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Lifestyle | 20.10.2020

„Die Dosis macht das Gift“

Bis 21. Februar 2021 zeigt das Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels Monika Kus-Piccos Bilder aus abgelaufenen Medikamenten. Die Künstlerin gilt als unverhoffte Fortsetzerin von Hermann Nitsch.

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© privat

Die Resultate von Monika Kus-Picco gehören zu den interessantesten, was zeitgenössiche Kunst anbietet“, mit diesen Worten beschreibt Hermann Nitsch das Wirken der Künstlerin. Seit 2018 arbeitet Monika Kus-Picco ausschließlich mit Medikamenten als Pigmente für ihre teils großformatigen, teils mittelformatigen Gemälde. Die gebürtige Wienerin, die in Nieder-
österreich lebt und arbeitet, studierte bei Adolf Frohner an der Universität für angewandte Kunst, bei Herbert Brandl an der Kunstakademie Düsseldorf sowie bei Hermann Nitsch, der sie als eine unverhoffte Fortsetzerin seines Œuvres in eine unerwartete Richtung erachtet. Im Interview erzählt Monika Kus-Picco, wie sie dazu gekommen ist, mit abgelaufenen Medikamenten zu arbeiten.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Kus-Picco, seit 2018 arbeiten Sie ausschließlich mit Medikamenten als Ausgangsbasis der Pigmente für ihre Gemälde. Wie darf man sich das vorstellen?

Monika Kus-Picco: Die Farben bzw. die Pigmente stelle ich ausschließlich aus medizinischen Produkten her. Es bedarf also einer gewissen Vorarbeit, um auch zu diesen Farben zu kommen. Es ist ein eigener Forschungsprozess, der chemische Reaktionen nach sich zieht. Es ist ein Ausprobieren, welches letztendlich zu diesen Resultaten führt. Ich verwende statt herkömmlicher Industriemalfarbe konkretes Material mit einer tiefen assoziativen Bedeutung. Gerade dieser Aspekt erzeugt die geheimnisvolle Farbe auf den informellen Bildern, zu der ich schon mehrfach von Besuchern meiner Ausstellungen befragt wurde.

 

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema Erinnerung. Dazu gekommen bin ich deshalb, weil meine Mutter relativ früh an Alzheimer erkrankt war und ich mich ständig nach dem Warum gefragt habe. Ich habe zu forschen begonnen und bin dabei auf Studien gestoßen, die den Zusammenhang von der Einnahme bestimmter Medikamente und Alzheimer thematisierten. Künstlerin zu sein, ist für mich eine Möglichkeit, eigene Forschung ohne wissenschaftlichen Anspruch zu betreiben. Studien verwenden zu können, die ein Mediziner in der Form nicht heranziehen kann. Die Ergebnisse drücke ich auf meine eigene Art und Weise aus.

 

Worauf möchten Sie mit Ihrer Serie „Medizinbilder“ aufmerksam machen? 

Da gibt es  mehrere Aspekte. In erster Linie möchte ich auf die immer noch viel zu wenig besprochenen Themen Alzheimer und Demenz aufmerksam machen. Aber es geht natürlich viel weiter. Basierend auf der Farbenlehre in der Medizin, wie beispielsweise der Körpersaftlehre, werden Fragen aufgeworfen. Mein Bild „American Beauty vs Covid 19“ thematisiert zum Beispiel Gesundheit und Schönheit. Ist Schönheit ein Gesundheitsversprechen? Ein Thema, das vor allem in Amerika von Bedeutung ist und das es vor allem in Zeiten von Covid-19 zu hinterfragen gilt. Wichtig ist mir auch der Aspekt, dass Medikamente dafür gemacht sind, uns im allerbesten Fall positiv zu beeinflussen und zu helfen. Ich bringe sie quasi wieder auf eine neue Ebene, um uns visuell zu beeinflussen. 

 

Wie stellen Sie die Farben aus den Medikamenten her? 

Man muss die Tabletten zerkleinern, zerreiben und anschließend mit verschiedenen Substanzen vermischen, die Farbe zulassen. Es funktioniert ähnlich wie bei Öl- oder Acrylfarben. Wenn man diese anmischt, wird auch mit Pigmenten und Bindemitteln gearbeitet, also insofern gibt es da auch Parallelen. Aber natürlich gibt es auch chemische Reaktionen. Ich verwende sehr unterschiedliche Substanzen. Es sind medizinische Produkte, die als Blutverdünner, Antibiotika, Vitaminpräparate, Desinfektionsmittel und so weiterverwendet werden. 

 

Welche Technik wenden Sie bei Ihren Medikamentenbildern an?

Es ist eine sehr bewegte, aktionistische Art zu arbeiten. Es wird geschüttet und zum Teil auch geworfen. Alleine der Größe wegen arbeite ich vorwiegend am Boden und nie auf einer Staffelei. Das hat auch den Vorteil, dass sich die Farben grenzenlos ausbreiten können, frei ineinanderfließen oder auseinanderstreben können. Damit unterliegen sie keinerlei räumlicher Beschränkung. Teilweise verwende ich Spachteln zum Verteilen.

 

Müssen Sie bei der Verwendung der Medikamenten-Farben besonders achtsam sein?

Nicht unbedingt. Es kommt immer darauf an, mit welchen Produkten ich gerade arbeite. Es ist vielfach unvorstellbar, dass völlig harmlose Präparate so starke Farben geben. Gerade das Rot oder das Rostrot, das ich verwende, ist ein pflanzliches Produkt. Wenn ich allerdings mit Antibiotika arbeite, kommen Handschuhe und Mundschutz zum Einsatz, da die meisten Medikamente in zerkleinerter Form nicht eingeatmet werden sollen. Aber Gift ist sowieso ein zu hinterfragendes Wort. Denn die Dosis macht das Gift und auf Englisch ist „gift“ ja eigentlich ein Geschenk. 

 

In Ihrer künstlerischen Arbeit versuchen Sie bewusst, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Mit welchen Grenzen haben Sie sich bei den „Medizin-bildern“ beschäftigt?

Dass es eben in der Kunst im Gegensatz zu vielen anderen Berufen keine Grenzen gibt. Es ist eine Form von inter-
disziplinärer Arbeit. Vielleicht gelingt es mir in einer gewissen Art und Weise, die Grenze zwischen Medizin und Kunst verschwimmen lassen. Das Interessante ist, Dinge auf eine andere Ebene zu bringen. Medizin durch Farbe darzustellen und somit auch in der Wirkung des Medikaments einen neuen Aspekt zu schaffen – einen visuellen. Der Gesund-
machungsprozess, den diese Medikamente bewirken sollen, wird anschaulich gemacht.

 

Ihre Ausstellung im Museum Angerlehner  erhält durch die gegenwärtige Corona-Krise eine ungeheure Aktualität. In welchem Zusammenhang stehen Kunst und Krise?

Gerade in Krisen war und ist die Kunst wichtiger denn je. Sie thematisiert und bewegt Dinge auf der Metaebene. Natürlich ist Kunst kein Orakel, sie kann sich aber an Fragen und deren Antworten auf sensibelste Art und Weise heran-
tasten. In meiner Arbeit verbergen die  Farben ein Geheimnis, die Wirkung des Medikaments und sie können Hoffnung auf Heilung versprechen.

 

Ausstellung Monika Kus-Picco

„Medikamentenbilder. 2018-2020“bis 21.Februar 2021

Museum Angerlehner
Ascheter Str. 54
Thalheim bei Wels

www.museum-angerlehner.at