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Lifestyle | 25.11.2020

Der Schmerz beim Abschied ist der Preis für die Liebe

Bereichernd. Rund 2.500 Trauerreden hat Carl Achleitner bereits gehalten. In seinem neuen Buch „Das Geheimnis eines guten Lebens“ sagt der 57-Jährige, warum ihn diese Tätigkeit dermaßen erfüllt.

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© Carl Achleitner

Treffpunkt Zentralfriedhof. Eine außergewöhnliche Location. Für Carl Achleitner, der gerade von einem Einsatz in der Feuerhalle kommt, der schönste Arbeitsplatz der Welt. 

Seit 2012 ist der gebürtige Oberösterreicher Trauerredner. Inzwischen sogar hauptberuflich. Was ihn überhaupt nicht stört. Im Gegenteil. Diese Aufgabe sei erfüllend. „Wenn man Trauernden hilft, dieses Ritual des Abschieds so zu begehen, dass sie ein wenig getröstet nach Hause fahren und sie später, wenn die Trauer einmal etwas verarbeitet ist, gern daran zurückdenken, dann empfindet man sein Tun als sinnstiftend“, erzählt der Schauspieler, der es anfangs sogar ablehnte, sich – auf Anraten seiner Frau – als Grabredner zu bewerben. Mittlerweile weiß er, wie lehrreich es ist, sich regelmäßig mit dem Tod zu beschäftigen. Sich auch den unangenehmen Wahrheiten zu stellen, habe Leichtigkeit in sein Leben gebracht. Er fürchte sich heute vor nichts mehr. „Denn wir sind auf alles im Leben vorbereitet, auf den Tod genauso wie auf die Geburt“, sagt Achleitner. In seinem neuen Buch „Das Geheimnis eines guten Lebens“ berichtet er über seine Erkenntnisse von Liebe, tiefen Freundschaften, Humor, Geborgenheit und von der Kraft der Vergebung. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie anfangs dem Job sehr skeptisch gegenüberstanden und nun ist er Ihre Erfüllung. Wie das?

Carl Achleitner: Dieser Beruf ist eine Lebensschule. Du bist mehr oder weniger täglich mit den großen Fragen des Lebens konfrontiert. Und da ich kein Priester bin, habe ich einen weltlichen Zugang. Ich bemühe mich stets, soviel wie möglich über den Verstorbenen zu erfahren, um eine würdevolle Abschiedsfeier mit einfühlsamer, authentischer Rede zu gestalten. 

Eine Trauerrede war für Sie sehr schmerzlich: jene für Ihren Freund und Schauspielkollegen Alexander T.T. Müller, der Sie ein Jahr vor seinem Tod darum bat.

Ja, das war sehr heftig. Bei Xandi wurde ein Hirntumor diagnostiziert – und er bat mich, seine Trauerrede zu halten. Das war das erste Mal, dass mich jemand  schon während seines Lebens ersuchte, bei seinem Begräbnis zu sprechen ... Sein Foto trage ich immer in meiner Mappe, er wurde 53 Jahre alt. 

Auch wenn man es so lange weiß, kann man je auf den Tod eines Freundes bzw. geliebten Menschen vorbereitet sein? 

Ich ging nach vorne, verneigte mich vor dem Sarg, so wie ich es immer mache, drehte mich um und sah seine Eltern und Freunde und da musste ich erst einmal durchatmen, um nicht zu heulen. Aber dann hörte ich seine Worte: „Bitte, mach‘s lustig.“ Und ich begann mit dem Bazon- Brock-Zitat „Der Tod ist eine Zumutung! Diese Sauerei gehört sofort abgeschafft!“ ... Zuletzt lief ein Video, in dem er selbst von seinem erfüllten Leben erzählte und uns mitteilte, er tanze eben jetzt auf einer anderen Party – mit Prince,  John Lennon und Jimi Hendrix. Ein wirklich schönes Leben bedeutet, bis zuletzt zu lachen.

Sie setzen oft auf Humor.

Ja, weil es den Trauerenden ein wenig hilft, den Schmerz zu lindern. Im konkreten Fall handelte es sich um einen Künstler um die 80, dessen Kinder mir verrieten: „Mit jedem, der heute zum Begräbnis kommt, hat unser Vater mindestens einmal gestritten. Es ging immer um Kunst.“ Daher sagte ich in meiner Rede: „Der Hubsi hat in seinem ganzen Leben nie mit jemanden gestritten.“ Die Reaktion war ein Riesenlacher aller Anwesenden.

Sie schreiben, dass das Trauerreden Leichtigkeit in Ihr Leben brachte. 

Ich habe gelernt, zu unterscheiden, was wichtig ist bzw. was nicht. Und ich weiß nun auch, dass man vor nichts Angst haben muss. Früher war ich ein sehr angstbesetzter Mensch, jetzt nicht mehr. Diese Erkenntnis resultiert aus dem sich Einlassen auf das Leben. Und ich denke inzwischen auch, dass der Schmerz beim Abschied der Preis für die Liebe ist.

 Ein wichtiges Thema handelt von Versöhnung zu Lebzeiten.

Ich wurde als Kind von meinem Vater regelmäßig geschlagen. Mir ist es nicht gelungen, mich mit ihm zu Lebzeiten auszusöhnen, weil mir der Mut fehlte, das anzusprechen. Und das bedaure ich. Aber ich weiß von einer Bekannten, dass er oft gehofft hatte, ich könne mich daran nicht mehr erinnern. Das halte ich für ein Zeichen von Reue.

Haben Sie schon Vorbereitungen für Ihr Begräbnis getroffen? 

Ich habe meinen Körper der Medizin vermacht, meine Körperteile werden danach eingeäschert und auf der Wiese vor der Feuerhalle begraben ... Vielleicht sollte man sich selbst auch nicht immer so wichtig nehmen.

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"Das Geheimnis eines guten Lebens. Erkenntnisse eines Trauerredners" von Carl Achleitner, edition a, € 22