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Lifestyle | 25.03.2020

Gemeinsam allein!

Lautet derzeit das Gebot der Stunde. Covid 19 verlangt uns vieles ab. Wir haben bei der Linzer Psychologin und Psychotherapeutin Mag. Christa Schirl (www.christa-schirl.at) nachgefragt, wie wir uns über die schwierigen Zeiten retten können.

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Mag. Christa Schirl (© Peter Baier)

Frau Mag. Schirl, wie wirkt sich die aktuelle Krise auf unsere Psyche aus?
Die Corona Krise ist für viele von uns mental sehr schwer fassbar, da sie mit nichts vergleichbar ist. Sie ist nicht mit der Bankenkrise 2008 vergleichbar – hier ging es um eine wirtschaftliche Krise. Sie ist auch nicht mit 9/11 vergleichbar – hier ging es um eine terroristische Bedrohung. Die Bedrohung durch Covid 19 ist viel umfassender – sie betrifft uns gesundheitlich, sozial, global und wirtschaftlich. Es ist etwas noch nie Dagewesenes und wirkt deshalb surreal.

Wie arbeiten Sie derzeit und mit welchen Anliegen treten Klienten an Sie heran?
In meiner derzeit virtuellen Praxis berichten viele Menschen von Belastungsreaktionen. Die Schlafqualität hat sich verschlechtert, Stresssymptome treten trotz Rückzug verstärkt auf, Klienten berichten vermehrt über psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Rückenbeschwerden oder Gefühle der Anspannung.

Blöde Frage, aber gibt es auch positive Effekte?
So komisch das auch klingen mag, aber der erzwungene soziale Rückzug hat für manche Menschen sehr positive Effekte und kann zu einer „Entschleunigung“ führen. Sich mit sich selbst auseinander zu setzen und mehr Zeit für sich zu haben, kann auch eine große Chance sein, sich wieder mehr auf die Spur zu kommen. Im Rückzug liegt die Möglichkeit zu regenerieren, sich auf Wesentliches zu besinnen.

Nicht nur viele ältere Menschen leben alleine, auch Singles sind zum Beispiel im Homeoffice alleine zu Hause. Was soll man tun, damit man nicht in ein Loch fällt oder depressiv wird?
Vorweg muss ich sagen, dass es völlig normal ist, dass unsere Seele jetzt große Anpassungsleistungen vollbringen muss. Das Alte gilt nicht mehr, die Gegenwart konfrontiert uns mit völlig neuen Bedingungen und die Zukunft ist unsicher. Dass uns diese Situation Schwierigkeiten macht, und wir uns nicht mehr so fühlen, wie zuvor, ist ein Zeichen einer normalen Anpassungsleistung. Covid 19 verlangt uns vieles ab. Sehr hilfreich kann es sein, sich zu fragen, welchen Sinn kann ich heute im Hier und Jetzt in die Welt bringen. Was ist heute meine wichtigste Aufgabe, mein Sinn, den ich verwirklichen möchte und den nur ich verwirklichen kann?

Wie kann das in der Praxis aussehen?
Der Sinn kann heute der sein, sich mit dem Nachbarn über WhatsApp über gute Neuigkeiten auszutauschen, eine Familien-Chronik zu erstellen oder einfache Kochrezepte mit Freunden über SMS auszutauschen. Sinnvoll Mutiges tun kann auch heißen, ein Lied zu komponieren, das Hoffnung gibt, dann ein kleines Video daraus zu machen und das über die modernen Medien zu teilen. Wenn man Sinn verwirklicht, haben negative Gefühle viel weniger Chance. Wenn Sie sich auf Ihre Aufgabe konzentrieren und gedanklich im Hier und Jetzt sind, dann haben Sie es geschafft, aus Müll Dünger zu produzieren, oder den Mist guten Kompost zu verwandeln.

Was, wenn einen doch die große Einsamkeit überkommt und man sich sehr traurig fühlt?
Gefühle entstehen oft aus einer Fokussierung der Aufmerksamkeit. Gemeinsam alleine sein heißt die Challenge, der wir uns alle stellen müssen. Wie das funktionieren kann, haben uns die Italiener gezeigt: Auf dem Balkon stehen, miteinander getrennt singen, musizieren oder klatschen – erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl und einen Team-Spirit.

Wie schlimm ist die derzeitige Ungewissheit, wir wissen ja noch nicht, wie lange wir derart eingeschränkt leben müssen?
Wir haben nicht gelernt, mit derart unkontrollierbaren, unabwägbaren, unsicheren Situationen umzugehen. Wir haben lange Zeit, eine Zeit der Fülle und des sozialen Überflusses erlebt, waren medizinisch bestens versorgt und kennen keine länger dauernden Engpässe. Ein derartiger Kontrollverlust ist für viele eine große Herausforderung. Dazu kommt, dass wir Covid 19 nicht sehen, nicht hören, nicht riechen können, d.h. die Bedrohung ist für uns sehr schwer fassbar. Hier gilt: „Annehmen der Situation: ES IST WIE ES IST“  - mit dem Vorsatz „Ich leiste meinen Beitrag, entscheide mich für das notwendige – um die NOT ZU WENDEN!“

Und was kann man tun, um sich aufzubauen?
Statt in blindem Aktionismus oder tiefer Resignation zu verfallen, hilft es, sich selbst beruhigende Tätigkeiten zu suchen. Eine Möglichkeit ist es zum Beispiel eine Liste mit mindestens 30 Punkten, mit Dingen, die die einem wohltun, zu machen. Sie sollten weniger als 5 € kosten und unter eine Stunde dauern wie z.B. einen Schmetterling beobachten, den Duft von frisch gebrühtem Kaffee oder ein Bett mit frisch überzogener Bettwäsche wahrnehmen, die Hände bewusst eincremen, die Katze streicheln,… Eine weitere Möglichkeit wäre ein Glücksglas: Einfach ein Gurkenglas nehmen und jeden Abend einen kleinen Zettel mit dem aktuellen Datum beschriften und die Frage beantworten: „Wofür bin ich heute dankbar, was habe ich heute Schönes erlebt?“ – Das hilft, den Blick immer wieder auf das Gute und Sinnvolle zu richten. In dunklen Tagen können Sie die Zettel aus dem Glücksglas fischen und Sie werden sich sofort besser fühlen.

Wann sollte man sich Hilfe holen?
Wenn Sie merken, dass Sie sich gedanklich nur mehr im Kreis drehen und vorwiegend Angst oder Verzweiflung Ihre Gefühlswelt bestimmt, holen Sie Hilfe. Auch wenn Sie mit dem Familienalltag überfordert sind, und das Gefühl haben, den Alltag nicht bewältigen zu können, ist es Zeit Hilfe zu holen.

So wie ich, bieten viele PsychologInnen und PsychotherapeutInnen derzeit Begleitungen über Skype, ZOOM oder telefonische Beratung an.

Mag. Christa Schirl
Psychologie / Psychotherapie
+43 (0)664 490 490 4
[email protected]schirl.at
https://christa-schirl.at

 Kostenfreie Hilfe gibt es:

  • ÖP-Helpline 01/504 8000
  • 147 Rat auf Draht: Notrufnummer für Kinder und Jugendliche sowie deren Bezugspersonen - täglich 24 Stunden
  • Ö3 Kummernummer 116 123 - täglich von 16 bis 24 Uhr
  • 142 Telefonseelsorge