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Events | 01.05.2019

"Ich habe nie vorgehabt, zu dirigieren"

Sie gilt als die Grand Dame des Originalklangs. Seit mehr als zwei Jahrzehnten leitet Prof. Michi Gaigg das international besetzte und mehrfach ausgezeichnete Ensemble L’Orfeo Barockorchester und macht Alte Musik damit salonfähig. Am 19. Mai ist das Orchester gemeinsam mit Sopranistin Dorothee Mields im Brucknerhaus zu erleben.

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Geigerin und Dirigentin Michi Gaigg (© Ulli Engleder)

Prunk, Schnörkel und Verzie­rungen; aufwendige Klei­dung aus feinsten Stoffen und weiße Haarperücken; prachtvolle Gebäude mit elaborierten Zierelementen; die Liebe für das Künstliche: Nicht umsonst wurde „Barock“ ursprünglich als Bezeichnung für Schwulst und Überladung verwendet und erst im 19. Jahrhundert als Epochenbegriff rück­wir­kend für die Zeit von 1600 bis 1750 gebraucht. Wie bei Bauten und Kleidung dieser Zeit sind auch die musikalischen Merkmale des Barock, zu deren bekanntesten Vertretern Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel zählen, neben der Praxis des sogenannten Generalbassspiels Verzierungen und Ornamente: Töne und Tonfolgen, die eine Melodie ausschmücken, im Notenbild angegeben durch bestimmte Zeichen. Warum sie gerade dieser musikalischen Epoche des ausdrucksvollen Spiels so zugetan ist, wie sie zur Musik kam und was uns bei den diesjährigen donauFESTWOCHEN er­war­tet, erzählte uns die in Schörfling am Attersee geborene Violinistin, Dirigentin, Begründerin und Leiterin des L’Orfeo Barockorchesters sowie Fes­tival­­­inten­dan­tin Michi Gaigg im Interview.

 

Frau Gaigg, wie kamen Sie zur Violine und zum Dirigieren?

Obwohl meine Eltern kein Instrument spielten, haben sie mir schon mit sechs Jahren Klavierunterricht ermöglicht. Bald darauf war mein größter Traum, Geige zu spielen. Endlich, mit zwölf Jahren, bekam ich Unterricht, und ab 16 studierte ich am Mozarteum Salzburg, wo ich Nikolaus Harnoncourt begegnete. Von seinen Vorlesungen und Aufnahmen mit dem Concentus Musicus Wien war ich einfach hin und weg. Von nun an war es ganz klar, wohin ich wollte.

 

Was waren dann die wichtigsten Stationen in Ihrer Laufbahn?

Nach Abschluss meines Studiums der modernen Geige hatte ich das große Glück, dass mich Ingrid Seifert nach London holte, um in ihrem Ensemble London Baroque mitzuwirken. Ich habe sehr viel von ihr gelernt. Über ein Auslandsstipendium ging ich in Folge nach Den Haag, um mit Sigiswald Kuijken zu studieren – er ist immer noch ein Idol, was den Geigenklang betrifft. In jenem Jahr habe ich auch den Lautenisten Hubert Hoffmann kennengelernt, mit dem ich 1983 in München begann, ein Barockorchester aufzubauen, das ich zwölf Jahre leitete. 1987 bekam ich meinen ersten Lehrauftrag in Strasbourg und nach Stationen in Köln, Stuttgart und Tübingen bin ich 1996 wieder nach Hause an den Attersee gezogen. 1990 kam meine Tochter Kathi zur Welt, drei Jahre später hatte ich das Glück, einen Lehrauftrag für Barockvioline am damaligen Brucknerkonservatorium zu bekommen, wo ich Carin van Heerden kennenlernte, mit der ich 1996 das L‘Orfeo Barockorchester gründete.

 

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Michi Gaigg und das L‘Orfeo Barockorchester (© Reinhard Winkler)

Warum gilt Ihr musikalisches Interesse gerade dem Barock?

