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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 12.12.2019

Zu Weihnachten zählt nur ein Wort. Nämlich meines.

Und das geht so …

Bild Uschi bLOG.JPG
© Stefan Joham

Herrgottsapperlott

Das sagte mein Großvater selig praktisch zu jeder Gelegenheit. Er sagte es, wenn er sich freute und wenn er sich ärgerte, wenn er hungrig war (Herrgottsapperlott, mir knurrt der Magen) und wenn er satt war (Herrgottsapperlott, das war gut!). Ich bewunderte meine Großmutter für ihre Fähigkeit, das ständige Herrgottsapperlott ihres Mannes nicht mehr zu hören. Mich machte es nämlich wahnsinnig. „Opa“, sagte ich einmal zu ihm, „warum sagst du das dauernd?“ „Ja, Herrgottsapperlott“, rief er da (was ich befürchtet hatte, weshalb ich nie wieder nachfragte). „Weil’s halt mein Vater auch immer gesagt hat.“

Der Urli-Opa war also schuld. Und vermutlich dem sein Urli-Opa auch schon. Schade, dass die Ahnenforschung versagt, wenn es darum geht, den Auslöser für generationenübergreifende sinnlose Redewendungen zu finden. Meine Sippe ist auf derlei spezialisiert. Seit mein Opa nicht mehr lebt, sagt zwar keiner mehr Herrgottsapperlott, zumindest nicht so inbrünstig. Dafür haben wir im Familienkreis – und ich nenne jetzt keine Namen – Mitglieder, die in Dauerschleife „Bist du noch zurechnungsfähig?“ „Ist das jetzt dein Ernst?“ und „Keine Ahnung!“ sagen. Einer ist dabei, der den Begriff „Schülerzeitung“ quasi in den Kultstatus erhoben hat. Damit meint derjenige Situationen, die nicht optimal gelaufen, aber ambitioniert gemeint sind. Ich kann auch was beisteuern. Mit souveräner Konsequenz sage ich mehrmals täglich, manchmal auch stündlich „Hmm“.

„Hmm“, mit Betonung auf dem M, ­eignet sich für jede Lebenssituation, ­außer für die Zeitspanne vor dem Ehe-Versprechen. Bitte, da habe ich beide Male überzeugt „Ja“ gerufen!

Ich kann „Hmm“ nur wärmstens empfehlen. Wenn man Zeit gewinnen, das Gegenüber verunsichern oder auch seiner Zuneigung versichern will. Mit „Hmm“ liegt man nie falsch. Da ich im „Hmm“-­Sagen durch jahrzehntelange Praxis enorm geübt bin, schaffe ich sogar die hohe Kunst des „Hmhm“ mühelos. „Hmhm“ bedeutet Zustimmung und Ablehnung in einem, eignet sich also ideal, um Situationen zu schaffen, in denen sich keiner mehr auskennt und man selbst die Oberhand behält. Hmhm, also. Meiner Erfahrung nach ist die Weihnachtszeit eine optimale „Hmhm“-Anwendungsperiode, beginnen wir beim Baumschmuck: Gold, Pink, Grün oder avantgardistisches Schwarz mit Silber stehen in der Dynastie heuer zur Diskussion. Ich bringe mich bei jedem Vorschlag mit einem herzhaften „Hmhm!“ ein. „Hmhm“ bekundet Interesse an den absurden Vorschlägen und lässt gleichzeitig nur eine Option zu: nämlich meine. Ähnlich aufgeschlossen agiere ich betreffend Vorschlägen zum Festtagsmenü: Gans? „Hmhm“. Fisch? „Hmhm“. Tiroler Käsespätzle mit Wok-Gemüse und Tofu? Hierzu fällt das „Hmhm“ besonders ambitioniert aus und inkludiert – Sie ahnen es: von „Ist das jetzt dein Ernst?“ bis zu „­Keine Ahnung!“ alles. Es wird also Fondue geben, wie immer.

Leute, ich habe soeben eine Geschäftsidee für 2020 geboren: Ich werde Seminare in professioneller Gesprächs-Manipulation abhalten, mit klingenden Titeln wie „Quasselt doch, was ihr wollt, es passiert sowieso nur das, was ich will“. Wer sich in meinen Kurs einschreibt, erlernt in Windeseile (weil viel Zeit habe ich nicht), wie man mit einem richtig betonten „Hmm“ oder „Hmhm“ exakt zum gewünschten Ergebnis kommt und die anderen verwirrt, aber glücklich ihrem Schicksal überlässt.

Als ich unlängst im Familienkreis ­anmerkte, dass Weihnachten im Sinne des Umweltschutzes doch einmal komplett glitzer-, kitsch- und plunderfrei gefeiert werden könnte, rechnete ich fest mit (zumindest) „Bist du noch zurechnungsfähig?“, erntete aber wohlwollende Zustimmung.

Hmm. Oder eigentlich Herrgottsapperlott! Ist das jetzt euer Ernst? Seid ihr überhaupt noch zurechnungsfähig? Ich soll meinen peinlichen Leucht-Rentierschlitten, der seit Jahren so hübsch die Straße beleuchtet, entsorgen? Dazu fällt mir jetzt nix ein.

Nur Hmhm.

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© iStock by Getty Images