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Lifestyle | 04.11.2020

„Glücklich älter werden ist eine Entscheidung“

Sabine Linser coacht Frauen in deren dritten Lebensphase. Weil sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich scheinbar alles verändert. Und weil glücklich älter zu werden, eine freie und bewusste Entscheidung ist, die jeder für sich selbst treffen kann.

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© Shutterstock

Wenn Frauen älter werden, geraten sie häufig in eine Sinnkrise. Sie müssen akzeptieren, dass es die ewige Jugend nicht gibt. Altersteilzeit oder Ruhestand sorgen dafür, dass sie plötzlich viel Zeit haben, die sinnvoll und kreativ gefüllt werden darf, um achtsam und glücklich diesen Lebensabschnitt zu genießen. Sie fühlen sich verloren, die Rolle der wunderbaren Oma ist ihnen zu wenig. Dass es tatsächlich mehr geben darf und man ganz entspannt mit dem Älterwerden umgehen kann, zeigt die Linzerin Sabine Linser mit ihrem Mentaltraining für Frauen über 57. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Sie begleiten und unterstützen Frauen über 57. Wie sind Sie dazu gekommen?

Sabine Linser: Mit Mitte 50 wurde mein Job, in dem ich zuvor viele Jahre lang gearbeitet habe, eliminiert. Ich wollte keinesfalls in den Vorruhestand gehen und habe deshalb beschlossen, dass es der ideale Zeitpunkt ist, um meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Ich möchte Frauen in ihrer dritten Lebensphase als Coach begleiten und unterstützen. Die Ausbildung war eine Herausforderung, aber es geht mir leicht von der Hand, weil es mein Herzensanliegen ist und ich dafür brenne. Eine Vision kann Berge versetzen!

 

Warum ausgerechnet Frauen über 57?

Weil in diesem Alter für viele Frauen ein neuer Abschnitt beginnt, die dritte Lebensphase. Und nicht wenige fühlen sich verloren, spüren, dass es doch noch mehr geben muss, dass das nicht alles gewesen sein kann. Eine meiner Klientinnen hat sich mit 68 Jahren erneut  selbstständig gemacht, weil ihr im Ruhestand schlicht und ergreifend langweilig war. Manche Frauen schaffen sich keine neuen Ziele und so geraten sie womöglich in eine negative Gedankenspirale, die möglicherweise sogar in eine Depression führt. Darum ist es wichtig, zu schauen, was einen ausfüllt und Freude bereitet. Dabei gibt es keine Grenzen – nur jene im Kopf.

 

Gibt es ein Thema, das sich bei Ihren Coachings durchzieht?

An sich selbst und die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Träume zu denken – das haben Frauen meiner Generation nicht so richtig gelernt. Dass es da noch mehr geben darf als die Rolle der wunderbaren Oma. Wir dürfen an uns selbst denken, ohne dass es etwas mit Egoismus zu tun hat. Das aus den Köpfen rauszubekommen, daran arbeite ich mit vielen meiner Klientinnen. 

 

Wie unterstützen Sie Klientinnen?

Indem ich zuhöre und gute Fragen stelle (lacht). Grundsätzlich arbeite ich in Einzelcoachings, Workshops und Seminaren. In der Corona-Krise habe ich auch ein Online-Programm entwickelt, das über fünf Wochen läuft. Dabei geht es um Mentaltraining und Selbstreflexion. Es geht darum, in sich hineinzuhören und zu schauen, welche Träume, Wünsche und Potenziale es gibt. Ich möchte Frauen dabei unterstützen, neugierig zu bleiben und sich weiterzuentwickeln. Alter geht nicht per se mit Beeinträchtigungen einher. Vielmehr ist es eine freie und bewusste Entscheidung, glücklich älter zu werden. Früher hat es geheißen, dass ältere Frauen keine langen Haare, kein Make-up oder keine bestimmte Kleidung mehr tragen sollte. Warum nicht? Das Leben soll bunt und vielfältig sein – und es auch bleiben!

 

 

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Älterwerden mit Stil und einem Hauch Coolness: Mentaltrainerin Sabine Linser (57) geht selbst mit bestem Beispiel voran. © Gregor Hartl

Sie sagen, dass man selbst entscheiden kann, wie man älter werden möchte. Tatsächlich lässt sich das aber vielleicht nicht ganz so leicht umsetzen …

Man kann es aber lernen, indem man seine eigene Sichtweise verändert. Das gelingt zum Beispiel mit Hilfe von Affirmationen und Meditation. Es ist ein Unterschied, ob ich einen kränklichen 80-jährigen Menschen vor mir habe, wenn ich ans Älterwerden denke, oder ob ich mich an der 100-jährigen Yogalehrerin orientiere. Tatsächlich kann man visualisieren, wie man im Alter sein möchte. Und ich kann wählen, wie ich meine Zukunft sehe und mit welchen Gedanken ich meinen Kopf fülle. Eine Studie besagt zum Beispiel, dass Gedanken viel wichtiger für Lebensqualität und Lebensdauer sind als Sport und Ernährung. Man sollte die Kraft der Gedanken also nicht unterschätzen, da geht noch viel mehr!

