Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 08.12.2021

Blackout

Von Energieversorgern über Krankenhäuser bis hin zum Bundesheer und Zivilschutzverband, wir haben bei Experten nachgefragt und die wichtigsten Antworten zum Thema Blackout recherchiert.

Bild 2112_O_Blackout.jpg
© Shutterstock

Stellen Sie sich vor, das gesamte öffentliche Leben ist lahmgelegt. Es gibt keinen Strom in Haus und Wohnung, keine Heizung, keine Supermärkte, keine Aufzüge, kein Handynetz, keine Tankstellen, keine Ampeln, kein Wasser in der Wasserleitung, kein Radio und kein Fernsehen, nicht einmal die Toilette funktioniert – es ist komplett dunkel, nichts geht mehr. So würde sich die Situation im Falle eines Blackouts gestalten.

Obwohl heute seitens der Energieversorger alles unternommen wird, was für die Verhinderung eines Blackouts notwendig ist, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Denn auch wenn Österreich noch über ausreichende Kapazitäten verfügt, um die Stabilität des Stromsystems in jeder Situation zu gewährleisten, mit dem Umbau des Energiesystems in Richtung 100 Prozent Erzeugung aus erneuerbaren Energiequellen wachsen die Anforderungen an unsere Netze, Kraftwerke und Speicher.

 

 

Bild 2112_O_Blackout_Strugl.jpg
© VERBUND/Jungwirth

VERBUND-Vorstandsvorsitzender

DR. MICHAEL STRUGL

Herr Dr. Strugl, ein Blackout ist ein länger andauernder europaweiter Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall, inwieweit kann sich ein Land wie Österreich davor schützen?

Michael Strugl: Die Vermeidung von Großstörungen ist eine der wesentlichen Aufgaben der Austrian Power Grid (APG), einem Tochterunternehmen von VERBUND. Um Bedrohungen für die Versorgungssicherheit bereits im Vorfeld optimal zu erkennen, existieren umfangreiche Schutzmechanismen sowie komplexe Prognoseprozesse für verschiedene Zeithorizonte. Damit können Notmaßnahmen rechtzeitig geplant und umgesetzt werden. Der Störfall im europäischen Stromnetz am 8. Jänner dieses Jahres konnte durch den kooperativen Einsatz der europäischen Netzbetreiber und der lokalen Zusammenarbeit innerhalb Österreichs mit den Kraftwerksbetreibern schnell und sicher behoben werden. Das war ein Paradebeispiel für gemeinsames Krisenmana-
gement. 

Wann kann es dann tatsächlich zu einem Blackout kommen?

Nur im Falle unvorhersehbarer Verkettungen mehrerer Umstände, die ihren Ursprung auch im Ausland haben können, kann es im Extremfall zum Blackout kommen. Dazu gibt es jedoch bestens vorbereitete Notfallkonzepte, die mit allen relevanten Partnern abgestimmt und beübt sind und somit im Ernstfall einen raschen Wiederaufbau der Stromversorgung ermöglichen. 

Wie sieht es mit der Versorgungssicherheit bei uns in Österreich aus?

Österreich hat mit einer Versorgungssicherheit von 99,99 Prozent eines der stabilsten Stromversorgungssysteme Europas. Um die Netze im Rahmen der Energiewende für die laufend steigenden Anforderungen zu erweitern, sind allerdings umfangreiche Netzausbau- und -umbaumaßnahmen erforderlich. Die APG investiert dazu in den nächsten zehn Jahren rund 3,5 Mrd Euro. 

 

 

Bild 2107_O_Werner Steinecker.jpg
© Hermann Walkolbinger

Generaldirektor der Energie AG

DDr. WERNER STEINECKER

 

Herr Dr. Steinecker, was passiert bei der Energie AG, wenn es zum Blackout kommt?

Werner Steinecker: Das erste Lagebild „Blackout“ wird von den Übertragungsnetzbetreibern (Betreiber des europäischen 380-kV- und 220-kV-
Verbundnetzes) erstellt. In Österreich übernimmt im Blackout-Fall die Austrian Power Grid AG (APG) Führung bei allen Maßnahmen zum Wiederaufbau der Stromversorgung. Die Netz Oberösterreich GmbH, ein Unternehmen der Energie AG, muss diese Maßnahmen bestmöglich unterstützen.

Wie bereitet man sich bei der Netz Oberösterreich GmbH auf einen Blackout vor?

