Loading…

Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 18.02.2021

Wie sich von Lockdown zu Lockdown zu Lockdown alles verändert.

In diesen seltsamen Zeiten komme ich auf seltsame Gedanken. Man ist ja durch Corona immer auch mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert, und da meine ich jetzt gar nicht das Schlimmste, also das endgültige Ende. Aber es geht bei uns allen ums Überleben. Im Alltag. Im Sozialverhalten. Im Business. Und in meiner Küche.

Vor Corona war meine Küche meine Küche. Ich legte fest, wo was seinen Platz hat, war die Chefin eindrucksvoller Messerblöcke und knallvoller Besteckladen, Herrin des Geschirrspülers, weil nur ich im Bauchgefühl habe, ob da noch ein letztes Weinglas reinpasst. Oder ich es besser liebevoll per Hand wasche – Corona lehrte auch die Achtsamkeit gegenüber dem Banalen. Man kennt ja seinen Geschirrspüler besser als seinen Lebenspartner, wenn man sich nur intensiv genug mit ihm befasst. Das ist jetzt eine Corona-Theorie, die es vermutlich nicht bis in die Hauptnachrichten schaffen wird, was bedauerlich ist. Statt täglich Zahlen zu präsentieren, die dividiert, multipliziert und zu einem krausen Bündel fusioniert werden, könnte man z. B. meine aktuelle Corona-Küchen-Studie kommunizieren, die hat Hand und Fuß.

Unwissenschaftlich belegt, basiert sie auf folgenden Grundlagen:

1.) Geschirrspüler haben Stammesangehörigen (Männern, Kindern, Hunden) zweierlei voraus. Sie reden, bzw. bellen nicht zurück und reagieren, bei sachgemäßer Anwendung, nicht nur ohne Murren, sondern gar mit liebevollem Surren! Ein erfreulicher Akt der Beständigkeit in planlosen Zeiten.

2.) Seit Corona in meine blitzblanke, elegant in Schwarz-Weiß gehaltene und seelisch zart besaitete Küche getrampelt ist, regiert die Anarchie. Das Fußvolk knallt seine FFP2-Masken ungefragt auf den Küchentresen, wo diese auf lose in der Gegend lümmelnde Antigen- und Schnelltest-Packungen aus der Apotheke treffen. Und das alles vor den Augen des Alessi-Pfefferstreuers, der sich genau wie ich sein altes Leben zurück wünscht.

Darf ich an dieser Stelle einen kleinen Reim zitieren: „Regiert der Mob in deiner Küche, musst du sagen tausend Flüche.“ So. Ich meine hier nicht den Wischmob.

3.) Jeder schmatzt für sich alleine. Unser Essverhalten hat sich von einem Lockdown zum nächsten dramatisch unsozial entwickelt. Saßen wir beim ersten Lockdown als Familie noch dreimal täglich – wohlig in die unverhoffte Gemeinschaft gebettet – wie im Film „Mariandls Heimkehr“ (anno 1962) um den guten Eichentisch, war der zweite Lockdown bereits von eigenbrötlerischen Eskapaden geprägt (Mann mampft heimlich auf der Toilette dick belegte Brote, vermutlich um nicht teilen zu müssen).

 

Lockdown Nummer drei ist der fress-soziale Tiefpunkt. Die Hunde streiten sich mit den Teenagern um den Inhalt halbleerer Pizza-Kartons, der Mann kocht eine Hühnersuppe „nur für sich“, weil er sich „nicht besonders gut fühlt“, die Küchen-Königin, die nur ein kleines Erdbeer-Joghurt beansprucht hätte, starrt fassungslos auf akribisch leer gefressene Kühlschrank-Regale und den „Besorgungszettel“ auf der Kühlschranktür (Popcorn, aber nicht wieder das ohne Kalorien!!!).

Dann atmet die Küchen-Königin tief durch. Und widmet sich ihrem neu entdeckten Lockdown-Hobby, dem professionellen Messerschleifen.

Ich kann nur jedem raten, Messer zu schleifen, das hilft bei jeder Gelegenheit, die innere Balance zu wahren. Besitze mittlerweile, neben dem gemeinen Wetzstab, einen Diamantschleifer, einen japanischen Schleif- und Abziehstein, sowie ein elektrisch betriebenes Schärfgerät, das sich mit grauenhaften Geräuschen (iijäääiijäää) in mein Herz geschliffen hat.

Die Familie beäugt meine neue Passion mit betretener Ehrfurcht, tuschelt dann und wann hinter meinem Rücken, womöglich überlegen sie die Beiziehung psychologisch geschulten Personals. Sollen sie nur kommen. In meine Küche. Bin gerüstet. Iijäääiijäääijäää.

 

Herzlichst, Ihre 

Bild uschi signature.bmp
USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN