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Lifestyle | 07.12.2021

Businessbooster: Gedanken

Wie man sich sein Gehirn zum Verbündeten macht und so in der Arbeitswelt brilliert, erklärt der bekannte Neurobiologe und Mentalexperte Marcus Täuber im Interview.

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© Shutterstock

In unserem Kopf steckt mehr, als wir denken. Zum Beispiel der Weg zu mehr Erfolg im Business. Aber wie können einem Erkenntnisse aus der Hirnforschung zur besseren Mitarbeiterführung nutzen? Und wie kann man sich selbst durch das richtige Mindset im Job nach vorne pushen? Die Antworten dazu hat Marcus Täuber, seines Zeichens Neurobiologe und Experte für mentale Erfolgsstrategien.

 

Herr Dr. Täuber, was war für Sie der Grund, von der Forschung in die Wirtschaft zu wechseln?

Marcus Täuber: In der Forschung steht man praktisch als Einzelkämpfer im Labor. Kommunikative, soziale Intelligenz spielt dabei keine große Rolle. Mich hat aber das Thema Wirtschaft und Menschen schon immer fasziniert. Ich habe diesen Schritt in die Praxis nie bereut. Einerseits, weil es total spannend ist, Wissenschaft verständlich zu machen, und andererseits, weil ich es liebe, mit Menschen zu arbeiten und Menschen wachsen zu lassen.

 

Sie haben das Konzept der „mentalen Intelligenz“ entwickelt. Was versteht man darunter?

Es beschreibt die Fähigkeit, dass wir mit unserem Stirnhirn den Fokus auf Gedanken kontrollieren und so unser Denken lenken können. Neben der kognitiven Intelligenz (IQ) und der emotionalen Intelligenz (EQ) macht erst die mentale Intelligenz (MQ) unsere Trilogie der Grundfähigkeiten komplett. 

 

Welches sind die häufigsten Irrtümer, denen Sie in Ihrer Arbeit begegnen?

Dass „More of the same“ der richtige Weg ist. Wenn der Markt sich dynamisch entwickelt, ist es leicht, Erfolg zu haben. Aber in Zeiten, in denen es wirtschaftlich schwierig ist, so wie aktuell in der Pandemie, trennt sich die Spreu vom Weizen. Viele reagieren auf Krisen reflexartig, indem sie mehr vom Selben machen – mehr Kundenkontakte, mehr Stunden arbeiten … dadurch entsteht Druck. Und Druck erzeugt bekanntlich immer Gegendruck. Ein gestresster Verkäufer verkauft weniger. Der Stress, der sich auf den Kunden überträgt, hat zur Folge, dass sich dieser nicht wohlfühlt.

 

Perspektivenwechsel – welche Auswirkungen kann dies bei Führungskräften haben? 

Eine Führungskraft, die sich unter Druck setzen lässt und in Stress gerät, wirkt weniger überzeugend auf die Mitarbeiter. Gerade in solchen Situationen sollte die Führungskraft doch wie ein Fels in der Brandung Ruhe ausstrahlen und durch Charisma positiv auf Mitarbeiter wirken.

 

Während der aktuellen Pandemie ist mentale Intelligenz also besonders gefordert.

Erfolg beginnt im Kopf. Krisen stellen außergewöhnliche Stressbelastungen dar. Menschen reagieren auf solche Ereignisse mit einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis. Doch die wirtschaftliche Situation erfordert gerade jetzt Flexibilität und Innovationskraft. Wie kann man Kunden anders erreichen als durch einen persönlichen Besuch? Wie führe ich Mitarbeiter auf Distanz? Ein Widerspruch, der Unternehmen rasch in die Negativspirale führen kann. Denn bei Neuem, das nicht in der Routine liegt, beginnt sich unser Gehirn zu sträuben und blockiert uns. Unser Hirn ist eben einfach lieber ein Gewohnheitstier. 

 

Unser Alltag wird vor allem durch die Digitalisierung immer schneller. Während der Pandemie musste man sich auf die sich ständig ändernden Umstände einstellen. Wird die Welt vielleicht zu schnell für uns?

Eine sehr spannende Frage. Wir haben in unserem Hirn ein Steinzeit-Programm. Es ist dafür gemacht, langsame Prozesse zu verarbeiten – wie zum Beispiel die Jahreszeiten, die sich in aller Ruhe und regelmäßig abwechseln. Wenn sich aber jetzt etwas exponentiell verändert, trifft unser linear denkendes Steinzeitgehirn auf Stress und wir sträuben uns gegen die Veränderungen. Aber die gute Nachricht ist, dass man da aktiv dagegen antrainieren kann.

 

Verraten Sie uns bitte wie.

Indem wir lernen, vorauszuschauen und vorauszudenken. Sich nur auf das Bauchgefühl zu verlassen, wäre gefährlich. Man muss versuchen, die Zukunft kognitiv vorherzusagen. Ich arbeite auch sehr gerne mit Visualisierungen.

