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Lifestyle | 21.06.2021

„Aus Angst vermeiden wir Neues“

Das Leben ist Veränderung – und doch tun sich viele Menschen schwer damit. Helga Gumplmaier erklärt, wie man leichter mit Veränderungen umgehen kann und warum sie für unsere Entwicklung unerlässlich sind.

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© Shutterstock

Die Pandemie hat viele Veränderungen mit sich gebracht. Bisher gering bewertete Tätigkeiten waren plötzlich systemrelevant, man konnte nicht mehr raus, wann man wollte und auch nicht mehr treffen, wen man wollte. Dazu Arbeiten im Homeoffice und die Kinder im Distance Learning. Was lange für unmöglich gehalten wurde, war Realität geworden. „Das Virus wirkte wie ein Brennglas und hat die Schwachstellen unseres bisherigen Lebens wie unter dem Mikroskop gezeigt“, sagt Helga Gumplmaier, psychologische Beraterin aus Zell am Moos. „Corona hat uns täglich gefordert, Neues zu lernen. Wir wurden zur Veränderung gezwungen.“ 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Welche Menschen haben es besser geschafft, sich auf die Veränderungen durch die Pandemie einzustellen?

Helga Gumplmaier: Wirtschaftlich abgesicherte Menschen haben sich in der Pandemiezeit sicher leichter getan, weil zumindest Existenzängste weggefallen sind. Grundsätzlich schaffen es jene Menschen leichter, mit den Veränderungen in der Krise umzugehen, die auch im normalen Leben flexibel und spontan sein können. Veränderungen gehören zum Leben. Die Krise hat auch unglaublich viel Kreativität freigesetzt. In der Leere und der Not kann Kreativität entstehen. Wer es schafft, aus dem Jammern herauszukommen und seinen Fokus auf die nützlichen Aspekte der Krise zu lenken, der nimmt auch die Möglichkeiten leichter wahr. Viele erzählen, dass sie plötzlich ihre nächste Umgebung mit ganz anderen Augen betrachten konnten, Neues entdeckten. Es wurde noch nie so viel entrümpelt – Loslassen von Altem ist eine ganz wichtige Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen.

 

Warum tun sich viele Menschen mit Veränderungen dennoch so schwer?

Der Mensch ist ein Sicherheitswesen. Der Wunsch nach Beständigkeit, klaren Regeln und Strukturen ist groß, weil sie das Leben in gehörigem Ausmaß erleichtern. Wir wissen, wie es geht, es bedarf keiner langen Überlegungen! Daher auch das große Aufatmen am Anfang des ersten Lockdowns. Die Menschen waren froh, in der Phase nach dem ersten Schock, der großen Verunsicherung, klare strenge Regeln von den Regierungen vorgegeben zu bekommen. Diese strengen Regeln haben viele noch als Erleichterung betrachtet. Doch mit dem Versuch, Selbstverantwortung zurückzugeben, kam dann die große Verunsicherung und auch der Widerstand. Denn Regeln von außen haben in Veränderungsprozessen etwas Zwiespältiges. Einerseits nehmen sie einem die anstrengende Eigenbewertung ab, ich muss nicht nachdenken! Andererseits stehen sie aber unserem Streben nach Freiheit entgegen. Widerstand tut sich auf. Das sehen wir auch derzeit an der Spaltung der Gesellschaft.

 

Warum sind Veränderungen im Leben wichtig? Warum tut es sogar gut, wenn nicht immer alles so bleibt, wie es war? Ohne Veränderung gäbe es schließlich keine Weiterentwicklung, oder?

