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Lifestyle | 31.10.2018

"Die Frauen sind nicht nur Opfer"

Die gebürtige Syrerin Laila Mirzo gehört zu denen, die sich kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn sie auf die Gefahren eines konservativ gelebten Islam aufmerksam macht. Ein Gespräch über Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Frauenrechte.

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Laila Mirzo (© Robert Maybach)

Friedensreligion oder gefährliche politische Ideologie – beim Thema Islam scheiden sich die Geister und die Debatte verführt zu Schwarz-Weiß-Denken. Bei aller Emotionalität, mit der sie geführt wird, gilt es jedoch, sich die rechtlichen Rahmenbedingungen vor Augen zu führen. Sie sind Basis und Ausgangspunkt eines vernünftig geführten Dialogs zwischen zwei Parteien: auf der einen Seite diejenigen, die die spirituellen Aspekte und die Barmherzigkeit des Islam betonen und auf der anderen Seite jene, die die Gewaltsuren des Koran, den islamistischen Terror und die Benachteiligung der Frau im Fokus haben. 

Erste Rahmenbedingung ist die Religionsfreiheit, ein hart erkämpftes Produkt der religionskritischen Aufklärung, die den kirchlichen Anspruch, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, infrage stellte und heilige Schriften nicht mehr als Offenbarungen Gottes zu lesen verstand, sondern als von Menschen geschriebene Texte voller Widersprüche und Irrtümer. Dieser Schritt, der Europa maßgeblich prägte und für die weitere politische und ideelle Entwicklung des Kontinents von nicht zu überschätzender Bedeutung ist,,wurde in der offiziellen islamischen Theologie nie vollzogen. Viele Islamkritiker sehen in der fehlenden inner­islamischen Aufklärung die Ursache für die heutigen Probleme in den islamischen Gesellschaften. 
Der Islam ist in Österreich seit dem im Jahr 1912 verabschiedeten Islamgesetz eine anerkannte Religionsgemeinschaft; 1948 wurde die Religionsfreiheit auch in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verankert.

Die zweite rechtliche Gegebenheit und gleichzeitig eine der wichtigsten Grundlagen in einer Demokratie ist die Meinungsfreiheit. Auch sie ist sowohl in der österreichischen Verfassung geschützt als auch in der UN-Menschenrechtscharta festgesetzt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt nicht vorbehaltlos, seine Grenzen, etwa wenn bei der Meinungsäußerung zu Gewalt und Hass aufgerufen oder das Verbotsgesetz (die öffentliche Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus) angetastet wird, setzt das Strafgesetz. „Nun sag, Europa, wie hast du‘s mit der Meinungsfreiheit?“ – die neue Gretchenfrage deckt die Gesinnung des Gefragten auf, doch gilt: Gesinnung hin oder her, ausschlaggebend ist das geltende Recht.

Zu Konflikten kommt es, wenn die Religionsfreiheit mit anderen Grundrechten kollidiert, etwa mit den in der Islamdebatte viel diskutierten Frauenrechten, oder aber mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Diese Erfahrung machte auch die 1978 in Syrien geborene und heute in Linz lebende Islamkennerin und -kritikerin Laila Mirzo, als sie 2017 wegen „Herabwürdigung religiöser Lehren“ (§ 188 im Strafgesetzbuch) angezeigt wurde. Grund für die Anzeige war folgende Aussage – und gleichzeitig eine der Thesen ihres neu erschienenen Buches mit dem Titel „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim“: „Der Terror, die Gewalt ist keine Perversion des IS oder der Terroristen, ein paar verirrter Radikaler, sondern ist das Kernstück des Islam.“ Zu einer Anklage kam es nicht. Wenn man das als einen Sieg für die Meinungsfreiheit wertet, dann mit dem Argument, dass die Religionsfreiheit zwar das Recht der Menschen schützt, die eine Religion ausüben, nicht jedoch die Religion an sich. Die Religionsfreiheit macht den Islam nicht über Kritik erhaben. Und das ist gut so. 

