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Lifestyle | 06.12.2021

Die Kunst des Loslassens

Unglückliche Beziehungen, zu hohe Ansprüche an sich selbst, überflüssige Gegenstände – daran festzuhalten, obwohl es einem nicht guttut, kann massiv blockieren. Das neue Jahr eignet sich hervorragend dafür, sich davon zu befreien und endlich loszulassen!

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© Shutterstock

Wenn es ums Loslassen geht, denken die meisten Menschen erst mal an ihren übervollen Kleiderschrank oder Kellerräume, die bis oben mit Dingen gefüllt sind, die seit Jahren niemand mehr angeschaut hat. Doch mindestens genauso wichtig wie das regelmäßige Ausmisten im Außen ist jenes in unserem Inneren. Das Loslassen von Menschen, Glaubenssätzen und Gewohnheiten, von denen man glaubt, dass man sie braucht und ohne sie nicht leben kann. Die einem – bei bewusster und ehrlicher Betrachtung – allerdings nicht mehr guttun, sondern vielmehr blockieren und belasten. 

„Je mehr Zeit und Energie man in eine Sache investiert hat, desto schwieriger ist es, sich davon zu lösen.“ - Melanie Pignitter

 

LOSLASSEN...

… was man nicht mehr braucht, um sich wohl und entspannt zu fühlen. Dazu zählen auch Termine und Aufgaben. Überprüfen Sie regelmäßig, was wirklich wichtig und notwendig ist. Alles andere darf aus dem Terminkalender gestrichen werden! Damit schafft man wieder genug Platz für Entspannung, Spontaneität und Dinge, die einem wirklich guttun!

… was einem die Zeit raubt! Das sind zum Beispiel Smartphone, Tablets und natürlich soziale Medien. Man glaubt gar nicht, wie viel wertvolle Zeit zum Durchscrollen von Instagram & Co. draufgeht. Schauen Sie sich einmal Ihre Bildschirmzeit an, reduzieren Sie bewusst den Medienkonsum und leben Sie wieder öfter im Hier und Jetzt!

… was man muss und soll! Unbewusste Glaubenssätze, die tief in uns verankert sind und suggerieren, dass wir nicht in Ordnung sind, so wie wir sind, blockieren uns. Das kommt einer Ablehnung unseres Selbst gleich und ist schlecht fürs Selbstwertgefühl. Es beginnt schon als Kind, wenn man sich anpasst, um zu gefallen und geliebt zu werden. „Wenn wir unsere eigenen Werte und Vorstellungen leben und nach der Erfüllung unserer wahren Herzenswünsche streben, wird das Leben plötzlich viel leichter“, sagt Melanie Pignitter. „Denn wir lassen damit los, wer wir sein sollten, und werden, wer wir wirklich sind.“

… was die Selbstliebe unterdrückt! Versuchen Sie, im neuen Jahr öfter nach dem Motto zu leben: „Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben!“ Um Anerkennung, Liebe und Bestätigung zu bekommen, tut man Dinge, von denen man glaubt, dass andere sie schätzen und würdigen. Man stellt die Bedürfnisse der anderen über die eigenen. Um sich von dieser Sucht nach Anerkennung zu befreien, spielt Selbstliebe eine wesentliche Rolle. Denn wer sich liebt, wird sich nicht mehr für andere verbiegen!

… von Menschen, die einen runterziehen! Machen Sie zum Jahreswechsel eine Bestandsaufnahme: Wer darf gehen? Weil er Sie emotional erpresst, Ihnen nur die Energie raubt oder Sie als psychologischen Mülleimer benützt? „Jeder Mensch, der uns begegnet, erfüllt eine Aufgabe“, erklärt die Autorin. „Er stellt eine Lektion dar, aus der wir lernen dürfen. Der andere ist ein Wegbegleiter.“

… von zu hohen Ansprüchen an sich selbst! Perfektionismus wird zum Problem, wenn das Erfüllen der selbst auferlegten Ansprüche zu anstrengend wird. Außerdem verschlechtert Perfektionismus sogar das Leistungspensum. Das sogenannte Pareto-Prinzip besagt, dass 80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreicht werden können. Die verbleibenden 20 Prozent benötigen hingegen mit 80 Prozent die meiste Arbeit. Somit schafft man im Leben viel mehr, genau genommen das Fünffache, wenn man sich mit 80 statt 100 Prozent zufriedengibt.

… den Kampf gegen den eigenen Körper! Schließen Sie mit Ihrem Körper Frieden und schenken Sie ihm die Wertschätzung, die er verdient! Unser Körper ist ein Wunderwerk, der täglich Großartiges leistet, und es ist eine Illusion, zu glauben, dass er nur dann liebenswert ist, wenn er schön, schlank oder perfekt ist. Durch unseren Körper können wir einem anderen Menschen in die Augen schauen, den Duft von frischem Brot riechen, mit den Kindern kuscheln, uns unterhalten, spazieren gehen – diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Wie wäre es, folgenden Satz mindestens einmal am Tag zu sich selbst zu sagen? „Ich liebe meinen Körper dafür, was er täglich für mich tut!“

 

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Melanie Pignitter ist Mentaltrainerin und Bloggerin (honigperlen.at). Durch eine schwere Krankheit musste sie lernen, alles loszulassen, um wieder ein erfülltes Leben führen zu können. © Martin Jurycz

