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Lifestyle | 23.05.2022

Hautnah im Reich der Tiere

Gorillas in Gabun, Mantas in Mosambik, Füchse in Hamburg: Die Linzerin Birgit Peters ist Naturfilmerin und dreht für ihre Dokumentationen rund um den Globus. Ihr neuester Film über das „wilde“ Hamburg wird im Mai bei ServusTV gezeigt.

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© Tor Johnson

Vor knapp 20 Jahren lernt die Linzerin Birgit Peters in Südafrika für ihre Uni-Abschlussarbeit, als sie beim Tauchen eine Begegnung mit einem Weißen Hai hat. Sie ist dermaßen fasziniert, dass sie sich noch am selben Tag bei einer deutschen Produktionsfirma bewirbt, die Naturdokumentationen dreht. Seitdem arbeitet die 43-Jährige als Naturfilmerin. Sie führt Regie, steht hinter und auch vor der Kamera. Dass es dabei auch mal gefährlich werden kann, gehört zum Job dazu.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Wie sehr hat die Pandemie Ihre Arbeit in den vergangenen zwei Jahren beeinträchtigt?
Birgit Peters: Im Normalfall bin ich sehr viel unterwegs, wir drehen ja rund um den Globus. Die Pandemie hat uns ziemlich ausgebremst. Wir mussten mehrere Drehs abbrechen, ein Teil unseres Equipments ist monatelang in Indien festgesteckt. Eine Dokumentation über Gorillas in Gabun konnten wir erst jetzt drehen, obwohl die Dreharbeiten für April 2020 angesetzt waren, als die Pandemie voll losgegangen ist. Als Naturfilmer sind wir es allerdings eh gewöhnt, flexibel zu sein (lacht).

 

Demnächst sehen wir Sie in einer Natur-Doku über Hamburg, die im Mai bei ServusTV ausgestrahlt wird. Warum ausgerechnet die Hansestadt?
Ich habe eine besondere Beziehung zu Hamburg, weil ich zehn Jahre dort gelebt habe. In keiner anderen deutschen Großstadt gibt es so viele Tier- und Pflanzenarten, die dermaßen harmonisch in die Stadt integriert sind. Das ist sehr spannend und darum wollte ich mein „wildes“ Hamburg unbedingt dem Publikum zeigen.

 

Wir durften die Doku vorab bereits sehen. Wie lange muss man filmen, um zum Beispiel den Streit zwischen Schwan und Blesshuhn oder den Gänseküken-Flug am Friedhof Ohlsdorf raufzubekommen?
Grundsätzlich planen wir für jeden Naturfilm zwei Jahreszeitenzyklen ein. Das hängt auch von der Geschichte ab, die wir erzählen und welches Tierverhalten wir dokumentieren möchten. Oft geht es im Naturfilm um Brunft und Nachwuchs. Bei zwei Zyklen haben wir eine doppelte Chance, das zu bekommen, was wir wollen. Es ist aber ganz oft auch Glückssache. Den tierischen Streit zum Beispiel hat Kameramann Ivo Nörenberg mit viel Geduld und etwas Glück vor die Linse bekommen. Manchmal ergeben sich vor Ort andere Geschichten als geplant, die dann aber so sympathisch sind, dass wir sie den Zuschauern nicht vorenthalten wollen. Szenen wie den Gänseküken-Flug hingegen kann man einigermaßen planen, weil man weiß, in welchem Zeitraum die Küken schlüpfen werden. Aber man muss immer auch ein bisschen improvisieren können, weil die Viecher ja das Drehbuch nicht lesen (lacht). 

 

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© philllipv

Wie sind Sie dazu gekommen, Naturfilmerin zu werden?
Ich hatte schon immer einen starken Naturbezug und eine sehr ausgeprägte Liebe zu Tieren. Außerdem hat mich das Filmhandwerk interessiert. Damals war mir aber nicht bewusst, dass es diesen Job überhaupt gibt. Also habe ich eine Journalistikausbildung gemacht und als ich für meine Abschlussarbeit in Südafrika gelernt habe, hatte ich ein Erlebnis, das mein gesamtes Leben verändert hat. Ich hatte beim Tauchen eine Begegnung mit einem Weißen Hai. Das hat mich dermaßen fasziniert, dass ich noch am selben Tag bei einer Filmproduktionsfirma in Hamburg angerufen und gefragt habe, ob ich dort arbeiten könne – und sie haben mich tatsächlich genommen. 

