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Lifestyle | 12.12.2022

„Ich bin ein totaler Weihnachtsmensch“

An dem Novembertag, an dem wir Michaela Märzinger auf ihrem Hof in Nebelberg besuchen, macht das Wetter dem Örtchen im Mühlviertel keine große Ehre.

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Vielfältig. 30 Sorten Kekse bäckt die Bäuerin jedes Jahr – und jedes davon schmeckt wie ein Stück vom Himmel! © Dominik Derflinger

Statt Nebel gibt‘s Sonnenschein und eine Sicht bis in die hintersten Winkel der Region. Schönster Fixpunkt im Bild: die hofeigene Kapelle der Märzingers, hinter der während Interview und Fotoshooting die Sonne untergeht und die Kapelle mit einem rosaroten Heiligenschein versieht. Die Bäuerin, bei der man sich sofort willkommen fühlt, über das zu Ende gehende Jahr, den Zauber von Weihnachten und ihre größte Leidenschaft, das Kekserlbacken.

 

Welche Geschichte hat Ihr Hof?

Wir haben den Hof im Jahr 2000 von meinen Schwiegereltern übernommen, hier steht das Elternhaus von meinem Mann Fritz, in dem wir heute wohnen. Er ist ein klassischer Erbhof – wurde also von Generation zu Generation weitergegeben – und wir haben Milchvieh, Grünland, Acker und zwanzig Hektar Wald. Und eine Kapelle.

 

 

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Ort der Zusammenkunft. Die hofeigene Erlmannkapelle hat eine ganz besondere Geschichte. © Dominik Derflinger

Mit der es eine ganz besondere Geschichte auf sich hat …

Absolut! Der Urgroßvater von meinem Mann wurde 1895 von einem Ochsen am Kopf schwer verletzt. Er dachte, das wird schon wieder – und ließ eine Kapelle bauen. Dann starb er aber an den Folgen der Verletzung. Die alte Kapelle steht leider so nicht mehr, als die Landstraße daneben saniert wurde, musste sie abgetragen werden. Fritz und ich haben 2017 nur ein paar Meter daneben eine neue gebaut und sie mit Elementen der alten versehen. Die Ortsbewohner nutzen die Erlmannkapelle immer wieder gerne, auch Maiandachten, die Feldfrüchtemesse und Adventandachten mit einem anschließenden Zusammenkommen finden statt. 

 

Wer wohnt auf dem Hof?

Unsere rund 60 Milchkühe und wir, die Märzingers. Das sind Fritz und ich, die den Hof im Vollerwerb führen, unsere Kinder Florian, der Zimmermann ist, Theresa, die aber gerade in Linz die Ausbildung zur Volkschullehrerin macht und dort wohnt, Magdalena, die im Agrarbildungszentrum Hagenberg zur Schule geht, und die Schwiegermutter. Außerdem noch ein paar Katzen. 

 

Was macht Ihnen besonders viel Freude am Bäuerinnen-Dasein? 

Eigentlich bin ich ja Köchin. Ich habe in Gramastetten gelernt und was ich nie, wirklich nie, werden wollte, war Bäuerin. Das wusste ich zu tausend Prozent: Alles, nur keine Bäuerin! Und dann hab ich den Fritz kennengelernt. Und kann mir heute nichts Besseres vorstellen, als Bäuerin zu sein. Der Beruf ist vielfältig, abwechslungsreich, familienfreundlich, man arbeitet mit etwas Lebendigem und er lässt Raum für mein noch immer liebstes Hobby: Kochen und Backen. 

 

Nun sind wir ja quasi an der Grenze zu Deutschland, in eineinhalb Kilometern startet ein anderes Land. Unterscheiden sich die deutschen „Regeln“ in der Landwirtschaft von den österreichischen?

Es gibt schon Unterschiede, aber keine gravierenden. Unser Steuersystem ist zum Beispiel ein anderes. Und viele Regeln, an die wir uns in Österreich halten, gibt natürlich die AMA vor. Kulturell gibt‘s auch keine großen Unterschiede, wir leben ja trotzdem in derselben Region wie unsere bayerischen Nachbarn. Nur während des ersten Corona-Lockdowns, als man nicht mehr über die Grenze durfte, haben wir gemerkt, wie wichtig und gar nicht selbstverständlich diese Verbindung ist. 

 

Inwiefern?

Auf einmal stand die Welt still, Familien konnten sich nicht mehr sehen. Teilweise haben sie sich zugewunken auf der Brücke, die gleichzeitig die Grenze ist. Oder an Ostern ein Osterbinkerl hingelegt, das von Verwandten und Freunden auf der anderen Seite geholt wurde. Das war schon schön. 

