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Lifestyle | 28.12.2015

Die Lust der Frau

Frauen suchen den Versorger und Partner fürs Leben, Männer dagegen sexuelle Abenteuer. Frauen geht die feste Bindung über alles, Männer gehen fremd – so gängige Thesen, die jetzt durch neuere Forschungen erschüttert werden. Wir haben mit Sexualtherapeutin Susa Haberfellner darüber gesprochen.

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© Shutterstock

Die Lust der Frauen ist durch und durch animalisch. Das behauptet Daniel Bergner in seinem Buch „Die versteckte Lust der Frauen“, in dem er die neuesten Erkenntnisse zur Sexualität der Frau zusammengetragen hat. Das Buch hat weltweit hohe Wellen geschlagen. Zu Recht, denn einige der Thesen sind prekär: Frauen hätten kein sonderliches Talent zur Monogamie und seien mindestens genauso triebgesteuert wie Männer. Auch mit dem Bild der Frau, die ihre Sexualität lediglich dafür einsetzt, einen Partner fürs Leben zu finden, räumt Bergner auf. Fest steht: Das weibliche Begehren ist wilder und vielseitiger als bisher angenommen. Susa Haberfellner mit ein paar erstaunlichen Wahrheiten über die komplexe Lust der Frau.

 

Die Frau als das lustlosere und sexuell passive Geschlecht – ein Mythos?

Eindeutig, ja. Frauen haben nicht weniger Interesse an Sex als Männer und das weibliche Geschlecht ist in keinster Weise das passive, wenn es um das Initiieren von Sex geht. Frauen sind nur anspruchsvoller in Sachen Sex als Männer. Wenn Frauen keine Lust auf Sex haben, ist es klug zu fragen: „Worauf genau nicht?“ Die Frage ist auch, ob Frauen ihre selbstbestimmte Sexualität genauso hemmungslos und offensiv leben (können/dürfen) wie Männer. Bei aller Aufklärung haben wir noch viele Tabus, Vorbehalte und erhobene Zeigefinger, wie „Das macht man nicht!“ oder „Das gehört sich nicht!“, von denen wir uns erst noch befreien müssen. 

 

Die weibliche Lust ist sehr komplex, gilt noch immer als Mysterium. Welche Faktoren beeinflussen sie? 

Neben Impulsen wie Berührungen oder Erinnerungen sind es vor allem Fantasien, Hormone und optische Reize, die das Begehren steuern. Eine große Rolle in puncto Lust spielt auch der Eisprung. Um ihn herum finden Frauen meist Männer mit markantem Kinn, breitem Kiefer und kräftigen Augenbrauen anziehend – Männer mit Attributen, die auf einen hohen Testosteronspiegel schließen lassen. In den restlichen Zyklusphasen bevorzugen Frau-en eher den weicheren Männertyp, den liebevollen Versorger.

 

Der Mann als Fremdgeher, die Frau als die Hüterin der Monogamie – ist das zeitgemäß?

Es scheint zwischen Männern und Frauen eine insgeheime Absprache zu geben: Männer wollen glauben, dass Frauen weniger fremdgehen – und Frauen wollen sie in diesem Glauben lassen. Anthropologen vermuten aber, dass die Genvielfalt, die notwendig ist, um unsere Gattung zu erhalten, nicht über die Promiskuität (Anm. Sexualverhalten, welches durch häufige Partnerwechsel gekennzeichnet ist) der Männer zustande kommt, sondern über die der Frauen. Zum Thema Monogamie ist noch zu sagen, dass lebenslanger Sex mit demselben Partner heute schwieriger ist als früher, als man nicht älter als 40 Jahre alt wurde. Mary Bauermeister, eine deutsche Künstlerin, meinte einmal: „Für mich ist Monogamie eine unglaublich großartige Kulturleistung. Hut ab, wer das schafft. Aber es ist nicht die Natur.“ 

 

Was sagt die Biologie?

Die These, dass Frauen keineswegs monogame Wesen sind, erhält Unterstützung von Primatenforschern. Bei den Rhesusaffen geht jede Form der sexuellen Interaktion von den Weibchen aus. In ihrer fruchtbaren Zeit fordern sie die Männchen aktiv zum Sex auf und bleiben dann eine Zeit lang mit ihnen zusammen. Ansonsten zeigen sie kein Interesse an den Männchen. Von wegen passives Geschlecht also! Wissenschaftler leiten davon Erkenntnisse über die Lust der Frau ab: Ihre Libido scheint einem ähnlichen Muster zu folgen.

 

 

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Bestseller von Daniel Bergner – "Die versteckte Lust der Frauen"

Die meisten Menschen wünschen sich, dass eine Beziehung ihnen alles bietet: emotionale Heimat, Stabilität und auch sexuelle Erfüllung. Kann eine Person langfristig alle diese urmenschlichen Bedürfnisse befriedigen?

Es ist ganz natürlich, dass sich zwei Menschen im Laufe der Zeit sexuell voneinander entfernen. Ist man frisch verliebt, spielen Unterschiede keine Rolle. Erst nach einer Weile stellen wir fest, dass wir verschieden sind. Manches passt, manches wird hingenommen, anderes passt überhaupt nicht. Das Problem ist, dass viele Menschen auch in langen Beziehungen noch dasselbe erwarten wie in der Verliebtheitsphase: dass Sex spontan passieren muss, zum Beispiel. Da können Sie aber lange darauf warten … 

 

Wie können Lust und Leidenschaft in Langzeitbeziehungen aufrechterhalten bzw. wiederbelebt werden? 

Wichtig ist zu wissen, dass Männer und Frauen unterschiedlich auf sexuelle Reize reagieren. In längeren Beziehungen verhält sich die Frau sexuell neutral, und die Motivation, in die Lust einzusteigen, kann das Bedürfnis nach Emotionen und Nähe sein. Für Lust muss man Räume schaffen, d.h. aktiv werden. Nicht jede sexuelle Flaute bedeutet übrigens, dass die eigene Sexualität gestört ist. Viele Paare genießen die Zweisamkeit und die Vertrautheit auch mit wenig Geschlechtsverkehr. Erst wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Unlust Leid verursacht, oder wenn z.B. Schmerzen beim Sex auftreten, sollten Sie reagieren. Eine Beratung kann hier helfen.