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Lifestyle | 02.06.2021

Aufs Schaf gekommen

Bei Monika Rendl wird ganz schön viel gemeckert – kein Wunder, lebt doch eine ganze Schar Lacaune-Schafe am Hof im Innviertel. Wir durften der Bäuerin bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und waren begeistert von den frisch „geschlüpften“ Lämmchen.

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© Dominik Derflinger

Eigentlich hat Familie Rendl ihr Brötchengeld durch den Verkauf von Kuhmilch verdient. Das Vieh musste 2018 weichen – wegen Platzmangel – und weil gleich 80 neue Mitbewohner einzogen: kuschelig weiche und laut blökende Schafe! Mit der Umstellung haben sich Monika Rendl und ihr Mann Robert den Traum erfüllt, ihren Hof weiter  zu betreiben. Das Ergebnis sind nicht nur glückliche Tiere, sondern vor allem eine glückliche Familie, die ihren Platz hier in Mehrnbach im Innviertel gefunden hat – und bleiben wird. Doch wie ist es, mit einer ganzen Schaf-Großfamilie aufzuwachsen? Und ist das Geschäft mit den Schafen rentabel? Im Interview lieferte Monika Rendl die Antworten – und gab Einblicke in die Welt der gemütlichen Zeitgenossen. 

Frau Rendl, Ihre Familie betreibt den Hof schon seit einigen Jahrzehnten. Welche Geschichte verbirgt sich hinter diesem besonderen Ort?

Der Hof wird von uns in dritter – oder in zweiter, wie man‘s nimmt – Generation betrieben. Denn Roberts Großeltern haben den Hof gekauft, seine Mutter hat allerdings auf einen anderen Hof geheiratet. Wir sind geblieben, gingen aber anderen Beschäftigungen nach. Ich habe nicht angestrebt, Landwirtin zu werden und arbeitete damals als Pflegehelferin im Krankenhaus Ried, bevor ich wegen meinem ersten Kind Martin zu Hause blieb und Gefallen an der Arbeit als Bäuerin fand. Übrigens: Es wird gemunkelt, dass der Onkel von Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., hier wohnte, bevor er nach Schweden zog und den Hof verkaufte. 

Nach 20 Jahren Milchwirtschaft haben Sie sich neu orientiert – und 2017 statt den Fleckviehkühen 80 Bio-Milchschafe einziehen lassen. Wieso diese Umstellung? 

Wir wollten unserem Vieh einen Laufstall anbieten. Das große Problem: Der Platz reichte einfach nicht aus. Und so gab es für uns nur zwei Möglichkeiten: Aufhören oder Umstellen. Wir machten letzteres, hörten uns um, sprachen mit Nachbarn und entschieden uns schlussendlich, unseren Hof zum Schafmilchbetrieb umzuorientieren. Hätte man mir bei meinem Landwirtschaftsmeisterkurs von unserem Vorhaben erzählt, ich wäre erstaunt  gewesen. Während einem zweistündigen Vortrag über Schafzucht dachte ich mir damals nur: Himmel, wer macht denn bitte Schafe?! 

Und wie kam es dann doch dazu, dass genau diese Tiere in eure Ställe und auf eure Wiesen einziehen durften?

Bei einem Nachbarn kostete ich frische Schafmilch. Und weil der Geschmack so wunderbar rund und weich war, fiel die Entscheidung leicht. Für Recherchezwecke waren wir viel auf den Höfen anderer Schafmilchbauern unterwegs – Tochter Klara machte gerade ihren L17 und hatte damit ziemlich schnell ihre Kilometer zusammen (lacht). Schnell wussten wir: das passt – wirtschaftlich wie auch in allen anderen Belangen. 

Für uns Laien: Was zeichnet Milchschafe aus? Ist es nur die Milch oder schmeckt auch das Fleisch der Tiere ausgezeichnet? 

Wir haben hier am Hof eine sogenannte Doppel- oder Zweinutzungsrasse, das aus dem Süden Frankreichs stammende Lacaune-Schaf. Neben der guten Milchleistung erzielt man mit ihnen auch sehr gute Lammfleischqualitäten und die Schafe sind bekannt für ihre gute Fruchtbarkeit und eine problemlose Ablammung. 

