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Lifestyle | 22.04.2020

„Alles, nur keinen Fußballer!“

Aus Sicht einer Spielerfrau: Redakteurin Rebecca Mayr nimmt Sie für einen Tag mit auf den Fußballplatz.

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© Shutterstock

Damit ich ihre Fehler nicht wiederhole, hat mir meine Mutter einige wichtige Ratschläge in Sachen Männer gegeben. Dabei wollte sie mir einen Tipp besonders ans Herz legen: „Nimm alles, nur keinen Fußballer!“ Aber wie man so schön sagt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – und seit fünfeinhalb Jahren verbringe ich am Wochenende meine Zeit daher entweder alleine oder geselle mich zu meinen Leidensgenossinnen auf die Tribüne jenes Fußballklubs, bei dem ich immer wieder vergesse, in welcher Klasse (oder sagt man Liga?!) der Verein derzeit spielt. Und glauben Sie mir, hier werden sämtliche Klischees erfüllt. 

 

Vorbereitung ist alles. Das wichtige Match beginnt um 11 Uhr. Da muss sich mein Ronaldo bereits mental auf den Tag vorbereiten. Es beginnt beim Essen: Leicht soll es sein, mit vielen Kohlenhydraten natürlich, der Adoniskörper soll im Falle eines Torerfolges ja präsentiert werden! Dann kommen die Kumpels vorbei. Bei einer hitzigen Partie Fifa wird aufgewärmt – und das lautstark und mit Gebrüll.  

 

Kein Ort des Sports. 14 Uhr: Anpfiff. Die erste gelbe Karte wird bereits um 14:02 Uhr ausgeteilt, die aufgebrachten Schreie höre ich bis nach Hause. Jeder auf dem Fußballplatz weiß mittlerweile, dass ich meistens erst zu Beginn der zweiten Halbzeit auftauche, eine vorbildliche Spielerfrau wird aus mir vermutlich nicht mehr. Aber die Wahl des perfekten Outfits war einfach zu wichtig – nicht wegen der Kicker, sondern der anderen Frauen. Heute sind es der neue Pulli und die Lederjacke. Die Haare zurechtgemacht, die Sonnenbrille aufgesetzt, fertig. Der Fußballplatz ist schließlich kein Ort des Sports, sondern der des Klatschs und Tratschs! Den ersten Spritzer geschnappt („Winterlich bitte!“) begebe ich mich in die Höhle der Löwinnen. Und los geht’s: „Habt ihr schon gehört?! Eva ist nicht mehr mit Basti zusammen. Die hat nämlich einen anderen. Hab‘ ich mir gleich gedacht, dass das mit der nix wird“, erzählt mir Spielerfrau Nr. 13, die mit besagter Eva zwei Wochen vorher noch auf Mädlswochenende war. 

 

Wieviel steht‘s? Währenddessen sind schon vier weitere Karten verteilt worden, oscarreife Zurschaustellungen der harten Kicker inklusive. Den Spielstand habe ich noch nicht in Erfahrung gebracht, ist ja auch nicht so wichtig wie die Trennung von Eva und Basti. Das beleidigende Geschimpfe der älteren Herrschaften im Fansektor, den man an der vorbeiziehenden Bierfahne erkennt, wird plötzlich durch lautes Jubeln unterbrochen. Alle springen auf, die Musik ertönt über den Platz, ich sehe erschrocken von meinem Tratsch-Kreis auf – und habe es wieder einmal verpasst: das Weltklasse-Tor meiner Nummer 7! Sofort wird dessen Trikot zu Boden geworfen (die Wahl des Frühstücks hat sich ausgezahlt!) und mein Göttergatte auf den Knien rutschend unter seinen Teamkameraden begraben. Klatschend und lächelnd kann ich meine Leistung als Spielerfrau wieder einmal kaum fassen. Yeah, soccer rules!

 

Jetzt wird gefeiert. Jubelnd und mit Gebrüll wird in der Kabine mit Ballermannhits und einem Doppelliter Bier eingestimmt. Halb durchgefroren (die Lederjacke war zwar eine schicke, aber viel zu kalte Entscheidung) heißt das jetzt für mich: entweder abhauen oder im Vereinsheim eine Portion testosterongesteuerte Männerliebe miterleben. Mit zwei, drei winterlichen Spritzern mehr im Blutkreislauf entscheide ich mich für die zweite Variante. Vor allem, weil ich eh erst seit einer halben Stunde da bin. Eine gefühlte Ewigkeit später sitzt auch die perfekt gestylte Frisur unserer Erfolgskicker. Und plötzlich ist jeder – egal ob Spieler, Zuseher oder Spielerfrau – Profi-Trainer, gibt den Jungs taktische Ratschläge und stellt fest, dass an allem Übel natürlich der Schiedsrichter schuld ist. Im Hintergrund dröhnt aus den Boxen „We are the Champions“. 

 

Freundschaften und Fußballliebe. Je später die Stunde, desto inniger und lauter werden die Gesänge. Selbst ich kann „Rote Lippen soll man küssen“ und Co. im Schlaf mitsingen. Hier grenzen die Freundschaften unserer Jungs an Brüderliebe. Alle liegen sich voller Freude über den Sieg in den Armen. Bei diesem Anblick erweicht dann sogar mein Herz und ich weiß: Solche Freundschaften schafft nur der Fußball!