie dabei immer wieder die Luft anhalte. Die sexuelle Erregung spüre sie hauptsächlich in der Vulva und in der Klitoris, im vaginalen Innenraum nehme sie eigentlich nichts wahr. 

 

Unterschied zwischen Autoerotik und Geschlechtsverkehr. Sexologisch betrachtet hat diese Frau gelernt: Zum Orgasmus komme ich, wenn ich mit viel Muskelspannung meine Oberschenkel aneinanderpresse, mit zwei Fingern mit viel Druck und Geschwindigkeit die Klitoris stimuliere und dabei wenig atme. 

Dieses System funktioniert gut und schnell und ist in der Autoerotik für diese Frau auch sehr brauchbar, denn es ist sehr effizient, bietet aber nicht viel Spielraum für eine zweite Person. Wünscht sich diese Frau auch einen Orgasmus beim pene-
trativen Geschlechtsverkehr, so kann sie das lernen, wenn sie das möchte. Es gibt übrigens auch sehr viele Frauen, die ihre Sexualität auch ohne einen Orgasmus wunderbar genießen und diesbezüglich keinen Veränderungswunsch haben.

 

Gut gemeint, wenig hilfreich. Gut gemeinte Tipps und Ratschläge, wie „Entspann dich doch einfach!“, „Du musst dich nur fallen lassen!“ oder „Dann ist der Mann vielleicht nicht der Richtige für dich!“, sind meist wenig hilfreich bis irritierend, weil sie dem funktionierenden sexuellen System der Frau einfach so gar nicht in die Hände spielen und daher meistens genau das Gegenteil bewirken.

Letztendlich geht es in der Begleitung dieser Klientin darum, dass sie lernt, ihre sexuelle Erregung, die sie momentan hauptsächlich in der Vulva und in der Klitoris spürt, auch in den vaginalen Innenraum zu erweitern. Das funktioniert nicht auf einer kognitiven Ebene, hier geht es unter anderem in einem ersten Schritt hauptsächlich um Wahrnehmungsübungen. So könnte die Frau immer wieder mit einem Finger in ihre Vagina tasten und wahrnehmen, wie sich das anfühlt. Ergebnisoffen. Es geht auch nicht darum, etwas „Richtiges“ zu spüren. Die Frau lernt vielmehr, ihre eigene Wahrnehmung zu registrieren, um die „Lücke“ ihrer sensomotorischen Karte im Gehirn zu füllen. Dabei geht es in erster Linie um den Genuss, denn wenn der Orgasmus zu einem „Orgas-muss“ wird, dann ist dies meist nicht besonders förderlich für die sexuelle Erregung. Erregung zu spüren ist nicht angeboren. Es ist ein Lernprozess, der sich schrittweise vollzieht. Diese Lernschritte kann man übrigens nahezu immer gehen – unabhängig vom Alter oder anderen Faktoren. 

 

Jeder Höhepunkt ist anders. Aus sexologischer Sicht löst sich bei einem Orgasmus übrigens die körperliche und emotionale Spannung und dies kann auf unzählige Arten erlebt werden. Rein körperlich ist der Orgasmus ein Reflex, bei dem sich die Muskeln im Beckenbereich rhythmisch kontrahieren, die Spannung löst sich daraufhin. Die emotionale Entladung geht bei vielen Frauen mit einem tiefen Ausatmen (mit oder ohne Stimme) einher. Es gibt aber auch Personen, die zu lachen oder zu kichern beginnen. Wie man den Höhepunkt erlebt, ist sehr individuell. Manche Frauen beschreiben ihn als ein Pochen oder Ziehen im Geschlechtsorgan, andere Frauen als angenehmes Gefühl und wieder andere Frauen sprechen von einem bombastischen Ganzkörpererlebnis. Alles ist möglich und „normal“ und letztendlich fühlt sich jeder Höhepunkt anders an. 

 

Wer hier noch nachlesen möchte:
„Coming soon.
Orgasmus ist Übungssache“,
Daniela Schiftan, Piper Verlag (2018)

 

Text: Heidemarie König