Unsere Kollegen aus dem Netzführungszentrum absolvieren regelmäßige Simulatortrainings, bei denen gemeinsam mit den anderen Netzbetreibern in Österreich das Zusammenspiel in derartigen Situationen geübt wird. In Österreich sind wir in der glücklichen Lage, dass wir große Speicherkraftwerke in den Alpen und Wasserkraftwerke haben, von denen aus nach einem Blackout die Stromversorgung wiederaufgebaut werden kann. Zumindest hierzulande ist es unwahrscheinlich, dass wir nach einem Blackout tagelang gar keinen Strom haben werden. Teilversorgungen sollten bereits nach wenigen Stunden wieder möglich sein.

 

 

 

Bild 2112_O_Blackout_Semczyszyn A.jpg
© OÖG

DI (FH) Alexander Semczyszyn, Zentraler Koordinator des
Sicherheitsmanagements in der OÖ Gesundheitsholding

 

Herr Ing. Semczyszyn, wie lange kann ein Krankenhaus bzw. die Infrastruktur bei einem Blackout selbstständig aufrechterhalten werden?

Alexander Semczyszyn: Alle Krankenhäuser haben eine gesetzlich vorgeschriebene Notstromversorgung von mindestens 24 Stunden, teilweise auch weit darüber hinaus bzw. kann dies mit entsprechender Rationierung oder Abschaltung weniger wichtiger Bereiche (Verwaltung usw.) entsprechend verlängert werden. Herausfordernder werden Themen wie Wasser und Wärmeversorgung, fehlende Kommunikation nach außen usw.

Mit welchem Patientenaufkommen rechnet man im Falle eines Blackouts?

Dies ist schwer einzuschätzen. Wir gehen davon aus, dass es aufgrund von Unfällen zu einer Zunahme an Patienten kommen wird. Auch die Seniorenheime und Pflegeeinrichtungen, die keine Notstromversorgung haben, werden versuchen, ihre Bewohner und Patienten in die Krankenhäuser zu verlagern. Weiters ist davon auszugehen, dass die (unverletzte) Bevölkerung versuchen wird, bei uns Zuflucht zu suchen, da bei uns Licht und Wärme vorhanden ist.

Auf welcher Grundlage werden Entscheidungen über OPs oder der Intensivversorgung getroffen?

Alle PatientInnen mit akut lebensbedrohlichen Verletzungen oder Erkrankungen werden operiert oder intensivmedizinisch betreut. In so einer Situation müssen wir aber alle nicht dringend notwendigen operativen Eingriffe verschieben und versuchen, möglichst viel Kapazitäten auf den Intensivstationen frei zu bekommen.

Werden in  den Krankenhäusern Belastungstests der Notstromversorgung durchgeführt?

In den Kliniken der OÖ Gesundheitsholding werden monatlich Lasttest und Probeläufe der vorhandenen Notstromaggregate durchgeführt.

Was bedeutet ein Blackout für Patienten im Krankenhaus? Wer muss das Spital verlassen, wer kann bleiben?

Bei einem Blackout wird ein Krankenhaus nur mehr im Notbetrieb betrieben werden. Das heißt, es wird versucht, alle PatientInnen, bei denen eine Versorgung im Krankenhaus zwingend erforderlich ist, so gut es geht zu betreuen/behandeln. Alle PatientInnen, die nicht unbedingt im Krankenhaus bleiben müssen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit entlassen. 

 

Blackout – Was Sie im Haus haben sollten

• Lebensmittelvorrat und Trinkwasser für mindestens siebenTage

• Wasservorrat zum Kochen und
für Hygiene 

• Ersatzkochgelegenheit 
(Zivilschutz-Notkochstelle, Campingkocher, Fonduekocher) 

• Ersatzbeleuchtung, am besten kurbelbetrieben – durch den Verzicht auf Kerzen kann die Brandgefahr verringert werden

• Notfallradio mit Kurbelantrieb oder batteriebeladen  – mit der Möglichkeit, das Handy aufzuladen (erhältlich beim OÖ Zivilschutzverband)

• Bargeld in kleinen Scheinen

• Erste Hilfe-Hausapotheke sowie Medikamente für mindestens eine Woche

• Alternative Heizmöglichkeiten wie Heizgeräte, die mit Petroleum oder Flaschengas betrieben werden,
Kachelöfen oder Kaminöfen 

Infos und Produkte gibt es bei den Vorsorgeexperten des OÖ Zivilschutzverbandes in der Petzoldstraße 41 in Linz, Tel. 0732/65 24 36 sowie online unter www.zivilschutz-ooe.at

Bild 2112_O_Muhr.jpg
© Thom Trauner

Brigadier Dieter Muhr

Militärkommandant von OÖ

 

Herr Brigadier, welche Aufgaben hat das Bundesheer im Falle eines Blackouts?

