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Lifestyle | 19.01.2016

"Frauen dürfen sich auch mal auf die Schulter klopfen"

Frauen haben lange und hart für ihre Rechte gekämpft. Doch aus vielen Rechten sind im Lauf der Zeit Pflichten geworden, findet die Linzer Psychotherapeutin Marina Gottwald. Wir haben mit ihr über die neue Rolle der Frau gesprochen – und warum so viele Frauen den hohen Ansprüchen der Gesellschaft gerecht werden wollen.

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(© Shutterstock)

Sie beschäftigen sich seit geraumer Zeit intensiv mit der Rolle von uns Frauen. Wie ist es dazu gekommen?

Auslöser war ein Brief der Arbeiterkammer. Darin enthalten war ein sogenannter Pensionsrechner, mit dessen Hilfe man sich ausrechnen konnte, wie hoch die eigene Pension in etwa einmal ausfallen wird. Ich habe mir das sehr genau angesehen, und für mich war es eine mehr oder weniger versteckte Aufforderung an uns Frauen, mehr zu arbeiten, um später auch einen höheren Pensionsanspruch zu haben. Daraufhin habe ich mich näher mit der Frauenbewegung beschäftigt – und mit der Frage, was daraus geworden ist.

 

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Ursprünglich ist es darum gegangen, dass Frauen über sich selbst bestimmen wollten. Dass sie politisch denken, arbeiten gehen und ihre sexuelle Identität selbst bestimmen konnten. Doch aus vielen Rechten sind im Lauf der Zeit Pflichten geworden. Wir haben so viel dazu bekommen, aber nichts abgegeben. Die Vaterkarenz gibt es fast nur auf dem Papier und auch Teilzeitarbeitsmodelle für Männer sind kaum vorhanden. Für mich hat die gewonnene Freiheit der Frauen einen Pferdefuß: Zwar werden wir von den Männern nicht mehr unterdrückt, aber wir sind in der freiwilligen Ausbeutung geblieben.

 

Freiwillige Ausbeutung ist nicht unbedingt das, was eine Frau im Jahr 2015 hören möchte … 

Meiner Ansicht nach ist es aber nichts anderes. Wie gesagt: Wir haben vieles dazu bekommen und mittlerweile ist es fast schon zur Pflicht geworden, als Frau arbeiten zu gehen. Gleichzeitig haben wir nichts von den anderen Pflichten abgegeben. Die Kinderbetreuung liegt in unserer Hand, der Haushalt zum überwiegenden Teil ebenso. Und in den Medien wird uns dann noch an Beispielen wie Heidi Klum vorgegaukelt, dass man das alles vollkommen locker und entspannt leben und handhaben kann. Immer perfekt gestylt, erfolgreich und auch nach vier Kindern eine Traum-Figur. Sämtliche Nannys und Haushaltshilfen im Hintergrund werden allerdings nie gezeigt.  

 

Warum wollen so viele Frauen immer perfekt sein?

Ich denke, dass sie den hohen Ansprüchen unserer Gesellschaft gerecht werden möchten. Sie wollen fürsorgliche Mutter, attraktive Partnerin, perfekte Hausfrau und natürlich erfolgreich im Job sein.
Sogar in Babygruppen konkurrieren die Mamas miteinander, anstatt sich zu solidarisieren. In der Therapie versuche ich, den Frauen diese Last zu nehmen. Sie dürfen so sein, wie sie wirklich sind. Mit allen Emotionen, die dazu gehören – von Freude bis Verzweiflung. Und sie dürfen auch einmal wütend sein, etwa wenn ihr Kind seit fünf Stunden durchschreit. Wut ist ein normales Gefühl – auch für Mütter!

 

Würden Sie sagen, dass die Schattenseite der Emanzipation jene ist, dass häufig die persönlichen Bedürfnisse der Frauen auf der Strecke bleiben?

Viele Frauen übersehen tatsächlich, dass sie keine Zeit mehr für sich selbst haben. Und darum bin ich sehr dafür, dass wir wieder etwas von unseren Pflichten abgeben – auch wenn wir Frauen das oft nur ungern machen. Im Haushalt zum Beispiel lassen sich die verschiedenen Auf-gaben nach individuellen Stärken und Ressourcen auf Mann und Frau aufteilen. Außerdem sollten wir lernen, uns selbst mehr wertzuschätzen für das, was wir tun, und es nicht immer als selbstverständlich ansehen. Da dürfen wir uns auch mal auf die eigene Schulter klopfen.

 

Wenn eine Frau sich entschließt, bei den Kindern zu Hause zu bleiben, erntet sie nicht selten schiefe Blicke. Warum ist das so geworden?

Weil Hausfrau und Mutter in unserer Gesellschaft nicht mehr als Erfüllung oder Selbstverwirklichung gesehen wird. Es reicht nicht aus, sich „nur“ um Kinder und Haushalt zu kümmern. Dabei ist Kindererziehung eine wichtige, wertvolle und überaus anstrengende Arbeit. Ich finde es sehr schade, dass diese Arbeit dennoch so wenig Anerkennung findet. Jede Frau sollte das so handhaben dürfen, wie sie es für sich selbst möchte. Darum ist es notwendig, die Wertigkeit der Mutter wieder neu zu definieren und einzufordern, dass es anders abgegolten wird, wenn man bei den Kindern zu Hause bleibt. Es kann nicht sein, dass diesen Frauen dann Jahre ihres Arbeitslebens fehlen, was den Pensionsanspruch betrifft. Das gleiche gilt übrigens für Frauen, die Teilzeit arbeiten.

 

Sie sind selbst Mutter einer siebenjährigen Tochter und arbeiten Teilzeit hier in der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg. Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen damit?

Als ich mit 36 Jahren Mutter geworden bin, musste ich komplett umdenken und mein bisheriges Leben neu definieren. Ich habe rasch gelernt, nach außen zu kommunizieren, dass mein Kind an erster Stelle steht und ich mich in der Rolle als Mutter ausgelastet und wertvoll fühlen kann. Mit dieser neuen Einstellung kann ich diese erfüllende und wertvolle Lebensphase selbstbewusst und selbstbestimmt genießen.

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Mag. Marina Gottwald. (© gespag)

"Wir Frauen werden zwar nicht mehr unterdrückt, aber wir sind in der freiwilligen Ausbeutung geblieben."

Mag. Marina Gottwald, Psychotherapeutin und klinische sowie Gesundheitspsychologin