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Lifestyle | 01.09.2022

Der Hass

Hass ist primitiv, kalt, böse. In ihm lässt sich nichts Positives finden, sagt der renommierte Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller. In seinem neuen Buch schreibt er darüber, wie Hass entsteht, warum er so gefährlich ist und wie man ihn überwinden kann.

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Psychologe und Gerichtsgutachter Reinhard Haller. © Dietmar Mathis

Toronto, August 2018: Ein 25-jähriger IT-Student rast mit einem Lieferwagen auf den Gehsteig einer belebten Straße und fährt gezielt Passanten nieder. Zehn Menschen werden getötet, 15 weitere schwer verletzt. Der Großteil der Opfer sind Frauen. Denn der Student gehört der sogenannten Incel-Szene an. Das sind Männer, die unfreiwillig zölibatär leben. Sie hassen Frauen, weil sie ständig von ihnen abgelehnt oder gar nicht erst wahrgenommen werden. Sie fühlen sich ausgeschlossen, benachteiligt, ungerecht behandelt und letztlich zu wenig geliebt. 

 

Wie Hass entsteht

Genau so entsteht Hass nämlich: durch fehlende oder zu geringe Positivresonanz, Enttäuschungen und Kränkungen aller Art, wie der bekannte Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller in seinem neuen Buch „Die dunkle Leidenschaft – Wie Hass entsteht und was er mit uns macht“ schreibt. Hass gehört zwar zur Grundausstattung der menschlichen Gefühlswelt und doch ist er völlig anders als sämtliche anderen Emotionen, weil er immer auf Zerstörung und Vernichtung ausgerichtet ist. „Hass ist die destruktivste und bedrohlichste unserer Emotionen“, erklärt Haller. In seiner schlimmsten Form zeigt er sich in Gewaltverbrechen, Xenophobie, Extremismus und Kriegen. 

 

Wie Hass sich entwickelt

Im Gegensatz zu Wut oder Zorn entwickelt sich Hass allmählich, stetig und anfangs oft unbemerkt. Und so wie fast alle Gefühle wird auch Hass intensiviert, wenn mehrere Menschen dieses Gefühl teilen. Hass wird in der Gruppe sogar legitimiert. Er entlädt sich langsam, portioniert, berechnend und gezielt. Vermutlich ist das mit ein Grund, warum Hass andauert. Während selbst der heißeste Wutanfall abkühlt und heftiger Zorn verraucht, bleibt Hass auch nach einem Ausbruch bestehen und frisst sich weiter in die Psyche eines Menschen und in die Seele einer Gemeinschaft. „Hass hat mehr als sieben Leben“, so Haller.  

 

Wie Hass sich im Netz verbreitet

Eine völlig neue Dimension bekommt Hass seit geraumer Zeit durch soziale Medien und Internetforen. Für den Experten ist der Hass, der sich im Netz auftut, erschreckend. „Die Macht des hassgetriebenen Shitstorms hat ein bedrohliches Ausmaß erreicht“, so Haller. „Hass im Netz zeigt das enorme destruktive Potenzial in der Bevölkerung, das Böse, das sich in ganz normalen Menschen verbirgt.“ 

Ein trauriger Höhepunkt war Anfang dieses Jahres, als in Deutschland zwei Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurden. Der Hass im Netz richtete sich dabei nicht etwa gegen die Täter, sondern gegen die Opfer. Laut dem Innenministerium von Rheinland-Pfalz seien die mutmaßlichen Täter nach dem Verbrechen geradezu gefeiert und die Opfer verhöhnt worden. Ein Kommentar lautete: „Geil, jetzt sind es wieder zwei Bullen weniger in Deutschland.“

 

Warum Kränkungen oft Hass auslösen

Kränkungen sind für Reinhard Haller übrigens der machtvollste Auslöser für Hass. Jeder Mensch kennt sie, sie spielen sich im Alltag millionenfach ab und können nahezu unbemerkt eine gewaltige Dynamik entwickeln. „Kränkung ist eine psychologische Großmacht ersten Ranges, die für viele psychologische Störungen verantwortlich ist – und eben auch für den Hass“, erklärt der Psychiater. Weil sich der Gekränkte mit allen Mitteln dagegen wehrt und auf Rache an der Person sinnt, die ihn gekränkt hat, im Extremfall sogar auf deren Vernichtung – das ist dann Hass. 

 

Was man gegen Hass tun kann

Doch was kann man gegen Hass tun? Die gute Nachricht ist, dass jeder etwas dagegen machen kann – indem man zum Beispiel auf zynische Ausdrucksweise verzichtet, alltäglichen Lieblosigkeiten eine Absage erteilt und einen Weg findet, seine eigene Aggressivität zu sublimieren. Ist Hass bereits Teil des Lebens, sollte man ihn ansprechen und benennen und in weiterer Folge die Ursachen analysieren. Auch Empathie, Wertschätzung und Toleranz sind wirksame Maßnahmen gegen Hass. 

 

Warum Wertschätzung immer hilft

„Gegenüber Hass darf es keine Kompromisse und keine Entschuldigungen geben, schon gar keine öffentlichen“, betont Haller. „Über unsere Gesellschaft hat sich eine seltsame Wertschätzungsblockade gelegt. Dabei könnte man mit den Grundprinzipien der Wertschätzung den wirksamsten Wall gegen gesellschaftlichen Hass aufbauen – durch Achtsamkeit in der zwischenmenschlichen Beziehung, durch Toleranz gegenüber der Meinung Andersdenkender, durch Respekt gegenüber der Individualität der Menschen sowie durch Weiterentwicklung der konstruktiven Kritik und der Feedbackkompetenz im privaten und beruflichen Leben. Letztlich bedeutet mehr Wertschätzung immer mehr Liebe und weniger Hass.“

 

Denn in einem Punkt sind sich alle Forscher einig: Hass ist das Gegenteil von Liebe!

 

Zur Person

Prof. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe und führt eine Praxis in Feldkirch. Als einer der renommiertesten europäischen Gerichtsgutachter wird er immer wieder bei spektakulären Fällen hinzugezogen. Darunter waren auch Sexualmörder Jack Unterweger, Bombenbauer Franz Fuchs und Inzesttäter Josef Fritzl. 

 

Bild Die dunkle Leidenschaft_978-3-8338-8022-3.jpg

„Die dunkle Leidenschaft – wie Hass entsteht und was er mit uns macht“

Prof. Dr. Reinhard Haller,
Verlag Gräfe und Unzer; € 22,90