Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 04.05.2022

Aus Fleisch & Blut

Sie ist schlagfertig, hat viel Schmäh und kennt keine Berührungsängste. Die oberösterreichische Filmemacherin Sabine Derflinger porträtiert Alice Schwarzer in einem Kinofilm voll schöner Überraschungseffekte.

Bild 2205_O_KU_Alice6.jpg
© Bettina Flitner

Paris, Anfang 1970er: In einer feministischen Gruppe lesen einander Frauen einen Flyer mit den zehn gängigsten Ausreden von Männern vor, die sich vor Hausarbeit drücken. „Da kam erstens, zweitens, drittens – und ich dachte mir: Verdammt, das kenn‘ ich doch alles“, lacht Alice Schwarzer. Kaum daheim angekommen, hat sie für ihren Lebensgefährten Bruno eine neue Aufgabenverteilung parat; er ist ja eigentlich Feminist, „sonst hätte er bei mir gar nicht landen können“, sagt sie, und wenn er darüber auch kaum begeistert ist, trägt er diese mit. 

Das ist eine der vielen Szenen im Film, bei der man herzlich lacht; viel zu fest zementiert scheint das Bild der toughen Feministin, als dass man vermutete, auch sie könnte mal mit liegen gelassenen Männersocken konfrontiert gewesen sein. Nur wenige Jahre später erscheint ihr Buch „Der kleine Unterschied“, in dem Frauen offen über ihr Sexualleben sprechen.

Zum 80er der leidenschaftlichen Journalistin und Gründerin des Magazins „Emma“ nimmt die oö. Filmemacherin Sabine Derflinger mit ihrer Kinodokumentation auf eine bewegende Reise durch Alice Schwarzers Leben mit. Dabei verwebt sie Archivmaterial mit Interviews aus der Gegenwart; eine der „Reiseführerinnen“ ist die Porträtierte selbst, zu Wort kommen sowohl Mitkämpferinnen etwa für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs als auch junge Feministinnen, quasi Schwarzers geistige Töchter.

 

Nach Ihrer Doku über Johanna Dohnal nun ein Kinofilm über Alice Schwarzer. Das ist kaum ein Zufall …
Sabine Derflinger: Ich habe sie tatsächlich bei den Dreharbeiten zu „Johanna Dohnal“ kennengelernt. Das sind zwei Frauen, die uns stark geprägt haben: Während es beim Film über Johanna Dohnal um Familienpolitik und um die rechtlichen Voraussetzungen ging, damit Frauen überhaupt gleichberechtigt sein können, bekam ich nun die Gelegenheit, andere Themen anzugehen. Bei Alice Schwarzer steht der Körper der Frau im Mittelpunkt: Wie wird sie abgebildet, wie wird mit ihrem Körper umgegangen, wird der Körper verkauft oder verhüllt, wird die Frau entmündigt oder darf sie frei über ihren Körper bestimmen?

 

Was war Ihr Ziel?
Es ging mir darum, Alice Schwarzer in Zusammenhang mit dem, was sie alles für Frauen gemacht hat, zu erspüren – all das für alle Generationen festzuhalten, damit Frauen nicht immer wieder von vorne anfangen müssen. Einer ihrer großen Verdienste ist es, den Feminismus in den Mainstream zu bringen. Es soll kein Spezialthema für Intellektuelle sein, sondern eines, das alle Bevölkerungsgruppen interessiert, weil es uns alle betrifft. Wie wir die Frauensache besprechen, hat etwas mit Menschenrechten zu tun und überhaupt damit, wie wir leben wollen. Das Patriarchat hat ausgedient; in einer Zeit der Klimakrise und in der Krieg nicht mehr das Mittel sein kann, Konflikte auszutragen, sind die sogenannten weiblichen Eigenschaften gefragt.

 

Sie sind selbst Feministin, ihr Antrieb wird über der Ebene des Porträts spürbar …
Mein Frausein war für mich immer ein Beweggrund, überhaupt Filme zu machen. Natürlich ist da ein Interesse an Form, Medium und dem kreativen Prozess, aber politisches Engagement ist immer Teil meines Filmemachens. Ob es nun um Klassenkampf, Menschen- und Frauenrechte geht, so mainstreamig kann ein Film gar nicht sein, dass meine politische Positionierung nicht klar herauskommt. Aber ich bekehre niemanden, ich könnte mich nicht im politischen Alltag bewegen.

 

Wie erlebten Sie Alice Schwarzer persönlich?
Ich kenne sie seit meiner Jugend aus dem Fernsehen und ich habe alle ihre Bücher gelesen, sie kennenzulernen war toll! Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so fleißig ist. Sie ist unfassbar aktiv. Wir haben oft gearbeitet, bis ich so müde war, dass ich mich hinlegen musste, sie hat dann noch einen Artikel geschrieben (lacht). Ihre Energie zu erleben, diese Neugierde, dieses Sich-Einsetzen, dass sie so schlagfertig und witzig ist und die Dinge so formulieren kann, dass sie alle verstehen und sie trotzdem nicht an der Oberfläche bleiben, das ist etwas ganz Besonderes. 

