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Lifestyle | 13.09.2016

Doktorspiele bei Kindern

„Zeig mir deinen Popo!“ Wenn Maxi und Julia beim Spielen plötzlich halb nackt ihre Körper betrachten und betasten, sind viele Eltern und Kindergartenpädagoginnen überfordert. Eine Schulung zur kindlichen Sexualität von Susa Haberfellner

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© Shutterstock

Um das vierte, fünfte Lebensjahr herum erleben viele Kinder bewusster, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Buben und Mädchen gibt. Sie entwickeln Interesse an ihren Geschlechtsorganen. „Doktorspiele“ sind Ausdruck dieser Neugier. Es ist nicht nur vollkommen natürlich, wenn Kinder ihren eigenen oder den Körper von Altersgenossen betrachten und befühlen, es gehört auch zu einer gesunden sexuellen Entwicklung dazu. Für Eltern und Kindergartenpädagoginnen ist es dennoch oft verstörend, wenn Kleinkinder sich ausziehen, sich anderen nackt zeigen und an sich rumspielen. Wie wir am besten damit umgehen, verrät uns Susa Haberfellner.

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UNSERE EXPERTIN Susa Haberfellner, Dipl. Sexual- und Lebensberaterin, Klin. Sexologin

Welche Funktion haben Doktorspiele in der Entwicklung von Kindern?

Sobald sich Babys selbst berühren können, tun sie das auch. Dies gilt für den ganzen Körper. So werden die Füße, der Bauch, der Nabel und eben auch der Intimbereich genaues-tens betrachtet und betastet. Diese Selbstberührung stellt in den ersten sechs Lebensjahren einen wichtigen Teil der Identitätsentwicklung dar: Es geht darum, sich selbst genau kennenzulernen. Scheinbar ganz nebenbei passiert aber noch anderes: Durch die vielen Eigenberührungen wird die differenzierte Körperwahrnehmung gefördert. Diese ist unter anderem Voraussetzung dafür, dass Menschen ein Nähe- und Distanzgefühl zu anderen entwickeln können. Etwas verkürzt formuliert könnte man also sagen, dass Menschen, die ihren Körper gut wahrnehmen können, sich im eigenen Körper wohlfühlen und die Körpergrenzen gut spüren, auch die Grenzen anderer wahrnehmen können.

Und die Berührung der Kinder untereinander?

In der Identitätsfindung lautet der Leitsatz: Wer bin ich? Die logische Folgefrage ist: Wer sind die anderen? Berührungen von anderen sind daher ebenso von Neugierde geleitet; Kinder wollen nicht nur sich selbst, sondern auch andere erkunden, kennenlernen, entdecken. Das gilt auch und insbesondere für das Geschlechtsorgan, unter anderem auch deshalb, weil es Kinder lustvoll und lustig finden, sich in diesem Bereich zu berühren und ihn zu erkunden. Für Erwachsene ist dies manchmal sehr befremdlich, weil die kindliche Sexualität fälschlicherweise mit der erwachsenen Sexualität verwechselt wird.

Wie können Eltern sinnvoll damit umgehen?

Wie in vielen Bereichen, geht es auch hier in der Begleitung von Kindern darum, einen Rahmen zu setzen, der Entwicklung ermöglicht und wenig limitierend ist. Gleichzeitig aber brauchen Kinder auch Anleitung, welche sozialen Regeln in unserer Gesellschaft herrschen, also wann und wo Berührung im Intimbereich möglich ist und wann nicht.

Schade ist, wenn Eltern durch Moralisierungen die Sexualität, das Geschlechtsorgan und das Berühren des Intimbereiches als grundsätzlich ekelhaft, beschämend, schmutzig bewerten. Vorteilhafter ist es, wenn Kinder lernen dürfen: Der eigene Körper ist wunderbar! Auch das eigene Geschlechtsorgan. Dieses ist besonders wertvoll, deshalb ist es wichtig, gut darauf aufzupassen. Auch wenn mein Körper als Ganzes etwas Tolles ist, gibt es Situationen und Orte, wo ich ihn nicht nackt herzeigen soll – nicht weil mein Körper beschämend ist, sondern einfach nur deshalb, weil es in unserer Gesellschaft nicht passend ist. 

Was ist die Aufgabe der Eltern in der Sexualerziehung ihrer (Klein-)Kinder?

Es ist auf jeden Fall fatal, wenn Kinder von klein auf lernen, dass das Geschlechtsorgan schmutzig ist, dass es beim Toilettengang von Erwachsenen gesäubert und kontrolliert werden muss, dass das Kind keine Empfindungen in diesem Bereich haben darf. Damit wird die Kompetenzentwicklung des Kindes im Umgang mit dem eigenen Geschlechtsorgan verhindert, wodurch die Fähigkeit, ja und nein zu Berührungen zu sagen, limitiert wird.

Wo ist die Grenze bei Doktorspielen? Wo ist Vorsicht geboten?

Kindergartenkinder sind weder in ihren Konfliktregelungsmöglichkei-ten noch im sozialen Verhalten so gefestigt, wie es Erwachsene sind oder zumindest sein sollten. Es ist daher Aufgabe der Erwachsenen, der Eltern und Pädagogen, bei allen Spielen unter Kindern – und das gilt auch für weniger intime Spiele – auf folgende Dinge zu achten: Wie ist die Dynamik unter den Kindern? Ist eines der Kinder möglicherweise bereit, alles zu tun, nur um dem anderen Kind zu gefallen? Wie sieht es um die Kompetenzen der spielenden Kinder aus, also steht beispielsweise eines der Kinder immer an letzter Stelle der Hierarchie? Befinden sich die Kinder in ähnlichen Entwicklungsphasen? Es gibt sehr viele Möglichkeiten, Grenzen zu überschreiten, natürlich nicht nur, was die Sexualität betrifft.