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Lifestyle | 06.09.2022

Die 50 größten Ökolügen

Wo grün draufsteht, ist noch lange nicht grün drin. Im Kampf um das nachhaltigste Produkt, die grünste Innovation oder das umweltfreundlichste Verhalten wird viel geschummelt. Der Zweck von Ökolügen ist meist derjenige, uns weiszumachen, es gebe einfache Antworten auf schwierige Fragen. In seinem aktuellen Buch hinterfragt Umweltjournalist Michael Lohmeyer die fünfzig gängigsten (Irr-) Glaubenssätze der Umweltpolitik. Wir präsentieren Ihnen sieben davon.

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Nicht so wie man denkt - die gängigsten Ökolügen auf einen Blick. © Shutterstock

Es gibt kaum ein Thema, bei dem sich die Geister so stark scheiden wie beim Klimawandel. Selbst Wissenschaftler, Klimaforscher und Klimaökonomen sind sich nicht immer in allem einig: Ist E-Mobilität nun wirklich nachhaltig? Ist Atomkraft doch grün? Ist die Welt durch Innovationen zu retten? Welche Rolle spielen die globalen Riesen China und Indien? Gibt es zu viele Menschen auf der Erde? Diesen und vielen anderen Fragen widmete sich auch Michael Lohmeyer, seit 1989 Redakteur bei der Tageszeitung „Die Presse“, und präsentiert seine Standpunkte und Sichtweisen in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die 50 größten Ökolügen. Wie uns Politik und Industrie an der Nase herumführen“. 

 

Mit E-Autos schützen wir die Umwelt

Der Umstieg vom Verbrenner auf ein Elektroauto ist nicht gelebter Umweltschutz, denn: Die Materialien zur Herstellung sind ökologisch problematisch, die Batterietechnologie ist noch nicht ausgereift und der Zeitpunkt, zu dem Strom zur Gänze aus erneuerbaren Quellen kommt, ist noch in weiter Ferne. Auch dass uns Elektroautos vom Feinstaub befreien würden, ist nach Michael Lohmeyer eine Ökolüge. Obwohl E-Autos keine Schadstoffe aus dem Auspuff in die Luft lassen, sind sie nicht schadstofffrei – die Feinstaubbelastung durch Reifen, Bremsen und Aufwirbelung vom Asphalt macht vier Fünftel der gesamten vom Auto verursachten Feinstaubbelastung aus. 

 

Umweltschutz ist teuer

Der Aufwand für Umweltschutz ist nicht zu groß, sondern zu niedrig, und zwar bei Weitem, meint der Autor. Seit der Industrialisierung vollzog sich immer mehr die Trennung zwischen der Welt des Menschen und dessen Umwelt und ist Letztere immer mehr zu einem Wirtschaftsraum geworden, den sich der Mensch zunutze macht. Alles, was über den Nutzwert hinausgeht, scheint zu teuer. Doch der Zugang muss lauten: Nicht mehr „bedingungsloses Nutzen und Ersetzen“ sollen im Fokus stehen, sondern „die Bedingung, dass Nutzen nur in dem Maß möglich sein darf, in dem Ersetzen vermieden wird und das System der Natur gewahrt und intakt bleibt“. Der Natur nur so viel nehmen, wie nachwächst – das ist Nachhaltigkeit. 

 

Bei hundert Prozent „Bio“ verhungert die ganze Welt

Weniger als ein Fünftel der weltweiten Agrarfläche wird für den Anbau von Kulturpflanzen für den menschlichen Verzehr genutzt, mehr als zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind dem Anbau von Tierfutter vorbehalten. Lohmeyer erwähnt eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), die ergeben hat, dass eine Landwirtschaft, die hundert Prozent „Bio“ ist, die Weltbevölkerung ernähren könnte, würden sowohl der Fleisch- als auch der Milchkonsum sinken und gleichzeitig die Lebensmittelabfälle (rund ein Drittel unserer Lebensmittel wird weggeworfen) um 50 Prozent reduziert werden.

 

Es gibt zu viele Menschen

Obwohl die ökologischen Probleme durch Bevölkerungswachstum verschärft werden – die Weltbevölkerung wird nach derzeitigen Berechnungen bis zum Jahr 2100 auf mehr als zehn Milliarden steigen –, hält Lohmeyer diese Ökolüge für eine Verkürzung. Nicht die Anzahl der Menschen auf dem Planeten, sondern der Konsum und das Ausmaß des Raubbaus sind das Problem. Das reichste Zehntel der Weltbevölkerung verursacht die Hälfte der Treibhausgase.

 

Erfindergeist hat uns noch immer gerettet 

Obwohl unter Klimaforschern relative Einigkeit darüber herrscht, dass Innovationen – wenn auch nicht allein – die Erderwärmung stoppen können und auch der Weltklimarat IPCC die Wichtigkeit technischer Innovationen unterstreicht (nicht nur das, er bezeichnete gar technische Eingriffe ins Klima 2018 als „wahrscheinlich alternativlos“), steht Michael Lohmeyer diesen skeptisch gegenüber. Denn, so schreibt er in seinem Buch: Mit dem Fokus auf Technologien werde vergessen, worum es eigentlich gehe, nämlich um den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und die Reduktion des Treibhausgasausstoßes. Zudem gebe es noch zu viele offene Fragen zu neuen Technologien. 

 

China besiegelt das Schicksal des Weltklimas

Lohmeyer kritisiert in seinem Buch, dass die Rolle Chinas beim Thema Klimawandel stets in den Vordergrund gerückt wird, wo doch vor nur zwei Jahrzehnten noch die USA unangefochten die Spitzenposition belegten. „Es sind Europa und die USA, die diese Geschichte geschrieben haben (und immer noch kräftig mitschreiben).“ 

Fakt ist dennoch, China ist der heute mit Abstand weltgrößte Treibhausgasemittent und trägt damit sehr wohl eine große Verantwortung. 

 

Wir sind zu klein, um das Weltklima zu beeinflussen

Entscheidend sind die großen Player – das stimmt nicht, meint der Autor. Die angeblich so kleinen Beiträge zur Klimakrise seien gar nicht so klein. Lohmeyer führt das Argument der „importierten CO2-Last“ an: „Wenn Produktionen europäischer oder amerikanischer Konzerne nach China ausgelagert werden, dort eilends nach der Fertigstellung verschifft werden, welchem Land sind die dabei entstandenen Emissionen zuzurechnen?“

 

 

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Buchtipp

Die 50 größten Ökolügen. Wie uns Politik und Industrie an der Nase herumführen

Michael Lohmeyer, edition a,
ISBN 978-3-99001-582-7; € 24