Dieter Muhr: Im Fall eines Blackouts wird das Bundesheer mit seinen Kräften kritische Infrastruktur (zum Beispiel Umspannwerke, Kraftwerke) sichern und die Behörden und die Bevölkerung beim Abwenden der negativen Folgen unterstützen. 

Wie bereitet sich das Bundesheer auf einen Blackout vor?

Indem es seine Liegenschaften zur Autarkie ausbaut, um im Falle eines Blackouts seine Aufgaben im Sinne von Schutz und Hilfe erfüllen zu können. Denn helfen wird schließlich nur der können, der sich nicht mit sich selbst beschäftigen muss und sich auf ein solches Szenario vorbereitet hat. Auf einer weiteren Ebene führt das Militärkommando Oberösterreich mit den Energieversorgungsunternehmen, den Behörden und der Politik Gespräche darüber, welche Maßnahmen zu treffen sein könnten. Daraus werden Planspiele und gemeinsame Übungen entwickelt, deren Erfahrungswerte und Ergebnisse helfen sollen, eine möglichst reibungsfreie Zusammenarbeit in einer Krise sicherstellen zu können.

 

 

Bild 2021_O_Zivilschutz.jpg (1)
© Ulli Wright

Josef Lindner

GF des OÖ Zivilschutzverbandes

 

Herr Lindner, wie merkt man, ob es sich um einen Stromausfall oder einen Blackout handelt?

Josef Lindner: Das merkt man anfangs gar nicht. Am besten man versucht, Verwandte oder Bekannte im Ausland telefonisch zu erreichen. Wenn auch diese keinen Strom mehr haben, dann kann man davon ausgehen, dass es sich um einen Blackout handelt. Auch im Radio wird man informiert, daher sollte man sich ein stromunabhängiges Notfallradio anschaffen. Der ORF wird im Fall einer Katastrophe 72 Stunden lang senden. 

Wie sollte man sich auf einen Blackout vorbereiten?

Man sollte mindestens zehn Tage, besser zwei Wochen, autark leben können, das Haus nicht verlassen müssen und nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein. Die drei Bereiche der Vorsorge sind: ein Lebensmittel- und Getränkevorrat, Hygieneartikel und Medikamente sowie technische Hilfsmittel wie ein Notfallradio, eine Notbeleuchtung und eine Notkochstelle. 

Wie lange kann man noch mit dem Handy telefonieren?

Bei einem großflächigen Stromausfall wird auch das Handynetz nicht mehr funktionieren. Für den Fall eines Blackouts sollte man mit Familienmitgliedern besprechen, wer mit wem Kontakt aufnimmt und wo man sich trifft. 

Wie soll man sich verhalten, wenn der Strom ausfällt?

Am besten den privaten Haushalt vom Netz nehmen. Alle Geräte, die gerade in Verwendung sind, ausstecken. Auch beim Computer, Fernseher und dergleichen das Netzkabel ausstecken und die Hauptsicherung abdrehen.

Macht es Sinn, als Privathaushalt ein Notstromaggregat zu haben?

Eigentlich nicht, denn die kleineren Geräte sind nicht für den Dauerbetrieb ausgerichtet. Ich befürchte sogar, dass sich jemand, der ein Notstromaggregat hat, womöglich zu viel darauf verlässt und nicht ausreichend vorsorgt. Am besten ist es, mit ganz einfachen Dingen die Zeit zu überbrücken. 

Gibt es Erfahrungswerte, wie gut die Menschen auf einen Ernstfall vorbereitet sind?

Studien und auch die zahlreichen Anfragen im Zivilschutzbüro zeigen, dass das Bewusstsein für das Katastrophenszenario steigt, was sehr positiv ist. Wir sehen allerdings massive Fehleinschätzungen seitens der Bevölkerung, was das Schadensausmaß und damit die richtige Vorsorge betrifft. Denn auch wenn der Strom wieder da ist, kann es einige Tage dauern, bis die Infrastruktur (Lebensmittelversorgung, Pumpwerke usw.) wieder funktioniert.