Diese Epoche ist vor allem die Epoche des musikalischen Sprechens, der Klangrede. Man muss jede musikalische Figur im Detail erkennen und erarbeiten. Für uns Streicher bedeutet das, sehr genau mit unserem Geigenbogen zu gestalten, der Bogen wird sozusagen zu unserer Zunge. Je nach Gemütszustand sprechen wir sehr unterschiedlich. Wer traurig, zornig, glücklich, zärtlich oder grob ist, dessen Tonlage, Sprechtempo und Auswahl der Worte nehmen sehr unterschiedliche Ausprägungen und Farben an. Also muss man im übertragenen Sinne auch eine schauspielerische Ader in sich tragen und in gewisse Rollen schlüpfen, um den musikalischen Text überzeugend umzusetzen.

 

Wie anerkannt ist Barockmusik im Konzertbetrieb?

In den letzten Jahrzehnten hat sich da schon sehr viel verändert, und es gibt auch ein Publikum, das gerade diese Musikepoche hören möchte. Inzwischen ist es selbstverständlich geworden, dass in vielen Konzertreihen mindestens ein Konzert auf historischen Instrumenten stattfindet.

 

Sie sind eine der wenigen Frauen, die ein Orchester leiten und am Dirigentenpult anzutreffen sind. Wie läuft das?

Ich persönlich habe über diese Frage nie nachgedacht, habe eigentlich auch nie vorgehabt, zu dirigieren. Ich habe L‘Orfeo jahrelang von der Geige aus geleitet. Dadurch, dass wir uns auch mit späterer Literatur aus Klassik und Frühromantik beschäftigten, wurde das Ensemble größer und größer. Es war ein ganz natürlicher Prozess, dass ich bei größeren Besetzungen die Geige aus der Hand legte. Ich bin sozusagen im und aus dem Ensemble hervorgewachsen und komme nicht als „Meisterin“ von außen. Es ist erfreulich, dass es inzwischen immer mehr großartige Dirigentinnen gibt.

 

Sie sind auch Intendantin der donauFESTWOCHEN im Strudengau, ein „Festival für Alte Musik mit Kontrapunkten“. Was sind diese Kontrapunkte?

Es ist uns ein großes Anliegen, das Spannungsfeld zwischen alter und zeitgenössischer Musik zu zeigen. Immer wieder machen wir dann die Erfahrung, dass das zeitgenössische Stück vom Publikum voller Begeisterung aufgenommen wird. Also das Nebeneinander von Alt und Neu befruchtet sich gegenseitig sehr! Deshalb vergeben wir auch schon seit vielen Jahren Kompositionsaufträge an junge Komponistinnen und Komponisten. Dann haben die donauFESTWOCHEN das große Glück, mit zauberhaften und ganz besonderen Spielorten aufwarten zu können. Von der großartigen Kulisse des Innenhofs des Schlosses Greinburg über den magischen Standort der Stiftskirche Waldhausen, die Stifte Ardagger und Baumgartenberg, das geheimnisvolle Filialkircherl Altenburg bis hin zur romantischen Gießenbachmühle – Musik in so einem Ambiente zu hören, ist einfach sehr besonders.

 

Was sind die Programm-Highlights im Jubiläumsjahr „25 Jahre donauFESTWOCHEN ?

Unsere diesjährigen Highlights sind in jedem Fall Joseph Haydns „Entführungsoper“ „L‘Incontro improvviso“ auf Schloss Greinburg und Felix Mendelssohns Oratorium „Elias“ in der Stiftskirche Waldhausen. Als Kontrapunkt dazu gibt es u.a. eine überraschende Reise in die Kunst der Fuge mit der Austrian Art Gang von Klaus Dickbauer und BartolomeyBittmann mit aktuellem Programm. Unser Festival ist außerdem sehr familienfreundlich: Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre sind frei und auch sonst gibt es sehr attraktive Ermäßigungen. Zunächst einmal freue ich mich aber auf unseren Auftritt im Brucknerhaus.

 

Termine:

- L’Orfeo Barockorchester & Michi Gaigg mit Sopranistin Dorothee Mields: So., 19. Mai, 11 Uhr, Brucknerhaus Linz

- DonauFESTWOCHEN im Strudengau: 26. Juli bis 15. August, www.donau-festwochen.at