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Lifestyle | 06.09.2021

Ängstliche Kinder stärken

Angst vor dem ersten Schultag. Angst, dass Mama oder Papa krank werden. Angst ist für viele Kinder und Jugendliche ein ständiger Begleiter und durch Corona vielfach verstärkt. Wir haben recherchiert, wie man unsere Kids unterstützen kann, ihre Angst in Stärke umzuwandeln.

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© Shutterstock

Kinder und Jugendliche haben massiv unter der Pandemie gelitten – und sie leiden immer noch! Das zeigt sich unter anderem in den steigenden Anfragen nach psychologischer Unterstützung und sozialpädagogischer Betreuung. An Angststörungen leiden mittlerweile auch junge Menschen, die vor Corona stabil waren. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO übertrifft die Realität sogar alle Erwartungen: Psychische Erkrankungen sind auf das Zwei- bis Vierfache im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie gestiegen.

Auch in Oberösterreich ist der Bedarf an sozialpädagogischer Betreuung hoch, wie Michael Ecker bestätigt. Er leitet die sozialpädagogischen Wohngruppen im Zentrum Spattstraße, einer Einrichtung der Diakonie, die 1963 in Linz gegründet worden ist und sich seitdem um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen kümmert. Knapp 3.800  junge Menschen werden im Moment betreut – sowohl mobil in ihren Familien als auch stationär in verschiedenen Wohngruppen.

Mehrbelastungen in Familien. „Ich denke, dass sich der Bedarf gesteigert hat, weil durch das Zusperren der Schulen die Tagesstrukturen weggefallen sind und viele Familien durch die daraus entstandenen Mehrbelastungen völlig überfordert waren“, erklärt Ecker. Zu diesen Strukturen und Routinen zählen unter anderem die Schule, Vereine und Clubs. Sie geben Kindern und Jugendlichen Sicherheit und sorgen für Ausgeglichenheit. „Dort werden viele Dinge abgefangen, sie haben also auch eine therapeutische Aufgabe“, so der Experte weiter. „Wenn diese Strukturen wegbrechen, landet alles daheim – und das ist für Familien während der Pandemie oft zum Problem geworden. Die Langzeitfolgen und Schäden, die hier angerichtet werden, sind noch gar nicht absehbar.“

Aus seiner Sicht ist es deshalb besonders wichtig, dass die Schulen im Herbst zur Gänze geöffnet werden und auch offen bleiben. 

Seelische Erkrankungen erkennen. Um seelische Erkrankungen bei Kindern erkennen zu können, muss man selbst halbwegs fit im Leben stehen, betont Michael Ecker: „Leider hat die Pandemie auch viele Eltern psychisch sehr belastet und an ihre Grenzen gebracht. Dabei spüren Eltern häufig intuitiv, wenn etwas mit ihrem Kind nicht stimmt. Auf dieses Gefühl, diese Intuition, darf man sich ruhig mehr verlassen und sich selbst ein bisschen mehr vertrauen. Man muss nicht immer sofort Hilfe von außen holen. Warum sollte ein Fremder mein Kind besser kennen als ich?“

Grundsätzliche Anzeichen für eine seelische Erkrankung können sein, wenn sich das Ess- oder Schlafverhalten des Kindes oder Jugendlichen verändert. Auch die Verdauung ist ein guter Indikator, weil das Magen-Darm-System eng mit der Psyche zusammenhängt. Außerdem kann man schauen, wie sich das Sozialverhalten – abgesehen von der natürlichen Entwicklung – verändert hat. Wie oft trifft sich mein Kind mit Freunden? Pflegt es noch aktiv seine Kontakte oder zieht es sich immer mehr zurück und geht kaum noch hinaus? „Das klingt für Eltern möglicherweise selbstverständlich, doch besonders bei Jugendlichen achtet man oft nicht mehr so sehr darauf“, weiß Ecker.

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Michael Ecker ist Psychologe und leitet die sozialpädagogischen Wohngruppen im Diakonie Zentrum Spattstraße. © Zentrum Spattstraße

"Bei Kindern ist es besonders wichtig, darauf zu achten, ob das Angstgefühl in Relation zur Gefahr steht."

Michael Ecker

Wie viel Angst ist normal? Grundsätzlich macht ein gewisses Maß an Angst Sinn und ist auch gut, weil der Mensch ohne Angst nicht überleben würde. Allerdings kommt es immer darauf an, ob die Angst in Relation zu dem steht, wovor man sich fürchtet. Für Michael Ecker ist Corona das beste Beispiel dafür. „Es hat gezeigt, wie Angst funktionieren kann und wie mächtig sie sein kann“, so der Psychologe. „Zu Beginn der Pandemie war beim überwiegenden Teil der Menschen die Angst sehr groß. Im Lauf der Monate hat sich diese Angst dann allerdings bei den meisten relativiert, bei einigen aber ist sie pathologisch geworden. Das bedeutet, dass sie der Realität gegenüber unangemessen oder unbegründet ist. Bei Kindern ist es sehr wichtig, darauf zu achten, ob das Angstgefühl in Relation zur Gefahr steht.“

