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Lifestyle | 08.03.2022

Frauen vor den Vorhang

Nicht nur in Krisenzeiten sind Frauen die kraftvollen Stützen der Gesellschaft. Es ist endlich an der Zeit, dass das gesehen und anerkannt wird!

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© Shutterstock

Frauen fühlen sich seit jeher für das „Überleben der Sippe“ verantwortlich – ganz besonders in Krisensituationen. Gesellschaftlich wird das als wichtige Leistung allerdings immer erst dann anerkannt, wenn der Hut brennt. Höchste Zeit, das zu ändern, findet Lebens- und Sozialberaterin Helga Gumplmaier.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Was fordert Frauen – Ihrer Erfahrung nach – im Moment ganz besonders?
Helga Gumplmaier: Wohin frau auch blickt: Dort, wo in der Pandemie angepackt wird, sind es die Frauen, die das Werkl am Laufen halten. Und besonders Frauen werden im Spannungsfeld zwischen beruflicher Notwendigkeit und pandemischen Maßnahmen zerrissen. Anfangs wurde das Homeoffice von den Frauen noch als Glück gesehen, wie eine qualitative Längsschnittstudie „Frauen und COVID-19 in Wien“ aus dem Jahr 2020 zeigt. Aber das hat sich schnell relativiert, weil Frauen Verantwortung für alles übernommen und gleichzeitig sich selbst zurückgenommen haben – mit allen Konsequenzen von Überforderung und Gefährdung der eigenen Gesundheit. Die Pandemie hat das Brennglas mehr denn je auf Ungerechtigkeiten und Probleme in der Gesellschaft gelegt.

 

Die Pandemie hat gezeigt, dass viele Frauen die eigentlichen Krisenmanagerinnen sind. Warum sind Frauen meistens dennoch kaum sichtbar?
Frauen fühlen sich seit jeher für das „Überleben der Sippe“ verantwortlich – besonders in Krisenzeiten. Gesellschaftlich wird das als wichtige Leistung immer erst dann anerkannt, wenn der Hut brennt. Ist die Krise vorbei, werden sie als Erste wieder fallengelassen. Erinnern wir uns an die ersten Monate der Pandemie! Als Krisenmanager der Nation waren ausschließlich Männer sichtbar. Die Frauen hatten keine Zeit, sich vor die Kamera zu stellen, sie mussten ja die kritische Infrastruktur aufrechterhalten. Erst als immer mehr aus dem Ruder lief, die Kritik über die Unsichtbarkeit der Frauen lauter wurde, holten Medien dann doch hin und wieder eine Frau vor den Vorhang.

 

Wie schaffen es Frauen Ihrer Meinung nach endlich vor den Vorhang?
Frauen sind nicht nur in Krisenzeiten die kraftvollen Stützen der Gesellschaft. Leider möchten Frauen oft gesehen werden, ohne sich selbst zeigen zu wollen. Ich erlebe in meiner Beratung immer wieder Frauen, deren größte Blockade zum Erfolg ist, sich selbst positiv zu beschreiben und die eigenen Stärken zu benennen. Ein weit verbreitetes Glaubensmuster ist, dass frau schon gesehen wird, wenn sie nur genügend leistet und nett genug ist. Ein fataler Irrtum! Nicht wer brav ist, sondern wer sich zeigt, wird auch gesehen. Frauen haben großen Mut in Krisenzeiten, aber wenn es darum geht, das eigene Licht nicht unter, sondern auf den Scheffel zu stellen, dann siegt wieder die Bescheidenheit. Ich lade alle Frauen ein, sich darauf zu besinnen, was sie jetzt  alles leisten und welche Kompetenzen sie sich dadurch angeeignet haben.

 

Frauen müssen meistens viele Aufgaben unter einen Hut bringen. Sie sind berufstätig und zudem Mutter, Partnerin, Hausfrau, Köchin …
Das stimmt! Die Studie „Frauen und COVID-19 in Wien“ hat auch aufgezeigt, dass diese Rollenvielfalt von Frauen zur Falle wurde. Was in normalen Zeiten überwiegend nacheinander erfüllt wird, galt es im Lockdown gleichzeitig auszuführen. Hinzu kommen Unsicherheit und existenzielle Sorgen, die durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit sowie durch unklare Regelungen und kurzfristige Ankündigungen entstehen. In dieser Herausforderung setzen Frauen auf Selbstoptimierung statt auf Unterstützung. „Ich muss das alles alleine schaffen“ scheint ein weit verbreiteter Glaubenssatz zu sein, an dem wir unbedingt arbeiten sollten. 

 

Wie lässt sich das ändern?
Wir sind als gesamte Gesellschaft gefragt. Konjunkturpakete und sozialpolitische Maßnahmen müssen gendersensibel ausgerichtet sein, um zu verhindern, dass die fragilen Errungenschaften für Geschlechtergleichstellung der vergangenen 25 Jahre zunichte gemacht werden, schreiben auch die Autorinnen der Wiener Studie. Selbst die emanzipierteste Frau ist nicht davor geschützt, ganz schnell in alte Rollenmuster zu kippen. Jede Frau, die zu ihren weiblichen Stärken steht und diese auch bei ihren Geschlechtsgenossinnen wertschätzt, leistet einen Beitrag. Aufstehen, die eigene Meinung vertreten, die Männer in die Pflicht nehmen, negative Entwicklungen aufzeigen, Gewalt und Missbrauch anzeigen, einander unterstützen. Und sich Unterstützung erlauben! Sich coachen und beraten zu lassen ist ein Zeichen von Stärke und Professionalität – Manager machen das auch!

 

Sie sagen, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen sollten. Leider tun sie sich mit Solidarität untereinander oftmals ein bisschen schwer ...
Ja, ich frage mich manchmal, wie die patriarchale Gesellschaft es immer wieder schafft, dass Frauen sich gegenseitig klein halten. Meine Hypothese: Was man sich selbst nicht zugesteht, das bekämpft man gerne im Gegenüber. Wer sich nicht traut, sich mutig zu zeigen, wertet die Geschlechtsgenossin, die sich traut, dann ab. In einer Welt, in der nicht die (männlich geprägte) Konkurrenz, sondern das Miteinander, das sich gegenseitige Ergänzen und Unterstützen zählt, haben Frauen das Sagen. Lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen!

 

Stichwort Mut. Es gehört immer auch Mut dazu, für sich und seine Bedürfnisse einzustehen, oder?
Ich möchte den Frauen sagen, diesen Mut jetzt zur SelbsterMUTigung zu nützen, das Organisationstalent, die Flexibilität und das Durchhaltevermögen für sich selbst einzusetzen. Sie dürfen ihre Stärken selbstbewusst zeigen und jedem sagen, dass die Krise ohne uns Frauen nicht bewältigbar ist. Eine meiner liebsten Aufgaben in der psychologischen Beratung ist, Frauen in dieser SelbsterMUTigung zu begleiten. Es gibt nichts Schöneres, als zu sehen, wie Frauen strahlen, wenn sie sich mit ihren Stärken auseinandersetzen und lernen, zu diesen auch zu stehen. 

 

Kontakt

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© Panweb/Manfred Krög

Mag. Helga Gumplmaier

Psychologische Beratung

Ahornweg 8

4893 Zell am Moos

Tel.: 0664/2106624

E-Mail: [email protected]

www.lebenundraum.at