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Lifestyle | 15.10.2019

Afterwork Familie: wenig Zeit, großes Glück

Viele Familien kennen keinen entspannten „Feierabend“, stattdessen gibt es Stress und Streit. Nathalie Klüver zeigt deshalb, wie man mit wenig Zeit sich und die Kinder glücklich machen kann.

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Es sind die alltäglichen Momente, die Nähe und ein intensives Wir-Gefühl schaffen, die für das Glück einer Familie sorgen. (© Shutterstock)

Mamas kennen dieses Szenario nur zu gut: Man hetzt von der Arbeit zum Kindergarten, weil man – wie so oft – spät dran ist. Das Kind trödelt beim Anziehen, dabei hat man doch keine Zeit. Schließlich muss man noch einkaufen, und dann beginnt schon das Kinderturnen. Steht kein Turnen am Programm, dann ist es musikalische Früherziehung oder ein Arzttermin. Oder neue Winterstiefel müssen gekauft werden. Irgendwas ist immer.

Endlich daheim. Ist man endlich zu Hause, braucht das Schulkind Hilfe bei den Hausaufgaben, während sich das Kindergartenkind lautstark beschwert, wie langweilig ihm ist. Gemütlich ist etwas anderes. Beim Kochen und Küche-Aufräumen hilft natürlich auch mal wieder – genau! – niemand. Anstatt zum kuscheligen Vorlesen überzuleiten, gibt es wie fast jeden Abend das Zahnputz-Drama in drei Akten. Bis die Kinder schließlich im Bett liegen, jeder noch mal auf dem Klo war und ein Glas Wasser getrunken hat, ist es statt der anvisierten 20 Uhr wie immer 21 Uhr geworden und der Mann auf dem Sofa eingeschlafen. So hat man sich das Familienleben definitiv nicht vorgestellt!

Diesen ganz normalen Wahnsinn des Familienlebens beschreibt Nathalie Klüver, selbst Mutter von drei Kindern, in ihrem neuen Buch „Afterwork Familie“. Untertitel: „Wie du mit wenig Zeit dich und deine Kinder glücklich machst“. Denn dieses Problem kennt wohl jede Familie: Einen Feierabend, der diesen Namen auch verdient – ohne Stress, Genervtsein und Streit –, gibt es kaum mehr, seitdem die Kinder auf der Welt sind. Dazu kommt häufig das Gefühl, nichts zu schaffen – gepaart mit dem schlechten Gewissen, sich nicht genug um die Kids zu kümmern.

Gemeinsam, nicht nebeneinander. Nathalie Klüver hat sich deshalb gefragt, wie man jene Stunden zwischen Heimkommen und Zubettgehen gemeinsam und nicht nur nebeneinander verbringen kann. Denn grundsätzlich sprechen die Zahlen eine andere Sprache: So hat sich die Zeit, die eine Familie täglich zusammen verbringt, in den vergangenen 50 Jahren von 54 auf 104 Minuten beinahe verdoppelt. Allerdings sind gleichzeitig auch die Ansprüche gestiegen, und eben dort liegt für die Autorin der Hund begraben. „Das Glück einer Familie entsteht nicht aus den Höhepunkten, sondern aus einem alltäglichen Wir-Gefühl“, sagt sie. Darum sei es auch so wichtig, für mehr Momente zu sorgen, die Nähe und ein intensives Familien-Wir-Gefühl schaffen. „Dieses wohlig-warme Kindheitsgefühl verknüpfe ich zum Beispiel mit gemütlichen Spielenachmittagen oder den verregneten Sonntagen, die ich von morgens bis abends im Schlafanzug verbracht und vor mich hin gespielt habe“, erzählt Klüver. „Genauso assoziiere ich das Familiengefühl aber auch mit der abendlichen Essensvorbereitung, bei der ich mit meinen Eltern über Gott und die Welt diskutiert habe.“

Der Zauber des Alltags. Der Zauber liegt für sie auch im Alltag. In dem man zum Beispiel Hausarbeit gemeinsam erledigt. Schon die ganz Kleinen lernen durch Beobachten, Mitmachen und Nachahmen. Mit den älteren Kindern kann man ganz nebenbei darüber sprechen, wie der Tag gelaufen ist. „Wer ältere Kinder hat, weiß, dass sie im direkten Verhör eher einsilbig auf Elternfragen antworten“, so Klüver. „Beim gemeinsamen Wäscheaufhängen ohne direkten Augenkontakt hingegen kommen sie eher ins Plaudern. In diesen Momenten sollten wir Eltern dann auch genau hinhören und bewusst da sein. Interaktion statt Nebeneinanderher ist das Zauberwort für Qualitätszeit.“