 

Wie kann man sich das vorstellen?

Wenn man in ein wichtiges Gespräch geht – bei einer Bewerbung oder einem Kunden, stellt man sich vorab vor, wie man im Gespräch agieren wird, welche Fragen kommen könnten und wie man darauf reagieren will. Und das Ganze spielt man im Kopf einige Male durch. 

 

Ist der Nutzen mentaler Intelligenz auch eine Frage des Alters?

Das Alter spielt insofern eine Rolle, als dass das Cortisol in unserem Körper mit den Lebensjahren ansteigt. Das Stresslevel steigt damit ebenso leichter an und man wird noch unaufgeschlossener Neuem gegenüber. Auch Entspannen fällt einem schwerer. Dabei wären gerade die Entspannungsphasen so wichtig. Und damit meine ich nicht auf dem Sofa lümmeln und fernsehen. 

 

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Welche Entspannungstechniken würden Sie dann empfehlen?

Moderate Bewegung, vor allem in der Natur. Die Natur für sich hat schon einen entspannenden Effekt auf unser Gehirn. Ich empfehle auch Meditation, weil man damit nicht nur den Körper zur Ruhe bringt, sondern auch den Geist. 

 

Aber wenn man sowieso einen stressigen Alltag hat, woher soll man die Zeit für regelmäßige, längere Meditation nehmen?

Es gibt einen Spruch: Man sollte jeden Tag eine halbe Stunde meditieren und wenn man keine Zeit dafür hat, sollte man eine Stunde meditieren. Da ist etwas sehr Wahres dahinter. Aber auch kleinere Schritte helfen schon. Viele haben ein falsches Bild von Meditation. Stundenlanges Sitzen und „Om“-Sagen ist nicht notwendig. Meditation ist ein ganz normaler Hirnzustand, den jeder von uns täglich erlebt. Zum Beispiel, wenn wir uns kurz auf irgendeinen Punkt fixieren oder einfach mal den eigenen Körper bewusst erleben. Das funktioniert auch, wenn man im Stau steht oder in der Mittagspause. 

 

Mentale Intelligenz als Businessbooster spielt stark in den HR-Bereich hinein. Inwiefern?

Das beginnt schon beim Recruiting. Als Arbeitgeber ist man dafür verantwortlich, die richtige Person auf den richtigen Posten zu setzen. Wie ist das Mindset der Person, die sich bewirbt? Unabhängig vom Lebenslauf. Strebt sie mehr nach Sicherheit, nach Wachstum oder nach Anerkennung? Da tickt jeder etwas anders. Ein Sicherheitsmensch ist schlecht in einem Performance Job aufgehoben und jemand, der Abwechslung braucht, wäre in einem Sicherheitsjob à la Beamter nicht ideal aufgehoben.

 

In puncto Mitarbeiterführung kritisieren Sie intensives Loben von Mitarbeitern. Warum?

Weil es als Motivationstool nur begrenzt funktioniert. Das ist ähnlich einer Gehalts-
erhöhung, wo die Wirkung ja eher schnell verloren geht. Auch ein Zuviel an Lob nutzt sich ab und verliert an Wirkung – vor allem, wenn Lob vorhersehbar ist. Wohldosiert können motivierende Worte aber sehr effektiv sein. 

 

Und vonseiten der Arbeitnehmer? Wie kann mentale Intelligenz zu mehr Erfolg führen?

Ich bin davon überzeugt: Es ist an der Zeit, dass jeder Mitarbeiter selbst für seine Motivation und seinen Aufstieg verantwortlich ist. Das heißt, man muss sich mit sich selbst beschäftigen und herausfinden, was einen wirklich interessiert, welche Bedürfnisse man hat und welche Werte einem wichtig sind. 

 

Gibt es einen Satz, der Ihnen immer wieder unterkommt, den Sie einfach nicht mehr hören können?

„Das war schon immer so“ und „Die anderen sind schuld“. Das Zweitere ist ein Klassiker in der aktuellen Pandemie-Debatte. Allen wird Angstmacherei vorgeworfen – der Regierung, den Virologen. Und das stimmt einfach nicht. Wir machen uns selbst die Angst. Es ist ganz einfach unsere Aufgabe, zu managen, wie wir damit umgehen.

 

Wie stärken Sie persönlich Ihre mentale Intelligenz?

Durch regelmäßiges Training. Das ist gleich wie beim Muskeltraining. Wenn ich aufhöre, mein Hirn zu trainieren, wird es auch wieder schwächer. Ich beginne zum Beispiel mit einer kalten Dusche in der Früh. Damit habe ich die erste Herausforderung des Tages schon einmal geschafft und fühle mich voller Energie. Auch die Meditation spielt eine große Rolle in meinem Leben. Dafür nehme ich mir ein- bis zweimal am Tag jeweils 25 Minuten am Stück Zeit.