Das stimmt zu hundert Prozent! Das Leben an sich ist Veränderung. Wir verändern uns ständig – von der Geburt bis zum Verlassen dieser Erde. Jedes Lernen ist Veränderung. Wer sich schwertut, sollte Kinder beobachten, mit welcher Neugier sie die Welt entdecken und immer wieder sich und ihre Kompetenzen ausreizen. Als Erwachsene glauben wir dann auf einmal, uns nicht mehr verändern zu müssen, und richten es uns in der Komfortzone möglichst bequem ein. Wir umgeben uns mit Menschen derselben Meinung und bewegen uns in der Blase, die uns unsere Meinung immer wieder bestätigt. Wir tun das, was wir ohnehin schon können, aus Angst vermeiden wir Neues. Aber wir wachsen an Herausforderungen, die das Leben für uns bereithält. Wer sein Leben ein bisschen im Rückspiegel betrachtet – vielleicht mit Hilfe psychologischer Beratung – und sich fragt, in welchen Lebensphasen die größten Entwicklungsschritte passiert sind, wird vielleicht erkennen, dass es die Krisenphasen waren, die uns stark gemacht haben. Wir mussten uns verändern, mussten ins eiskalte Wasser springen und schwimmen lernen. So haben wir uns zu einzigartigen Individuen entwickelt, wir sind gewachsen. 

 

Krisen sind immer mit Veränderung verbunden. Wie kann man gut damit umgehen?

Pan·ta rhei – alles fließt! Eine Aussage, deren Kern gerade in dieser Pandemiekrise besonders spürbar wurde. Niemand wusste, alle waren Lernende, Entscheidungsträger, Wissenschafter, wir alle! Wer es schafft, in der Krise mitzufließen, sich immer wieder neu auszurichten, tut sich leichter. Wer die Chancen und Möglichkeiten wahrnehmen kann, schafft für sich selbst neue Perspektiven und Hoffnung. Nicht jeder Mensch kann das. Es ist keine Schande, auch einmal dabei zu scheitern. Manchmal macht sich einfach Verzweiflung breit. Das ist nur zu verständlich, wenn ich monatelang keine Arbeit habe, als Selbstständiger mein Betrieb gesperrt ist, das Kurzarbeitseinkommen nicht für das Leben reicht, ich einsam in meiner Wohnung verkomme, ich meinem Kind beim Homeschooling und seiner Verzweiflung nicht helfen kann. In solchen Phasen ist es auch keine Schande, sich Unterstützung zu holen, sich von Menschen ein Stück des Veränderungsweges begleiten zu lassen. Ich wäre heute nicht psychologische Beraterin, wäre ich nicht auch durch meine Lebenskrisen gegangen. Die Unterstützung, die ich mir damals in Supervision und Coaching geholt habe, hat mich auf meinen Weg gebracht. 

 

Wie kann man es schaffen, Veränderungen positiv und somit auch als Chance zu sehen?

In dem ich mich auf meine kreativen Potenziale besinne und Neugier walten lasse. Stellen Sie sich einfach die Frage „Was wollte ich schon immer?  Welche zusätzlichen Optionen gewinne ich durch diese Veränderung? Was lerne ich dadurch in meinem Leben dazu? Was will ich noch lernen? Welche Stärken möchte ich in Zukunft vermehrt einsetzen? Wozu gibt mir die Krise jetzt die Möglichkeit?“ Ich habe im vergangenen Jahr immer wieder Gespräche angeregt, in Onlinegruppen, manchmal auch in Präsenz, sich mit dem Positiven auseinanderzusetzen, das uns die Pandemie aufzeigt, dankbar dem nachzuspüren, wo es einem gut geht. Nach solchen Dialogrunden war die Stimmung jedes Mal wesentlich positiver und optimistischer als zu Beginn. 

 

Warum lohnt es sich sogar, mutig zu sein und Veränderungen zuzulassen?

Wer Veränderung zulässt, lernt neue Welten kennen, und das führt zu mehr Selbstbewusstsein. Es gibt viele Beispiele von mutigen Menschen, die mitten in der Pandemie, am Höhepunkt der wirtschaftlichen Krise, durchgestartet sind.Jede Krise hat bisher zu einem Innovationsschub geführt, sowohl gesellschaftlich als auch persönlich. Welche Ideen schlummern also in Ihnen und wollen umgesetzt werden?

 

Kontakt

Mag. Helga Gumplmaier

Psychologische Beratung

Ahornweg 8

4893 Zell am Moos

Tel.: 0664/2106624

E-Mail: [email protected]

www.lebenundraum.at