Nun wohnen einige der Schafe, quasi der „Urkern“ der Zucht, schon seit drei Jahren auf dem Hof. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung? 

Sehr zufrieden! Die Schafe sind angenehm anspruchslos. Natürlich können sich auch hier Krankheiten entwickeln, aber das Schaf relativ unempfindlich, braucht weniger Platz und passt sich gut an. 

Wie sieht ein typisches Schafleben in Ihrem Betrieb aus? 

Unsere Herde besteht derzeit aus etwa 180 weiblichen Tieren, vier Widdern und um die 200 Jungtiere, die seit Ende April auf die Welt gekommen sind. Die Lämmer verbringen eine Woche bei der Mama, bevor die weiblichen Tiere in den „Kindergarten“ kommen, wo sie mit Flasche und Kübel aufgezogen werden, die männlichen kommen zum Mäster. Sind die Muttertiere von den Lämmern getrennt, melkt man sie. Den Winter verbringen unsere Schafe im Stall, den Sommer auf der Weide – mindestens 180 Tage, so wie BIO AUSTRIA fordert. Ein schönes Leben, würde ich sagen! Geschoren werden müssen die Tiere natürlich auch, dafür kommt ein mobiler Schafscherer. Die Wolle lassen wir zu Pellets verarbeiten – die sind der ideale Dünger für Pflanzen und sorgen als natürlicher Wasserspeicher für ein gesundes Wachstum. 

 

 

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© Dominik Derflinger
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Natürlich gedüngt. Die Schafwolle wird zu Pellet verarbeitet, die alle Pflanzen perfekt düngen und dank der Struktur ideale Wasserspeicher sind. © Dominik Derflinger
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©: Dominik Derflinger

Gibt‘s ein Lieblingsschaf – oder sieht man bei der Menge doch nur Nummern?

Auch unsere Lieblingsschafe haben Nummern und keine Namen – aber das ist ja das Lustige daran. Nummer 26 haben wir besonders lieb gewonnen, sie ist groß, urdick und brav – ein echtes Vorzeigeschaf! Auch Nummer 101 erkennt man sofort: ein besonders nervöses Exemplar, das als Frühchen auf die Welt kam, auf einer Seite blind ist und der wir keine hohe Lebenserwartung zutrauten. Aber sie kämpfte sich tapfer durch, hat ein Lamm bekommen und sich deswegen in unsere Herzen geschlichen. 

Gemolken wird auf dem Hof mit echten Hightechgeräten: Die Schafe fahren im Melkkarussell, während sie genüsslich besonders feines Futter fressen. Was passiert mit der im Tank gesammelten Milch? Und was ist das Besondere an Schafmilch?

Zweimal die Woche kommt ein Lastwagen der Molkerei Leeb, der den Milchtank abpumpt und dessen Inhalt zu diversen Produkten weiterverarbeitet. Außerdem wird zweimal jährlich unsere  Schafmilch von einer mobilen Käserei für den Käseeigenverbrauch abgeholt.   Schafmilch ist gerade für Menschen mit Laktoseintoleranz ein guter Tipp, aber auch geschmacklich hat sie mit ihrem rund doppelt so hohen Fettgehalt wie Kuhmilch einiges zu bieten. Schaffleisch findet ebenfalls immer mehr Anhänger. Auch wir sammelten viel Erfahrung und kennen das Geheimnis für zarten Genuss: langsames, dafür längeres Braten. 

Schaf- oder Kuhmilch: Welches Geschäft ist lukrativer? 

Eine Kuh gibt etwa 8.300 Liter im Jahr, ein Schaf im Durchschnitt etwa 450 Liter. Mit manchen Schafen sind wir schon gut dabei – da kommen schon einmal 500 Liter raus! Umgerechnet auf den Literpreis sind wir wirtschaftlich gut dabei, da Schafmilch besser vermarktet werden kann. 

2018 sagten Sie, Sie wollen ein Ein-Frau-Betrieb bleiben, da ihr Mann eine Vollzeitanstellung außerhalb des Hofes hat. Wie sieht die Situation jetzt aus? 

Das hat sich auch 2021 nicht geändert und es läuft gut, so wie es ist. Mein Mann hat einen Vollzeitjob außerhalb des Hofs, arbeitet aber gefühlt noch 40 Stunden daheim, weil es ihm einfach Spaß macht. Auch die Kinder helfen gerne mit und ich bin sowieso rund um die Uhr für die Schafe da.