 

Frau Mirzo, kommen wir gleich zur Sache. Sie sagen, der Islam passt nicht zu Europa. Was führt Sie zu der Behauptung? 
Laila Mirzo: Der Islam genießt in Europa die Religionsfreiheit, gewährt sie anderen aber nicht. Im islamischen Recht ist die Diskriminierung und Verfolgung von Andersgläubigen legitimiert, ebenso ist Apostasie, der Abfall vom Glauben, ein Straftatbestand ...

… wobei sich die Mehrheit der gemäßigten Muslime hier wahrscheinlich nicht angesprochen fühlt. 
Den Islam gibt es nur im Doppelpack mit der Scharia, einer radikalen Gesellschaftsordnung, die das gesamte öffentliche wie private Leben des „guten“ Muslims regelt und Hass gegen Andersgläubige, Homosexuelle und Frauen legitimiert. Nicht zu vergessen die Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen, die auch bei uns gang und gäbe sind. All das ist mit unserem Rechtsstaat nicht vereinbar. Die Scharia bedeutet aber nicht nur Todesstrafe und Handabhacken, sie fängt schon dabei an, wenn ein Mann einer Frau den Handschlag verweigert oder die „Generation haram“ (Anm. d. Red.: im Islam strikt verboten) muslimische Mädchen ohne Kopftuch an Schulen tyrannisiert. Natürlich gibt es durchaus viele liberale Muslime, die entscheiden können, wie viel Islam sie leben wollen, aber es gibt keinen liberalen Islam, keinen Islam „light“.

Lassen Sie uns noch kurz über Ihre Kindheit im Syrien der 1980er-Jahre sprechen. Wie haben Sie diese erlebt? 
Damals war der alte Assad, Hafiz al-Assad, der Vater des jetzigen Machthabers, an der Macht und die Lage in Syrien war schon angespannt. Mein
Vater – er ist Syrer, meine Mutter Deutsche – war Regimekritiker, wurde deshalb mehrmals gefoltert und hatte Berufsverbot. Wir lebten in der Pufferzone zu Israel, auf den Golanhöhen, wo dauernd Manöver waren. Kriegsangst war immer präsent. Ebenso wie der Geheimdienst vor der Tür, der uns beobachtete.

War die Zeit in Syrien entscheidend für Ihre heutige Sicht auf den Islam?
Ich muss Religion und Politik hier trennen. Was Politik betrifft, so ist man als Kind in Syrien völlig der Propaganda ausgeliefert: In der Schule, über Kindersendungen … alles war Propaganda gegen Israel. Ich bin in dem Geiste groß geworden, dass Juden keine Menschen sind, sondern Soldaten, die Kinder umbringen – obwohl bei uns daheim Antisemitismus keinen Platz hatte.
Ich war indoktriniert. Erst in Deutschland – meiner Mutter wurde es irgendwann zu brenzlig, da nahm sie mich, elf Jahre alt, mit nach Bayern – habe ich gelernt, dass das alles Unsinn ist. 

 

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Die unterdrückte, unmündige muslimische Frau: Klischee oder Wahrheit? Die halbe Wahrheit, sagt Laila Mirzo. (© Shutterstock)

Sind Sie auch aus Ablehnung des Islam zum Christentum konvertiert?
Nein, der Anstoß war ein unreligiöser. Der Pfarrer des Dorfes, in dem wir lebten, wollte mich als seine Pfarrsekretärin. Und da mir eine Muslimin als Pfarrsekretärin doch sehr befremdlich vorkam, ließ ich mich taufen. (lacht) Bei der Zeremonie stellte der Pfarrer nicht die obligatorische Frage „Glaubst du an die katholische Kirche?“, sondern fügte dem hinzu: „… mit all ihren Fehlern“. Das hat mir imponiert. 