Angst hat viele Gesichter. Angst, in der Schule nicht mehr mitzukommen. Angst, dass ein geliebter Mensch sterben könnte. Angst, von anderen gemobbt zu werden. Angst, wegen Corona seine Freunde wieder nicht sehen zu dürfen. Angst ist so vielfältig wie die Kinder und Jugendlichen selbst. Und es erfordert laut Ecker durchaus Mut von den Eltern, genau hinzuschauen. Das sei aber unerlässlich, weil es den Kindern nicht helfe, wenn man es verdrängt oder darauf hofft, dass es von selbst wieder in Ordnung kommt. Für ihn ist das Wichtigste, dem Kind oder Jugendlichen zu sagen und zu zeigen: „Ich spüre, dass etwas nicht stimmt, und ich bin für dich da.“ Selbst wenn man daraufhin von einem Teenagerkind zum Beispiel angeschrien und weggeschickt wird. „Das muss man als Eltern aushalten, man braucht einen langen Atem“, so Ecker. „Aber dieses Signal kann bei einem Kind viel auslösen. Unser Motto im Zentrum Spattstraße ist auch ‚Dasein‘. Kinder und Jugendliche brauchen Menschen, die auf emotionaler Ebene ehrlich und bedingungslos für sie da sind – ohne etwas von ihnen zu fordern.“

Gesunder Lebensstil gegen Angst. Was ebenfalls bei Angststörungen hilft, ist ein gesunder, ausgewogener Lebensstil. So ungewöhnlich oder banal sich das auch anhören mag. Faktoren, die Angst mindern, sind zum Beispiel ausreichender Schlaf, körperliche Bewegung und eine ausgewogene Ernährung (siehe auch Tipps Seite 18). „Tatsächlich ist es so, dass man einen gesunden Lebensstil in Hinblick auf die psychische Gesundheit nicht unterschätzen sollte“, sagt auch Michael Ecker. „Die Frage ist halt immer, wie man das innerhalb einer Familie umsetzen kann. Es ist schwierig, von meinen Kindern etwas einzufordern, das ich selbst nicht lebe. Ich kann nicht sagen: ‚Ich möchte nicht, dass du mit dem Rauchen anfängst‘, während ich mir selbst die nächste Zigarette anzünde. Das ist nicht authentisch!“ Die Erfahrung zeige, dass es den größten Einfluss auf Kinder hat, wenn Eltern ihnen etwas vorleben. „Das ist aber gleichzeitig die große Krux, weil es furchtbar unbequem sein kann“, so Ecker. „Auf der anderen Seite kann ich nichts von meinen Kindern verlangen, das ich selbst nicht mache. Das Wohnzimmer ist immer auch der Spiegel eines Familiensystems.“

Kinder ertragen Wahrheit. Bald geht die Schule wieder los und viele Kinder und Jugendliche schauen besorgt in Richtung Herbst. Werden die Schulen offen bleiben? Eltern möchten ihren Kindern ein bisschen Sicherheit geben – doch wie kann das gehen? Die einzige Möglichkeit ist für den Psychologen, ehrlich mit den Kindern zu sein und ihnen zu sagen, wie die Sachlage momentan ist. Fakt sei, dass niemand wisse, wie es mit Corona weitergehen wird – und genau das solle man auch den Kindern sagen. „Sie ertragen die Wahrheit viel besser, als Erwachsene oft glauben“, betont Ecker. „Ein ehrliches ‚Ich weiß es nicht‘ ist viel besser als ein unehrliches ‚Ich verspreche dir …‘, das man dann nicht halten kann. Kinder fragen uns, weil sie unsicher sind und gern eine Antwort haben möchten. Es wäre falsch, sie hinzuhalten oder anzulügen. Auch wenn es natürlich eine gewisse Größe des Erwachsenen fordert, zuzugeben, dass man etwas nicht weiß. Es ist keine persönliche Verfehlung oder Schwäche, etwas nicht zu wissen.“

"Ein ehrliches ‚Ich weiß es nicht‘ ist viel besser als ein unehrliches Versprechen, das man am Ende nicht halten kann."

Michael Ecker

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Angst vor der Schule, davor, gemobbt zu werden oder im Unterricht nicht mitzukommen: Die Ängste sind so unterschiedlich wie die Kinder selbst. © Shutterstock

"Ein gesunder Lebensstil spielt in Hinblick auf die psychische Gesundheit eine wesentliche Rolle."

Michael Ecker

Buchtipp

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„Ängstliche Kinder“ Dr. Jodi Richardson & Michael Grose Trias Verlag; € 20,60

Kostenlose Psychotherapie

Das Diakonie Zentrum Spattstraße bietet seit 2018 kostenlose Psychotherapie für Kinder und Jugendliche an. Ziel war es, die Therapie auch Familien mit wenig Geld zugänglich machen zu können. Damals brauchten insgesamt 14 Prozent der Kinder in Österreich therapeutische Hilfe bei Depression, Angstzuständen, Trauer oder traumatischen Erlebnissen. Diese Zahl ist durch die Pandemie massiv gestiegen, aktuelle Zahlen gibt es dazu allerdings noch nicht.

