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Lifestyle | 14.06.2022

Hardballing

Zu „Ghosting“ und „Benching“ gesellt sich nun „Hardballing“ auf den Dating-Apps. Ob es Sinn macht, beim ersten Date mit der nackten Wahrheit rauszurücken, erklärt Beziehungscoach Lana Weber.

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© Katerina Holmes über Pexels

Genau zu wissen, was man will, wirkt auf viele Menschen besonders attraktiv. Doch diese Entschlossenheit gleich beim ersten Date zu zeigen, erfordert auch ein gewisses Maß an Mut. Durch das sogenannte „Hardballing“, eine unmittelbar direkte Form der Kommunikation, wird genau das zum Trend. Das haben auch die Partnersuchenden auf der Datingplattform Seeking.com erkannt und nutzen vermehrt offene und ehrliche Kommunikation, um sogar schon vor dem ersten Date zu erkennen, ob ihr Gegenüber zu ihnen passt. Was sich hinter diesem Phänomen verbirgt und ob sich das „Hardballing“ auch langfristig am Dating-Markt etabliert, erklärt Lana Weber, Beziehungscoach und Kommunikationstrainerin im Interview.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Weber, was verstehen KommunikationsexpertInnen unter dem Begriff „Hardballing“?
Lana Weber: Beim „Hardballing“ geht es darum, beim Dating von Anfang an ganz offen über die eigenen Absichten, Wünsche und Einstellungen zu sprechen. Suche ich eine feste Beziehung oder nur ein kurzes Abenteuer? Wünsche ich mir irgendwann eine große Familie oder kommen Kinder für mich überhaupt nicht infrage? Alle Themen, die einem wichtig sind, sollten sofort angesprochen werden, damit es hinterher keine Missverständnisse gibt und jeder weiß, worauf er sich einlässt. Dem Gegenüber nach einem Date ehrlich zu sagen, wenn es doch nicht passt, gehört übrigens ebenso dazu.

 

Für wen bietet sich diese Methode des Kennenlernens besonders an?
Eine offene und ehrliche Kommunikation ist beim Dating immer wichtig. Vor allem grundsätzliche Erwartungen, ob ich zum Beispiel eine feste Beziehung oder nur einen One-Night-Stand suche, sollte jeder schnellstmöglich seinem Gegenüber kommunizieren, damit niemand verletzt wird oder falsche Hoffnungen geweckt werden. Schwierigkeiten mit dieser Methode könnten jedoch Singles mit wenig Beziehungserfahrung haben. Vielleicht müssen sie sich erst ausprobieren, bevor sie ganz genau wissen, was ihnen wichtig ist und wonach sie suchen. Wer ein hohes Harmoniebedürfnis hat, könnte außerdem Schwierigkeiten damit haben, direkt und ehrlich zu sein, weil es das Gegenüber verletzten könnte.

 

Warum wird diese Methode erst in letzter Zeit so bekannt?
Corona hat uns gezwungen, viel zu Hause zu sein. Singles waren teilweise besonders einsam und wollen jetzt keine Zeit mehr mit Personen verlieren, die nicht zu ihnen passen. Der Druck auf Singles, schnell erfolgreich zu sein, ist damit gestiegen. Gleichzeitig haben diejenigen, die bisher mit „Kompromisspartnern“ zusammen waren, durch Corona häufiger Situationen erlebt, in denen sich gezeigt hat, dass solche Beziehungen langfristig nicht glücklich machen. Durch klare Ansagen erhofft man sich nun, solche Konstellationen von vornherein zu vermeiden.

 

Gibt es auch Nachteile beim „Hardballing“?
Beim „Hardballing“ sollte man aufpassen, dass sich die Kennenlernphase nicht zu einem Bewerbungsgespräch entwickelt. Beim Dating geht es nicht nur darum, dass möglichst viele Punkte auf einer Liste erfüllt werden, es muss vor allem zwischenmenschlich harmonieren. Das Gefühl, das einem der andere gibt, ist entscheidend – nicht nur die gleichen Hobbies oder der gleiche Musikgeschmack. Den größten Nachteil im „Hardballing“ sehe ich darin, einen potenziell passenden Partner zu schnell auszuschließen, weil man auf den ersten Blick nicht zu 100 Prozent zusammenpasst. Dabei sind das vielleicht nur oberflächliche Details, die sich in einer längeren Beziehung ganz leicht aufgeklärt hätten. Wer der festen Überzeugung ist, gar keine Abstriche machen zu wollen, der wird Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Beziehung einzugehen. Denn die Herausforderung besteht darin, kompromissbereit zu bleiben und nur bei den wirklich wichtigen Punkten darauf zu achten, dass man ähnliche Vorstellungen hat.

 

Geht bei so direkter Kommunikation nicht die Romantik verloren?
Ehrliche und direkte Kommunikation schließt Romantik nicht aus, denn was versteht man unter Romantik? Romantik bedeutet in erster Linie doch, dass man das Liebes- und Beziehungsspiel schön verpackt. Man bemüht sich um den anderen und versucht, schöne gemeinsame Situationen zu erleben. Für einige gehören zur Romantik vielleicht Kerzenlicht und schöne Musik. Das ist aber nur wichtig, wenn es beide Partner so sehen und als wertvoll betrachten. Genau das findet man durch „Hardballing“ heraus.

 

Kann sich diese Art des Datings auf Dauer durchsetzen?
Diese Art des Datings gab es eigentlich schon immer. Neu ist nur der Begriff. Und ich persönlich finde diesen Trend wesentlich besser als „Ghosting“ oder „Benching“, denn beides lässt die Datingpartner deutlich länger leiden als nach einer ehrlichen und direkten Aussage wie beim „Hardballing“.