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Lifestyle | 22.06.2021

Erektion ist keine Messlatte

Ein Mann kann immer und will immer! Das ist zwar Unsinn, doch aus vielen Köpfen nicht herauszubekommen. Und kaum jemand weiß, dass es einen Unterschied zwischen sexueller Erregung und Erektion gibt.

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© Shutterstock

Ein Mann ist immer bereit und willig! In erotischen Büchern und Filmen werden Männer so dargestellt, als wenn sie immer Sex wollen und auch immer zum Sex bereit sind. Wir Menschen haben diese „Regel“ akzeptiert und die meisten Männer glauben, immer in der Lage sein zu müssen, sexuell zu reagieren – ohne Rücksicht auf Zeit und Ort, auf die eigenen Gefühle und körperliche Befindlichkeit. Männer machen sich viel Mühe, dem Mythos der ewigen Bereitschaft zu entsprechen, und wenn sie nicht nach Plan funktionieren, gehen sie streng mit sich ins Gericht. Weitere Mythen wie „Sex sollte natürlich und spontan sein, jede Berührung führt zu Sex, Sex ist gleich Geschlechtsverkehr und deshalb ist immer auch eine Erektion erforderlich“ befeuern den großen Leistungsdruck im sexuellen Kontakt zusätzlich. Bei Männern im Besonderen, weil ihre Erektion auch noch sichtbar und nicht selten eng mit ihrer männlichen Identität verbunden ist. 

 

Unterschied zwischen sexueller Erregung und Erektion. Nicht jede Erektion heißt: Ich muss Sex haben oder ich bin sexuell erregt. Und nicht jeder Mann, dessen Penis nicht steif ist, fühlt kein sexuelles Bedürfnis! Erektion und sexuelle Erregung sind zwei neurobiologisch sehr unterschiedliche sexuelle Aktivitäten, die zeitgleich auftreten können, aber nicht müssen. Diese Unterscheidung hat eine große Bedeutung, da der Mythos, dass eine Erektion immer „automatisch“ zum Geschlechtsverkehr führen muss, zu belastenden Irritationen führen kann.

 

Erektion –  wie geht das? Einerseits ist die Erektion ein angeborener Reflex,  den Embryos schon im Mutterleib haben. Das bedeutet nicht, dass der Embryo Sex haben will. Genauso automatisch richtet sich der Penis zum Beispiel auch während des Schlafs in jeder Traumphase auf. Diese Erektionen sind so etwas wie eine natürliche Übungseinheit für den Penis und sorgen dafür, dass er mit genügend Sauerstoff versorgt wird und die Muskeln des Penis trainiert werden. Dazu braucht es keine sexuellen Träume.
Auf der anderen Seite kann aber auch eine Erektion durch sexuelle Berührungen, optische Reize, Geräusche, Stimmen, Gerüche und Fantasien ausgelöst werden – verbunden mit einem angenehmen erregenden Gefühl im Genital. Ist die Situation erotisch passend, dann ist eine ungestörte sexuelle Begegnung gesichert. Leider ist es so, dass der Großteil der Männer vom Penis erwartet, dass er eine Erektion hat, auch wenn eine Situation vollkommen unpassend ist, sie unsicher oder gestresst sind. Und was passiert dann? Das Gehirn macht einen Abgleich: „Situation ist unpassend, stressig, unerotisch: keine Erektion bilden!“ Das bedeutet, dass die Erektion wieder verschwindet. Die Kunst, eine gelungene sichere Sexualität zu erleben, ist, sich gut zu spüren und gleichzeitig wahrzunehmen, ob die Umstände in dem Moment sexuell stimmig sind.

 

Herr R. (35 Jahre): „Seit sechs Jahren bin ich mit meiner Partnerin zusammen. Zu Beginn unserer Beziehung waren wir sehr verliebt und hatten oft Sex. Es war spontan immer und überall möglich. Jetzt ist Sex im Alltag mit Arbeit und zwei kleinen Kindern schwierig. Früher hab’ ich meine Frau gern umarmt, sie am Hals geküsst und dabei oft eine Erektion bekommen. Und dann hatten wir meistens auch Geschlechtsverkehr. Das war, bevor die Kinder geboren waren. Danach ist sie mir immer öfter ausgewichen. Ihre Antwort: „Jetzt nicht! Immer bist Du geil.“ Unsere täglichen Berührungen haben sich immer mehr reduziert. Wenn wir mal Sex haben könnten, passiert es immer öfter, dass ich keine anständige Erektion bekomme. Ich beobachte mich schon und habe Angst vor sexuellen Situationen. Wenn ich allein masturbiere, überprüfe ich auch schon, ob er eh steht. Festes Rubbeln hilft, allerdings nicht immer. Ich war auch schon bei der Urologin, um mögliche Krankheiten oder Medikamente als Ursache auszuschließen. Sie sagt, ich bin gesund. Meine Partnerin hat mich vor Kurzem gefragt, ob ich eine andere hätte oder ob ich sie nicht mehr sexy finde. Wir haben eine gute Beziehung. Wir lachen gern zusammen und verbringen gute Zeit miteinander. Ich weiß auch nicht ...“

 

Erektion ist keine „Messlatte“.  Angst und sich selbst damit zu stressen, ein idealer Sexualpartner zu sein, sind die schlechtesten Voraussetzungen für eine sinnliche Begegnung und eine anhaltende Erektion. Ein Gespräch wäre nötig, dass eine Erektion nicht eine „Messlatte“ für den Grad der Liebe und des Begehrens ist. Auch wenn man jemanden sehr liebt, kann eine Situation nicht passend sein: weil man erschöpft, gestresst, mit Kindererziehung belastet ist, finanzielle Sorgen oder zu hohe Erwartungen hat, wie eine Maschine funktionieren zu müssen.

Das bedeutet für die Partnerin/den Partner, dass auch er/sie sich von diesen Männerklischees befreien muss. Männer brauchen genauso wie Frauen passende Voraussetzungen, damit Sexualität funktioniert. Sollte es einmal nicht klappen, sollte man nicht an der Liebe zweifeln, sondern eine Einladung zu einem Gespräch ohne Bewertungen aussprechen, was im Moment an den Umständen nicht stimmig war. Das herauszufinden und liebevoll anzuerkennen, kann das Paar für kommende sexuelle Begegnungen sehr entlasten.Wenn Sie Fragen haben, berate ich Sie gern in meiner Praxis.

 

www.haberfellner-sexualberatung.at

 

Buchtipp: „Klappt‘s? Vom Leistungssex zum Liebesspiel – ein Übungsbuch
für Männer“, Michael Sztenc, S. Hirzel Verlag, € 22,90

Text: Susa Haberfellner