Mehr Infos:
www.spattstrasse.at

Lifestyle | 06.09.2021

So stärken Sie ängstliche Kinder

In ihrem Buch „Ängstliche Kinder“ beschäftigen sich Jodi Richardson und Michael Grose unter anderem damit, wie Kinder ihre Angst in Stärke umwandeln können. Außerdem geben sie Eltern wichtige Tipps und Strategien mit, wie sie ihre Kinder unterstützen können.

Angst erklären: Erklären Sie Ihrem Kind, wie Angst entsteht. Und zwar mit Hilfe der Amygdala, jenem Bereich im Gehirn, der dazu da ist, vor Gefahren zu beschützen – was grundsätzlich gut und wichtig ist. Bei manchen Kindern nimmt diese Amygdala allerdings auch dann Gefahr wahr, wenn sie in Sicherheit sind. Das ist so, als ob der Rauchmelder Alarm schlägt, obwohl nur der Toast angebrannt ist. Eine heftige Reaktion für ein kleines Problem. Und manchmal geht dieser Amygdala-Alarm sogar völlig ohne Grund los.

Tiefe Atmung: Im richtigen Moment auf die richtige Art und Weise zu atmen, kann helfen, sich besser zu fühlen. Für eine tiefe Atmung muss man in den Bauchraum hineinatmen und nicht nur in den Brustkorb. Das löst Anspannung und Stress, weil es dem parasympathischen Nervensystem signalisiert, dass es an der Zeit ist, zu entspannen. Tiefe und lange Atemzüge sind der schnellste Weg, Kinder wieder zu beruhigen, wenn die Angst sie überwältigt.

Körperliche Bewegung: Es ist gut belegt, dass Bewegung eine positive Wirkung auf die psychische Gesundheit hat, weil sie die Endorphine in Wallung bringt. Endorphine sind auch als Glückshormone bekannt, weil sie Schmerzen lindern und das Wohlbefinden steigern. Bewegung löst Muskelspannungen, lässt besser schlafen und mindert Angst. Am besten klein anfangen, ohne Leistungsdruck und idealerweise als ganze Familie, weil die Eltern wichtiges Vorbild sind!

Ausreichend schlafen: Auch der Schlaf hat Einflusss auf die emotionale Stabilität von Kindern. Angst hindert allerdings oft am Einschlafen, das kann zu einem Teufelskreis führen. Routine und Gewohnheiten helfen – das Schlafhormon Melatonin liebt Regelmäßigkeit. Smartphone & Co. sollten mindestens 45 Minuten vor dem Schlafengehen beiseitegelegt werden. Wichtig ist zudem, zu regelmäßigen Zeiten aufzustehen – auch am Wochenende, was besonders bei Teenagern eine Herausforderung ist.

Gut essen: Eine gute Ernährung ist das Fundament einer soliden psychischen Gesundheit. Darm und Psyche hängen eng zusammen. Das Wohlfühlhormon Serotonin reguliert unsere Fähigkeit, ruhig zu bleiben, und hat den größten Einfluss auf die psychische Gesundheit des Menschen. Die Menge Serotonin, die das Gehirn braucht, um optimal arbeiten zu können, wird zu 90 bis 95 Prozent von Nervenzellen im Darm produziert. Ein Darm voller guter Bakterien kann genügend Serotonin produzieren, damit das Gehirn effizient arbeiten kann.

Wenig Zucker: Eine zuckerreiche Ernährung behindert die wichtige Arbeit des Darms, Serotonin und andere Hormone zu produzieren, die für eine gesunde Gehirnfunktion nötig sind. Gute Ernährungsgewohnheiten helfen Kindern beim Umgang mit Angststörungen und sind langfristig eine wichtige Präventivmaßnahme.

Ausreichend trinken: Dehydration versetzt den Körper in Panik: Das Herz rast, der betroffenen Person ist schwindelig und sie fühlt sich aufgewühlt. Sehr aktive Kinder (oder wenn sie in eine Aufgabe vertieft sind) vergessen oft, Wasser zu trinken. Kaffee und Energydrinks sind tabu, weil Koffein ein Aufputschmittel ist und die sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion zusätzlich befeuert. Ein Übermaß an Koffein kann genügen, um eine Angstattacke auszulösen! Auch Jugendliche zumindest bis zum 15. Lebensjahr sollten kein Koffein zu sich nehmen.

Spielen gehen: Spielen ist Therapie! Das Spiel, also Dinge zu tun, weil sie Spaß machen, und nicht nur, um ein Ziel zu erreichen, ist für eine gesunde menschliche Entwicklung essenziell. Es hilft Kindern, die nötige Kompetenz und Zuversicht zu erwerben, um ihre Umwelt positiv gestalten zu können. Geben Sie Ihren Kindern deshalb unbedingt Zeit, Raum und die Erlaubnis zum Spielen!