Nicht nur das, man hört heraus, dass Sie sich noch für viele andere Branchen interessieren …

(lacht) Allerdings! Ich bin sehr neugierig und mache gerne Sachen, die nicht jeder macht. Durch eine Kollegin im Chor kam ich zu meinem Job bei einem Bestattungsunternehmen. Außerdem bin ich bei der sozialen Betriebshilfe vom Maschinenring tätig, wo ich als Springerin in landwirtschaftlichen Betrieben da anpacke, wo Bauern und Bäuerinnen ausfallen, sprich: beim Melken, Füttern, Putzen bis hin zur Kinderbetreuung. Ich habe in einer Metzgerei gearbeitet, um alle Vorgänge bei der Fleischverarbeitung kennenzulernen. Außerdem setze ich mich stark für die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen im landwirtschaftlichen Bereich ein. Alleine unsere Studie „Damit unsere Kinder später nicht Birnen mit Äpfeln verwechseln“ liegt mir sehr am Herzen. Wir Bäuerinnen sind meist auch Mütter – und wollen unseren Sprösslingen ein gutes Leben ermöglichen. Und das setzt den wertschätzenden Umgang mit unseren Lebensmitteln voraus. 

Sie sind Mutter von drei Kindern, Martin, Klara und Maximilian. Was geben Sie ihnen besonders mit auf den Weg?

Ganz wichtig ist mir, dass meine Kinder einen guten Umgang mit anderen Menschen pflegen: fair, nett, empathisch. Und natürlich, dass sie das zu schätzen wissen, was wir haben: ein schönes Zuhause, qualitative Lebensmittel, das Aufwachsen in der Natur, die Bewegungsfreiheit auf dem Land. Ich muss ehrlich sagen, es ist purer Luxus, das zu haben. Denn wenn unseren Kindern danach ist, laden sie Freunde zum Traktorfahren und Sackrutschen ein, bauen meterhohe Schneemänner, sehen den Schafen beim Ablammen zu, werden dreckig – und niemand stört sich daran. 

Das Leben auf dem Land hat also viele Vorteile. Und doch werden seit wenigen Jahren wieder verängstige Stimmen ob der Wolfsplage laut. Wie stehen Sie dazu: Hatten Sie schon einmal Probleme mit dem „Räuber der Nacht“? 

Wir glücklicherweise nicht, aber nur wenige Kilometer entfernt in Kober-
naußen gab es Wolfssichtungen. Ganz in Sicherheit können wir uns aber auch nicht wiegen, Wölfe ziehen bekanntlich weit und man weiß nicht, wo sie überall vorbeikommen. Schrecklich, wenn ein Angriff dann tatsächlich passiert: Das Raubtier reißt viele Schafe in einer  Nacht. Eine Katastrophe für Bauer und Bäuerin! Nicht nur, dass ein Teil der Herde ausgelöscht ist, die anderen Tiere sind so verschreckt, dass sie vielleicht sogar keine Milch mehr geben. Deswegen heißt es Augen und Ohren offenhalten und hoffen, dass man verschont bleibt. 

Apropos verschont: Viele Bauern beklagen sich ob der vielen Wanderer, die nicht erst, aber doch vermehrt seit dem ersten Corona-Lockdown durch die Felder spazieren. Was ist so falsch daran? 

Leider sehr viel! Ich denke niemand würde es toll finden, wenn wildfremde Menschen plötzlich durch ihren Vorgarten marschieren. Wir Bauern wünschen uns, dass Wanderer, Spaziergänger und Mountainbiker Hirn und Herz einschalten und Rücksicht auf unser Hab und Gut nehmen. Außerdem spielt auch das Thema Sicherheit eine große Rolle: Unsere Schafe bekommen beispielsweise fermentiertes Gras zu fressen – ein ganz besonderer Leckerbissen! Nur ein einziger mitvergorener Hundekothaufen kann unsere Tiere töten. Und auf die Weide geworfener Müll kann ihnen schaden. Deswegen appellieren wir an die Sportlichen: Benutzt bitte die vorgesehenen Wege und geht nicht querfeldein – damit wir weiterhin unsere schöne Landschaft zur Entschleunigung anbieten können!

 

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