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Lifestyle | 25.01.2016

"Demenz ist ein langsames Sterben"

Der 83-jährige Linzer Emmerich G. hat uns in einem persönlichen Gespräch erzählt, wie er mit der Demenz-Erkrankung seiner mittlerweile verstorbenen Ehefrau Friederike umgegangen ist.

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Emmerich G. mit einem Foto seiner geliebten verstorbenen Ehefrau Friederike

Die Diagnose war ein Schock für mich“, erzählt Emmerich G., als wir ihn zum Gespräch in der MAS Demenzservicestelle Ottensheim treffen. Im Jahr 1997 gab es erste Anzeichen, dass seine Ehefrau Friederike an Demenz erkrankt sein könnte. Doch erst einige Jahre später, 2001 – da war die eins-tige Krankenpflegerin 70 Jahre alt –, wurde die Diagnose Demenz gestellt. Vor ihrem Ehemann Emmerich verheimlichte Friederike ihre Krankheit zunächst. Als der heute 83-jährige Linzer davon erfuhr, tat er das, was viele Angehörige von Menschen mit Demenz in dieser Situation zunächst tun würden: die Sache verdrängen. „Ich habe das nicht ernst genommen. Man wird ja mit dem Alter selber auch ein bisschen vergesslich.“

In den kommenden Jahren nahm die Alzheimer-Krankheit Besitz von der früheren sehr lebensfrohen Frau; ihr Ehemann konnte sie nicht mehr alleine lassen. Als er es doch einmal tat, um einkaufen zu gehen, war seine Friederike plötzlich nicht mehr zu Hause. „Ich habe sie dann draußen – es war Winter – vor einem Haus entdeckt. Sie hat davon gesprochen, etwas bügeln zu wollen.“ Da wusste Emmerich G., dass es nicht mehr ohne fremde Hilfe gehen würde. „Es war eine enorme Belas-tung für mich. Nachdem meiner Frau die Diagnose gestellt wurde und ich davon erfuhr, hat es sicher ein Jahr gedauert, bis ich mich mit der Krankheit arrangiert habe.“ Der Linzer nahm zunächst einmal wöchentlich die Hilfe einer Trainerin der MAS-Alzheimerhilfe in Anspruch. „Um wieder einmal ohne Sorgen und Gewissensbisse alleine einkaufen gehen und alltägliche Dinge erledigen zu können“, wie Herr G. sagt. 

 

130.000 Österreicher leiden an Demenz

Mit der Diagnose Demenz war und ist Emmerich G. nicht alleine: „Etwa 130.000 Österreicher leiden an einer dementiellen Erkrankung“, weiß Psychologin Doris Prieschl von der MAS Alzheimerhilfe. Die Organisation gibt sowohl Betroffenen als auch deren Familien Hilfestellungen: „Wir beraten die Angehörigen und bieten einen Erfahrungsaustausch mit anderen betroffenen Angehörigen an, vermitteln aber auch Anlaufstellen zu Entlas-tungs-möglichkeiten, Pflegegeld und Co.“ Die Alzheimerhilfe, die für die fünf Bezirke Urfahr-Umgebung, Rohrbach, Eferding, Linz und Linz-Land zuständig ist, bietet aber auch den an Alzheimer erkrankten Personen selbst Unterstützung an: „Wir bieten psychologische Abklärung und Früherkennung an, unterstützen in der Krankheitsbewältigung, haben jedoch auch stadiengerechte Trainings sowohl in der Gruppe als auch für Einzelpersonen im Programm. Damit wird versucht, das Gedächtnis so gut es geht zu erhalten. Regelmäßige Denkübungen wirken dem Abbau entgegen“, so Prieschl. Denn das Gehirn ist wie ein Muskel; wird es nicht verwendet, nimmt seine Fähigkeit und auch die Größe ab.

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Karin Laschalt, Leiterin der Dermenzservicestellen, sowie Psychologin Doris Prieschl

Externe Hilfe annehmen

„Man glaubt zunächst, man schafft alles alleine“, führt Emmerich G. unser Gespräch fort. „Aber man reibt sich auf, wenn man keine externe Hilfe in Anspruch nimmt.“ Dabei geht es aber nicht nur um familiäre und nachbarschaftliche, sondern um professionelle Hilfestellungen. „2001 hat meine Frau, wie schon erwähnt, die Diagnose Demenz erhalten. Aber erst 2009 habe ich mich nach externen Möglichkeiten umgesehen.“

Neben einer Pflegerin und der Demenz-Tagesheimstätte der Volkshilfe kontaktierte der Linzer die MAS-Zentrale in Bad Ischl, die er bereits flüchtig kannte. „Ich habe an den Angehörigentreffen in Ottensheim teilgenommen und durch Gespräche erfahren, was mich noch alles erwarten wird. Das hat mich schon ordentlich erschrocken. Dennoch war der Austausch mit anderen Betroffenen
enorm wichtig. Diese Personen wissen, wovon man spricht, weil sie ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben.“ Während der Treffen wurde seine Ehefrau Friederike von der Demenzservicestelle betreut.

 

„Es ist ein langsames Sterben“

Schweren Herzens musste Emmerich G. irgendwann einsehen, dass die Pflege seiner Friederike zu Hause nicht mehr möglich war. „Meine Frau wollte abends oft ‚heim’ gehen. Sie hat ihr eigenes Zuhause und mich als Ehemann nicht mehr erkannt. Sie meinte dann immer: ‚Meine Mutter schimpft, wenn ich so spät heim komme.’ Ein anderes Mal hat sie mich auch gefragt, ob wir eigentlich verheiratet wären. Solche Situationen tun einem unheimlich weh.“ Schließlich wurde Friederike G. in einem Pflegeheim untergebracht. Ihr Ehemann Emmerich besuchte sie bis zu ihrem Tod im vergangenen Jahr jeden Tag. „Am Schluss hat sie in einem Rollstuhl gesessen, konnte kaum noch sprechen.“ Emmerich G. schluckt und fügt dann noch vorsichtig hinzu: „Im Nachhinein betrachtet ist Demenz ein langsames Sterben.“

 

Demenz – ein großes Tabuthema

Die Betreuung von Demenzkranken ist eine enorme Herausforderung. „Und auch heute noch ein großes Tabuthema“, wie die diplomierte Sozialarbeiterin Karin Laschalt sagt. „Es ist so wichtig, die Krankheit frühzeitig zu erkennen. Aus diesem Grund ist eine psychologische Abklärung enorm wichtig.“ Auch Emmerich G. ist nach wie vor froh darüber, die Angebote der MAS Alzheimerhilfe in Anspruch genommen zu haben. Dabei hat der 83-Jährige eines für sich mitgenommen: „Jeden einzelnen Moment, den man erlebt, ist wichtig. Nur das zählt.“


Über die MAS Alzheimerhilfe

1997 wurde der gemeinnützige Verein MAS Alzheimerhilfe (Morbus Alzheimer Syndrom) gegründet, für die Unterstützung von Betroffenen und deren Familien. Neben kostenloser psychologischer Abklärung bietet der Verein Gespräche für Angehörige und Betroffene sowie Einzel- und Gruppentrainings an. Durch die Förderung des Landes OÖ können die Kosten für das Training niedrig gehalten werden. Gruppen-Trainings kosten € 10 pro Stunde, Einzeltrainings € 15 pro Stunde. In dieser Zeit werden die von Alzheimer Betroffenen betreut, während Angehörige Zeit für sich selbst finden. 

Weitere Infos zu den sechs Demenzservicestellen in OÖ unter www.alzheimer-hilfe.at