 

Sie wurden 2021, inmitten der Krisenzeiten der Pandemie, zur Bezirksbäuerin gewählt. Wie war die Zeit für Sie?

Herausfordernd. Man ist neu in der Funktion, hätte gerne etwas organisieren und machen wollen, die Funktion bestätigen, und dann gab‘s nur Terminverschiebungen und -ausfälle. Aber ich bin ein positiver Mensch und hab immer und immer wieder neu geplant, bis es geklappt hat. Heute freue ich mich sehr über die tollen Möglichkeiten und Projekte, mit denen wir KonsumentInnen und vor allem Kindern das Hof- und Bauernleben nahebringen können. 

 

Ist von den Sorgen damals noch etwas geblieben?

Die Krise war auch eine Chance. Gerade der regionale und saisonale Einkauf ist nach vorne gerückt. Leider ist das heute wieder anders wegen der hohen Inflation. 

 

Stichwort Weltklimakonferenz, die am 7. November ihren Auftakt hatte: Wie nehmen Sie den Klimawandel wahr, wo in der Landwirtschaft spüren Sie ihn?

Bei unserer Arbeit auf dem Hof weniger, aber bei den Wetterverhältnissen. Das spüren alle Landwirte und Bauern, die vielen Extreme, entweder ist es wahnsinnig heiß oder es regnet und hagelt stark. Es braucht ein Umdenken und wir können nicht einfach sagen: der oder die muss das abfangen. Jeder muss etwas dafür tun.

 

Was könnte uns in Zukunft erwarten, wenn es so weitergeht? 

Das ist schwierig zu sagen, wir sind keine Hellseher. Aber wenn es so weitergeht, werden die Sorgen der Menschen nicht besser. Von der Kuh als Klimakiller halte ich persönlich nichts – die hat es immer schon gegeben und es gibt weit größere Klimasünder, über die aber keiner spricht. Was wir aber tun müssen, ist, in der Landwirtschaft umzudenken. Der Mais ist heuer früher gedroschen worden als sonst, Soja wird nun großflächig bei uns angebaut, ebenso Hülsenfrüchte, die bis vor wenigen Jahren noch nicht auf unseren Feldern gewachsen wären … Auch hier gibt es wieder Chancen in der Krise. 

 

Obwohl es immer wärmer wird – alleine der November war geschichtsträchtig – hoffen wir alle irgendwie auf weiße Weihnachten. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Ich bin ein totaler Weihnachtsmensch. Das Ruhige, Besinnliche, Gemeinsame, das ist es, worauf ich mich jedes Jahr am meisten freue. Am 25. Dezember kommt die ganze Familie und ich koche für 25 Leute – das ist einer der Höhepunkte!

 

Für viele verfliegt der Zauber der Weihnachtszeit mit zunehmendem Alter. Geht es Ihnen auch manchmal so?

Nein, ich arbeite immer hin auf Weihnachten, dekoriere das Haus, backe 30 Sorten Kekse, höre Weihnachtslieder … und wenn Magdalena mit der Steirischen Harmonika spielt, spüre ich in dem Moment: Das bin ich, hier gehöre ich hin. Ich kenne ein paar ältere Frauen, die keine Kekse mehr backen können. Denen bringe ich jedes Jahr Kekse von mir vorbei – auch das ist Weihnachten, diese Nächstenliebe spüren und weitergeben. 

 

Und was bedeutet das, Weihnachten, für Sie?

Für mich hat Weihnachten mit Brauchtum zu tun. Und ich denke, das wird in der bäuerlichen Familie noch viel mehr gelebt als in anderen Bereichen. Wir bekommen das von den Großeltern und Eltern vorgelebt und geben es an unsere Kinder weiter. Mich schreckt es immer wieder, wenn ich schon im August Lebkuchen im Supermarkt sehe, oder zu Allerheiligen die ersten Nikoläuse verkauft werden – das hat für mich nichts mit Brauchtum, sondern mit Konsum zu tun. 

 

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Bäuerin aus Leidenschaft: Michaela Märzinger. © Dominik Derflinger
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Weltentdecker. Auf dem Hof dürfen die Katzen nicht fehlen. Ein süßer Neuzugang ist schon ganz schön frech unterwegs! © Dominik Derflinger
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Essenszeit! Die rund 60 Milchkühe leben ein Leben mit viel Tierwohl. © Dominik Derflinger
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Ist der Euter voll, gehen die Kühe selbstständig zur Anlage. Ein intelligenter Roboter sucht die Zitzen der Kuh und startet den Melkvorgang. Ein paar Minuten und etwas Körndlfutter später ist der Melkvorgang abgeschlossen. Was einfach klingt, war ein hartes Stück Arbeit für Mensch und Tier – jetzt ist die Maschine unentbehrlich! © Dominik Derflinger

Wir haben nicht nur gehört, dass Sie die Meisterin im Kekserlbacken sind, sondern backen heute auch noch mit Ihnen gemeinsam. Was gehört zu Ihrem Stammrepertoire auf dem Keksteller? 