 

Sie sind selbst 57 Jahre alt. Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?

Ich habe keine Angst davor und freue mich über jeden Geburtstag. Das Leben ist ein Geschenk. Und es gibt keine Alternative zum Älterwerden, denn jung will ja auch niemand sterben. Das Ganze entspannt anzugehen, schafft man aber nur, wenn man über genug Selbstliebe und Wertschätzung verfügt. 

 

Das Älterwerden hat besonders für Frauen etwas Erschreckendes. Können Sie das verstehen?

Natürlich, schließlich ist unsere ganze Gesellschaft auf Äußerlichkeiten programmiert. Darum ist es besonders wichtig, zu lernen, sich selbst anzunehmen, zu lieben und mit sich im Reinen zu sein. Wer nicht mehr nach Bestätigung im Außen sucht, macht sich auch nicht mehr davon abhängig. Die ewige Jugend gibt es nicht. Ein fröhliches, offenes Wesen und eine gute Ausstrahlung – das alles ist doch viel nachhaltiger als die Optik. Da darf sich in der Gesellschaft gern noch etwas verschieben. 

 

Für viele ist auch die Partnerschaft in der dritten Lebensphase eine große Herausforderung …

Das verstehe ich, weil man die Partnerschaft auf neue Füße stellen muss. Beide Partner sind plötzlich zu Hause und haben so viel Zeit wie nie. Möglicherweise geht auch die Sinnhaftigkeit durch den Wegfall des Jobs verloren und man sich fragt: Was kommt noch? Werden wir nur noch Babysitter für die Enkel sein? Oft kommen Gedanken oder sogar Ängste zu Krankheit und Tod dazu. Manche spüren eine totale Leere, weil sie sich den Ruhestand viel toller vorgestellt haben, als er es tatsächlich ist. Für mich spielt deshalb Kommunikation eine wesentliche Rolle. Gewisse Dinge müssen angesprochen werden, auch individuelle Bedürfnisse soll jeder Partner klar kommunizieren. Ebenso wichtig ist, dass wir mit den erwachsenen Kindern offen über deren Erwartungshaltung und unsere eigenen Bedürfnisse sprechen. Besonders Frauen müssen oft lernen, auch einmal Nein zu sagen und an sich selbst zu denken.

 

Es gibt Paare, die in der Pension nahezu alles gemeinsam machen. Ist das wirklich zu empfehlen?

Nein, wobei das die individuelle Entscheidung eines jeden Paares ist. Ich finde es richtig und wichtig, Dinge gemeinsam zu machen. Wir dürfen uns aber auch den Freiraum nehmen, Zeit nur für uns zu haben, in der wir uns unseren persönlichen Neigungen und Interessen widmen können. Ein Austausch über die gemachten Erfahrungen und Erlebnisse bereichern zudem wieder die Beziehung. Für viele Interessen oder Träume hatten wir Frauen während des Balanceaktes zwischen Job und Familie kaum Zeit. Diesen dürfen wir uns im Ruhestand jetzt widmen. 

 

Was kann man tun, wenn man partout keine Idee hat, was einem als Hobby Spaß machen könnte?

Es gibt Übungen und Meditationen, in denen wir das herausfinden können. Dabei hilft uns auch die Frage, was wir als Kind gern gemacht haben. In jedem Menschen schlummern Leidenschaften, Talente und Neigungen, die nie ausgelebt wurden. Auch beruflich haben viele Frauen nicht das gemacht, was wirklich zu ihnen gepasst hat, was ihre Leidenschaft wäre. Wir dürfen in uns hineinspüren und erkennen, was brach liegt. Manchmal braucht es noch den Mut, sich weiterentwickeln zu wollen und sich Neues zuzutrauen. Ich weiß, wovon ich spreche (lacht). Ich war nie ein Technik-Nerd und heute bewege ich mich zum Beispiel ganz selbstverständlich im Internet, poste Stories auf Instagram und habe sogar einen eigenen Podcast mit dem Titel „Heldinnen des Alters“. Es geht auch darum, das typische Altersbild zu durchbrechen. Wenn ich sehe, was ich im Alter machen und erreichen kann, wirkt sich das positiv auf mein Gemüt aus – und davon profitieren alle in meinem Umfeld.

 

Tipp

Wer Sabine Linser persönlich erleben und kennenlernen möchte: Sie hält am 28. November bei der Hausmesse des Ennser Unternehmens „aquanum“ einen Vortrag zum Thema Älterwerden (www.sabine-linser.com).