 

Sie arbeiten in einem Beruf, der noch immer von Männern dominiert wird. War das jemals ein Thema für Sie?
Nein, obwohl ich vor 20 Jahren fast ausschließlich männliche Kollegen hatte. Mittlerweile kommen auch Frauen nach, aber von 50:50 sind wir weit entfernt. Darum unterstütze ich junge Frauen als Mentorin, die diesen wunderbaren Beruf erlernen wollen. Ich stelle mein Wissen und meine Erfahrungen zur Verfügung, um ihnen den Einstieg ein bisschen zu erleichtern. 

 

Was braucht man, um eine gute Naturfilmerin zu werden?
Man braucht Geduld, Durchhaltevermögen und Leidenschaft. Man muss für diesen Job brennen! Es ist harte Arbeit und es darf einem nichts ausmachen, während Dreharbeiten wochenlang in der Wüste in einem Zelt zu schlafen – ohne Dusche und jeglichen anderen Luxus (lacht). Allerdings sind es die außergewöhnlichen Begegnungen mit den Tieren, die einen immer wieder für diese Strapazen entschädigen. 

 

Sie haben schon rund um den Globus mit den verschiedensten Tieren gedreht. Ist Ihnen eine Begegnung besonders in Erinnerung geblieben?
Da fallen mir viele Momente ein, doch ganz besonders war einer meiner ersten Drehs in Mosambik. Wir haben dort unter Wasser Mantas gefilmt und ich war komplett hin und weg von diesen Tieren und den tollen Formationen, die sie gebildet haben. Plötzlich ist es vollkommen dunkel geworden, weil sich ein riesiger Walhai über mich geschoben hat. Er hatte eine Länge von etwa 18 Metern und war sehr neugierig, weil er unsere Dreharbeiten bestimmt eine halbe Stunde interessiert verfolgt hat. Das hat mich so beeindruckt und für diese hautnahe Begegnung bin ich heute noch dankbar!

 

Ist es auch schon mal während Dreharbeiten gefährlich für Sie geworden?
Viele dieser Drehs sind grundsätzlich gefährlich, weil man dafür in den Lebensraum eines Wildtieres eindringt. Oft ist es so, dass es sehr lange dauert, bis sich die Tiere an uns gewöhnt haben, ohne sich bedroht zu fühlen oder unsere Anwesenheit als Störfaktor zu empfinden. Beim Tauchen mit Haien ist es so, dass man immer Sicherheitstaucher dabei hat, die einen rechtzeitig warnen, weil man selbst ja darauf fokussiert ist, was sich vor der Kamera tut. Wichtig ist immer, sich verantwortungsvoll den Tieren und dem Team gegenüber zu verhalten. Die meisten Kollegen verletzen sich übrigens bei Hubschrauber- oder Ballonabstürzen schwer oder sogar tödlich. Oder sie kommen im unwegsamen Gelände zu Tode, viel seltener sind Angriffe durch Tiere. 

 

 

 

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© Tom Sanders

Hat sich Ihr Verhältnis zu einem Tier nach Dreharbeiten schon mal verändert?
Eine spannende Frage (überlegt). Tatsächlich ist es so, dass ich immer wieder von jenen Tieren fasziniert bin, die wir gerade filmen. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftige, umso großartiger finde ich sie. Das Sozialverhalten vieler Arten haut mich immer wieder um. Es ist unfassbar, wie koordiniert und organisiert es zum Beispiel bei Ameisen abläuft. Auch nach so vielen Jahren als Naturfilmerin bin ich sehr demütig, weil die Natur so vielfältig und faszinierend ist. 

 

Möchten Sie mit Ihren Natur-Dokus auch ein bisschen dazu beitragen, das Bewusstsein der Menschen dafür zu schärfen, wie wertvoll Flora und Fauna sind?
Natürlich möchte ich ein Bewusstsein schaffen und ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, weil es mir ein großes persönliches Anliegen ist. Durch die Arbeit vor statt hinter der Kamera ist die Chance dafür vielleicht sogar ein wenig größer, da man manches doch etwas unnmittelbarer und persönlicher dem Publikum präsentieren kann. Ich möchte die Menschen mit meinen Filmen nicht nur unterhalten, sondern auch für das Artensterben und den Klimawandel sensibilisieren. Und das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf eine interessante Weise, in dem wir mit unseren Dokus gute Geschichten erzählen. Oft wissen die Menschen gar nicht über die Hintergründe Bescheid – etwa bei Delfin-Shows oder dem Elefantenreiten. Welche Qualen das für die Tiere bedeutet. Unser Credo ist, die Welt ein Stück weit besser zu machen.