Bei 30 Sorten eine ganze Menge! (lacht) Lebkuchen, Vanillekipferl, Punschkrapferl, Linzer Augen, Kokosbusserl und Ischler Bäckerei … aber auch Außergewöhnliches wie Mintkekse und Brasilianer, an denen wir uns dann noch versuchen. Da kommt schon einiges zusammen, aber ich backe Kekse lediglich zum Eigenverbrauch und zum Herschenken an die Familie, Freunde oder für den guten Zweck. Immer wieder hört man im Ort von Schicksalsschlägen. Letztes Jahr hab ich von einer jungen Mama gehört, die an Leukämie erkrankt ist. Ich bin dann mit einem Teller Kekse zu ihr und ihren zwei Dirndln gefahren. Sie hatte so eine Freude, das war das echte Weihnachten für uns beide. 

 

Was ist Ihr Anspruch an qualitativ hochwertige Lebensmittel?

Für mich ist es wichtig, ordentliche Zutaten in jedes Gericht oder in jeden Keks reinzugeben, damit etwas Ordentliches rauskommt. Die Milch produzieren unsere Kühe, die anderen Zutaten stammen weitgehend von Bauern aus der Umgebung.  

 

Gerade in Krisenzeiten bleibt es vielen nicht aus, den Gürtel enger zu schnallen. Eine der Folgen: Sie kaufen billiges Fleisch. Was tun die Menschen damit der heimischen Landwirtschaft an? Und wie schafft man es raus aus der Misere?

Jeder, der ins Regal und zu billigem Fleisch greift, gibt sein Okay für die Tierhaltung, aus der das Fleisch stammt. Wir in Österreich haben sicher schon einen Höchststandard an Tierwohl, das spürt man am Preis. Aber zu Fleisch aus dem Ausland zu greifen, kann doch einfach kein Genuss sein …

 

Was kommt auf Ihren Weihnachtstisch?

Am 24. werden traditionellerweise Bratwürste gegessen, am 25. wird für die Familie groß aufgetischt mit Rehbraten, Semmelknödel und Blaukraut. Mein Mann ist Jäger, da passt das ganz gut! Und auf die Nachfrage, ob ich denn einmal etwas anderes kochen soll, gab‘s nur laute Gegenrufe! (lacht)

 

Wenn Sie einen Weihnachtswunsch an die Politiker hätten, welcher wäre es?

Ein bisschen mehr zusammenhalten, mehr Miteinander, weniger Hickhack. Es gibt auch Wege, die die Parteien gut gemeinsam gehen könnten.

 

Und Ihr persönlicher Wunsch?

Dass ich gesund bleibe. Ich hatte letztes Jahr im November einen Unfall, fiel drei Meter von der Leiter und hatte mehrere Brüche. Das war eine schwierige Zeit, vor allem für meine Kinder. Und da ist mir bewusst geworden, wie viel Wert Gesundheit hat. Aber vom Keksebacken konnten mich selbst Krücken nicht abhalten – leider sind es damals nur 20 Sorten geworden! (lacht).

 

Text: Denise Derflinger

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Michaela Märzinger vor ihrem ganzen Stolz, der eigenen Kapelle. © Dominik Derflinger
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Nachgefragt. Redakteurin Denise Derflinger und Bäuerin Michaela Märzinger sprechen über den Alltag am Hof. © Dominik Derflinger

BRASILIANER

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© Dominik Derflinger

Zutaten 

Kekse:

250 g Mehl 

100 g Staubzucker 

200 g Butter 

150 g Nüsse 

Vanillezucker 

Topping:

2 Eiklar 

20 g Staubzucker 

geriebene Haselnüsse

 

Zubereitung 

Alle Zutaten zu einem Teig verkneten. 

Eiklar mit dem Zucker aufschlagen, die Kekse damit bestreichen und mit geriebenen Haselnüssen bestreuen. 

Bei 180 Grad sechs bis acht Minuten backen, bis sie hellbraun sind. Abkühlen lassen.

Die Kekse mit Nougatcreme füllen und zusammensetzen. 

Den Rand in geschmolzener Schokolade und geriebenen Haselnüssen wälzen.

 

 

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