Die Notwendigkeit erkennen. „Egal, was man loslassen möchte: Der erste Schritt ist immer, sich dessen bewusst zu werden und zu verstehen, was in einem passiert. Nur so erkennt man die Notwendigkeit und den Gewinn des Loslassens“, erklärt Melanie Pignitter. Die Mentaltrainerin und Bloggerin hat ein Buch zu diesem Thema geschrieben (siehe Buchtipp) und weiß, wovon sie spricht, denn sie musste das Loslassen auf besonders harte Weise lernen. Eine seltene Schmerzkrankheit hat ihr vor einigen Jahren den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie musste die meiste Zeit in einem abgedunkelten Zimmer verbringen und brauchte all ihre Kraft dazu, die starken Schmerzen auszuhalten. „In dieser grausamen Situation musste ich alles, was mein Leben bis dahin ausmachte, loslassen“, erinnert sich die 36-Jährige. Das war notwendig, um wieder neue Lebensfreude finden zu können.

 

Die Bedeutung von Loslassen. Loslassen zeigt sich in vielen Formen und eine der wichtigsten ist laut Pignitter, einmal alles so sein zu lassen, wie es ist: „Auch, wenn es zwickt und zwackt und einiges dabei ist, was man gern anders hätte. Dieses Annehmen ist das Loslassen im Augenblick.“ Und es ist auch der erste Schritt in die richtige Richtung, denn: Was man nicht annimmt, kann man nicht ändern! Loszulassen bedeutet übrigens nicht, etwas zu verdrängen, zu vergessen, hinzunehmen oder schwach zu sein. Es heißt vielmehr, anzunehmen, zu vertrauen, Verantwortung zu übernehmen, im Hier und Jetzt zu leben und Frieden zu schließen.

 

Warum Loslassen so schwerfällt. Dennoch fällt den meisten Menschen das Loslassen schwer. Fakt ist, dass es die meisten Menschen als schwieriger empfinden, etwas loszulassen, als etwas Zusätzliches auf sich zu nehmen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist unser Gehirn arbeitsfaul. Es spart gern Energie – und das gelingt ihm am besten, wenn möglichst oft das dasselbe getan oder gedacht wird, wie zum Beispiel beim Zähneputzen. „Sobald wir etwas loslassen, bedeutet das stets eine Veränderung in unseren Gedanken und meist auch in unserem Tun“, erklärt Pignitter. „Das kostet Energie, denn wir müssen die Ergebnisse, die wir uns wünschen, immer wieder selbstbestimmt und bewusst anstreben, damit das gelingt.“ Loslassen ist somit keine einmalige Sache, man muss sich immer wieder bewusst dafür entscheiden. 

 

Die Angst, etwas Gutes zu verlieren.  Außerdem befürchten viele Menschen oft, etwas Gutes zu verlieren. Selbst wenn man weiß, dass der Partner nicht mehr zu einem passt, würden bestimmte Dinge, wie seine regelmäßigen Anrufe oder einfach seine Anwesenheit beim Fernsehen fehlen. Ähnlich ist es mit schlechten Gewohnheiten, denn die allabendlichen Schokokekse geben ja zumindest für den Moment ein wohliges Gefühl. „Unbewusst haben wir all diese Vorteile bereits verinnerlicht, wodurch es einem Verlustprozess gleichkommen würde, sie loszulassen“, weiß Pignitter. „Wir könnten etwas Gutes verlieren, ohne eine Garantie zu haben, dass etwas Besseres nachkommt.“ Manchmal kann man auch nicht loslassen, weil man bereits zu viel investiert hat – Zeit, Nerven, Geld oder Herzblut. Je mehr Zeit und Energie man in eine Sache hineingesteckt hat, desto schwieriger ist es, sich davon zu lösen. „Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass dann alles umsonst gewesen wäre“, betont die Autorin. „All diese Erfahrungen haben unser Leben bereichert, uns womöglich für lange Zeit glücklich gemacht, uns etwas gelehrt und mit zu dem Menschen gemacht, der wir heute sind. Nichts und niemand kann uns das jemals nehmen.“

 

 

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BUCHTIPP: "Federleicht. Wie du loslässt und ein befreites und erfülltes Leben führst". Melanie Pignitter, Goldegg Verlag, € 19,95

Das „Rückspiegelsyndrom“. So gut wie alle Menschen leiden übrigens unter einem „Rückspiegelsyndrom“. Das bedeutet: Wir legen das, was wir erlebt haben, wie einen Filter über das Hier und Jetzt und auch über die Zukunft. Das allerdings schränkt ein, macht unfrei und blockiert das Urvertrauen ins Leben. Und dieses Vertrauen ist wiederum nötig, um loslassen zu können. „75 Prozent unserer Gedanken beschäftigen sich mit der Zukunft“, weiß Pignitter. „Wir machen uns dabei völlig umsonst Sorgen, weil die meisten Horrorszenarien glücklicherweise gar nicht eintreten. Wenn man es schafft, negative Erfahrungen nicht mehr auf die Zukunft umzulegen, kann man frei von Sorgen und Ängsten leben. Wer hingegen immer dieselben Gedanken wählt, kann keine Veränderung bewirken!“

 

Schafft man es übrigens, loszulassen, was das Leben schwer macht, wird man mit einer neuen Freiheit und Leichtigkeit belohnt. Und dafür lohnt es sich doch allemal, in kleinen Schritten die Kunst des Loslassens zu üben …