Nachmittage entrümpeln. Eine sehr wesentliche Rolle spielt für die Dreifachmama außerdem das oft vollgepackte Nachmittagsprogramm. Hier empfiehlt sie eine Bestandsaufnahme nach dem Motto „Weniger ist mehr“. Was macht den Kindern wirklich Spaß? Und was ist verzichtbar? Schließlich machen ständiger Zeitdruck und Stress schlechte Laune – sowohl bei den Kids als auch bei den Eltern. „Freies Spielen ist wichtiger als Förderkurse“, ist Na­thalie Klüver überzeugt. „Dabei lernen die Kinder nämlich, eigene Lösungsstrategien zu entwickeln und mit Frustration umzugehen, wenn mal etwas nicht auf Anhieb gelingt.“

Rituale vermeiden Diskussionen. Wichtig für Familien ist auch, dass sie Struktur in ihren Alltag bringen. „Das Geheimnis sind Routinen und Rituale – aber auch viel Humor“, betont Klüver. „Dabei geht es mir nicht um eine straffe zeitliche Organisation, sondern darum, einen Rahmen zu schaffen und kein strenges zeitliches Korsett.“ Bei der Suche nach Ritualen sollten sich Eltern etwa fragen: Was macht uns als Familie besonders? Was bringt uns allen gemeinsam Spaß, oder was würde uns fehlen, wenn wir es im Alltag nicht mehr machen würden? Beispiele sind das tägliche gemeinsame Frühstück oder das Gute-Nacht-Lied, wöchentliche Riten sind etwa der Pizza-Abend am Mittwoch oder der „Tatort“ für die Erwachsenen am Sonntag, monatliche Gewohnheiten das gemeinsame Aufräumen des Kinderzimmers oder das Messen der Kinder.

„Hirnforschern zufolge treffen wir 20.000 Entscheidungen innerhalb von 16 Stunden“, erklärt die Autorin. „Das macht mehr als 20 Entscheidungen pro Minute. Ein fester Plan und Routinen nehmen Eltern viele Entscheidungen ab. Das beruhigt das Gehirn und wir können uns auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren.“ Rituale geben zudem Halt. Besonders Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Berechenbarkeit.

Elternbeziehung stärken. Die wohl größte Herausforderung im Familienalltag: Zeit für sich selbst und die Partnerschaft zu finden. Regelmäßig das zu tun, was einem guttut, glücklich macht und entspannt. Diese Auszeiten sollte man unbedingt einplanen. Denn: Eine gestärkte Elternbeziehung hilft, den Stress des Familienalltags besser und vor allem gemeinsam zu überstehen, wie Nathalie Klüver betont.

 

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BUCHTIPP: „Afterwork Familie“, Nathalie Klüver, Trias Verlag, € 15,50

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© Shutterstock

Die besten Tipps, mit wenig Zeit sich selbst und die Kinder glücklich zu machen!

• Kein Übergang, wie Begrüßen oder GuteNacht-Sagen, ohne Körperkontakt! Eine Umarmung, ein Bussi oder Streicheln über den Kopf – all das stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kindern, lässt den Stresspegel sinken und entspannt.

• Treffpunkt Esstisch! Mindestens einmal am Tag sollte es eine gemeinsame Mahlzeit geben, bei der der Tag besprochen und der Esstisch zum Ruhepol im hektischen Alltag wird. Ohne Smartphone und Fernsehen nebenbei, dafür voller Aufmerksamkeit und positiver Grundstimmung. Das Aufräumen und Abwaschen erledigen alle zusammen.

• Lassen Sie Ihre Kinder altersgerecht im Haushalt mithelfen und nehmen Sie ihnen nicht alles ab – bloß, weil Sie es schneller erledigt haben. Verabschieden Sie sich von Zeitdruck und Perfektionismus und Ihre Kinder lernen dabei fürs Leben!

• Rituale und Abläufe, die zur Routine werden, geben Halt und Sicherheit und helfen außerdem, unnötige Diskussionen zu vermeiden.

• Machen Sie Schluss mit Multitasking! Am Ende braucht man ohnehin immer mehr Zeit, als wenn man eine Aufgabe nach der anderen erledigt.

• Kinderturnen, musikalische Früherziehung & Co.: Entrümpeln Sie das Nachmittagsprogramm Ihrer Kinder und lassen Sie sie nur noch das machen, was ihnen wirklich Freude bereitet.

• Lachen Sie doch mal, anstatt zu meckern (so es natürlich die Situation und das Nervenkostüm erlauben)! Albern sein nimmt den Druck raus und kann manchmal Wunder wirken!

• Planen Sie Zeitpuffer und auch Pausen ein, wenn am Nachmittag Termine anstehen! Ständiges Gehetze und Zeitdruck machen bei Kids und Eltern schlechte Laune.

• Verabschieden Sie sich von Ihrem schlechten Gewissen! Auch „Afterwork-Parents“ können gute Eltern sein.

• Machen Sie sich bewusst, dass das Glück einer Familie nicht aus Höhepunkten entsteht, sondern aus einem alltäglichen Wir-Gefühl und aus Momenten, die Nähe schaffen.