 

 

Wie geht das: immer weitermachen trotz der vielen Beleidigungen, mit denen sie konfrontiert war?
Frauen wie Johanna Dohnal und Alice Schwarzer haben ein Sendungsbewusstsein und den Auftrag an sich selbst, sich für eine gerechtere Welt einzubringen. Dafür muss man möglichst frei und unabhängig vom Urteil der anderen stehen können. Alices Ehefrau Bettina Flitner beschreibt das im Film so: Sie hat etwas in sich, einen Kern, der unangreifbar ist. Anders erträgt man das nicht. 

Mir hat schon gereicht, welche negative Response ich im Vorfeld gekriegt habe: Warum ich einen Film über Alice Schwarzer mache, wie er zu sein hat usw. Das ging auch ins Persönliche. Das brauche ich nicht, das braucht aber niemand, auch Alice Schwarzer nicht. Darüber hinwegzusehen und an der Sache selbst dranzubleiben – das braucht schon ein besonderes Charisma.

 

Im Film erlebt man Alice Schwarzer, wie sie selbst die Bühne vor einem Auftritt umgestaltet. Konnten Sie bei Ihrer Doku komplett frei agieren?
Das war sicher nicht einfach für Alice (lacht), aber ja, das war klar. Natürlich haben wir im Vorfeld viel besprochen und ich zwinge niemanden zu irgendetwas. Der Film ist gleichzeitig durch ihre große journalistische Qualität geprägt; sie schlug auch Menschen vor, die wir trafen und hat zudem den Hintergrund, dass sie selbst einen Film über Simone de Beauvoir und Sartre gemacht hat, der mich sehr begeistert. Das wurde für mich ein Ankerpunkt in der Herangehensweise an den Film über sie.

 

 

 

Im Gespräch mit Alice Schwarzer

Bild 2205_O_KU_Alice5.jpg
Schöne Szene: mit Ehefrau Bettina Flitner © filmdelights

Sie waren in all den Jahren auch mit unfassbar vielen beleidigenden, unsachlichen und persönlichen Kritiken konfrontiert. Wir kennen und erleben Sie als leidenschaftliche, schlagfertige und starke Frau – aber wie sind Sie persönlich damit umgegangen?
Alice Schwarzer: Ich war ja schon Feministin, als das losging. Das heißt, ich wusste, dass man Frauen selten mit Sachkritik begegnet, sondern eher mit Herabwürdigung ihrer Person. Bei Feministinnen potenziert sich das: Egal wie wir aussehen, egal wie wir agieren, egal wie wir leben – immer sind wir hässlich, frustriert, männerfeindlich. Damit will man uns – und alle anderen Frauen – einschüchtern und mundtot machen. Es lag also nicht an mir persönlich. Das war klar.

 

Bettina Flitner beschreibt Sie einmal im Film so: „Sie hatte keine Ängste, auch keine Berührungsängste …“ – ich frage Sie dennoch, weil ich finde, dass beides gleichzeitig zutreffen kann: Was macht Ihnen Angst und wie gehen Sie damit um?
Für mich sind alle Menschen gleich. Darum begegne ich einem Obdachlosen genauso auf Augenhöhe wie einem Wirtschaftsboss, einer Prostituierten genauso wie einer Präsidentin. Außerdem bin ich in der Tat total angstfrei. Ich habe auch keine Angst, mal daneben zu liegen oder mich „zu blamieren“. Körperliche Gewalt allerdings finde ich zum Fürchten.

 

Ich finde es genial und inspirierend, dass Sie – so erlebt man es im Film – oft sogar in brisanten Situationen scherzen und lachen können. Wie wichtig ist Ihnen Humor im Umgang mit ernsten Themen?
Ich kann nicht anders: Humor und Ironie gehören zu meiner DNA. Das habe ich schon früh in meinem Großelternhaus trainiert. Meine Großmutter war durchgängig ironisch, auch mit mir, und mein Großvater hatte so einen spielerischen, absurden Humor. Ich finde, ohne Humor ist das Leben schwer erträglich. Außerdem kann einen Gegner nichts so treffen wie Ironie.

 

Wo stehen wir Frauen – sagen wir einmal ganz vorsichtig: in Mitteleuropa – heute? Welche Fortschritte sind uns gelungen, wo müssen wir aufpassen?
Wir haben in den letzten 50 Jahren gewaltige Fortschritte gemacht mit Siebenmeilenstiefeln. Aber man schafft eben 5.000 Jahre Patriarchat nicht in 50 Jahren ab. Außerdem gibt es auch Rückschläge. So ganz einfach lässt das Patriarchat sich nicht seine Privilegien aus den Fäusten winden. Wir leben jetzt also in Zeiten des Umbruchs. Es geht vor und zurück zugleich. Wir sagen den jungen Frauen: Du kannst alles tun und alles erreichen – gleichzeitig flüstern die Influencerinnen: immer schön Frau bleiben, schlank und begehrenswert.

 

Filmtipp

Bild 2205_O_KU_Alice_Film.jpg
Frauenteam. Buch: Sabine Derflinger Kamera: Christine A. Maier und Isabelle Casez Schnitt: Lisa Zoe Geretschläger © Filmdelights