Menschen, die sich kritisch dem Islam gegenüber äußern – meist selbst Muslime, die die islamische Theologie sehr gut kennen –, werden regelmäßig als Hetzer bezeichnet, die die Gesellschaft spalten. Sie selbst wurden angeklagt, ins rechtsextreme Eck gestellt. Das ist ein sehr schwerwiegender Vorwurf. Was können Sie dem entgegenhalten? 
Ich bin keine Ideologin und ich habe auch keinen Hass in mir. Im Gegenteil, ich möchte dieser Hassideologie entgegentreten. Es stimmt, ich bin auch in sogenannten „rechten“ Kreisen unterwegs, weil es mein Verständnis von Demokratie ist, dass in einer solchen das gesamte Spektrum von links bis rechts erlaubt ist. Ich würde gerne auch in linken Kreisen auftreten, wenn man mich denn einladen würde. Aber das geschieht nicht. Die Gesellschaft spalten diejenigen, die die Probleme klein- oder wegreden. Das hat auch mit Toleranz nichts zu tun. 

Anderes Thema: die Frau im Islam. Sie gilt als unterdrückt. Kleidungsvorschriften, die Mädchen und Frauen auf ihre Sexualität reduzieren, das Nicht-Besuchen muslimischer Mädchen des Schwimmunterrichts ... – sind muslimische Frauen wirklich nur Opfer?
Es gibt Frauen, die Opfer sind, sich auflehnen gegen das frauenfeindliche Patriarchat in der islamischen Gesellschaft und dafür verprügelt oder getötet werden. Erst kürzlich wieder wurde in Saudi-Arabien eine Menschenrechtsaktivistin zum Tode verurteilt. Es gibt aber auch die Frauen, die als Täter, als Komplizinnen des Patriarchats auftreten. Sie tragen die Verantwortung in der Kindererziehung und geben an ihre Söhne weiter, dass die Frau weniger wert ist. Auch was die genitale Verstümmelung angeht, sind es die Frauen, die das ihren Töchtern antun. Uns Frauen in Europa sind die Frauenrechte nicht in den Schoß gefallen, wir sollten sie hochhalten! 

Beschäftigen wir uns doch mit der wichtigen Frage, wie sich der Islam in ein modernes Europa integrieren lässt. 
Indem man die Ausbildung von Islamlehrern zum Beispiel nicht mehr der IGGiÖ (Anm. d. Red.: Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) überlässt. Diese hat letztes Jahr erst die Evolutionstheorie abgelehnt und kuschelt mit den Muslimbrüdern. Es ist fahrlässig, die Ausbildung unserer Kinder solchen Leuten zu überlassen! Es braucht mehr Einmischung, was durch die neue Regierung auch passiert. Muslime dürfen nicht nur nicht in einer Parallelgesellschaft leben, sondern vor allem nicht in einer Gegengesellschaft. Das ist aber leider selbst in Österreich schon der Fall, von den großen deutschen Städten oder von Frankreich ganz zu schweigen. Überall dort, wo ein gewisser Prozentsatz an Muslimen relativ zur Gesamtbevölkerung erreicht ist, gibt es Probleme mit Muslimen. Wir brauchen einen Reform-Islam, der die Prinzipien unseres Rechtsstaats anerkennt.

Eine Reform kann doch aber nur „von innen“, von den Muslimen selbst, kommen und ihnen nicht von der Mehrheitsgesellschaft aufgezwungen werden.
Das ist richtig. Auch die Aufklärung als geistige Reformbewegung im Christentum passierte von innen. 

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Buch?
Ich wünsche mir, dass ich viele Menschen damit erreiche, vor allem auch solche, die meine Meinung nicht teilen. Ich möchte diese Menschen informieren und ihnen gut aufgearbeitete Argumente liefern. Ein großer Wunsch ist auch, den vielen Opfern des islamischen Terrors eine Stimme zu geben. Ich sage bewusst „islamisch“ und nicht „islamistisch“, denn was wir als Islamismus bezeichnen, ist der reine, ungeschminkte Islam.