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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 16.10.2019

Du sollst deine elektronischen Geräte lieben wie dich selbst. Hmmm …

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© iStock by Getty Images

Ich gebe es freimütig zu. Ich bin ein Technik-Idiot. Ich verstehe z. B. bis jetzt nicht, obwohl es mir zig-fach von Experten gütig erklärt wurde, warum eine Mail, die ich von meinem Büro im dritten Bezirk nach Tadschikistan schicke, schneller ankommt als eine Mail, die ich vom dritten in den vierten Wiener Bezirk schicke.

Als ich sieben Jahre alt war, bekam ich von meinen Eltern eine Neil-Diamond-LP (= Langspielplatte) geschenkt. Dass ich bis heute alle Greatest Hits von Neil Diamond auswendig kann, liegt daran, dass ich in meinem Zimmer über Wochen hinweg stundenlang fasziniert diese Platte hörte. Nicht, weil mich Neil Diamond so ­begeisterte, sondern weil ich es genoss, große Macht über Neil Diamond zu haben.

Manchmal stand ich mitten in der Nacht auf und legte Neil Diamond auf, nur um mich diebisch zu freuen, dass der Typ genau jetzt wieder singen muss. Ich konnte Neil Diamond, wenn mir danach war, stundenlang singen lassen, ohne dass der Gepeinigte in meinem Verständnis essen, trinken oder auch nur aufs Klo gehen durfte, ich war der festen Meinung, Neil Diamond in der Hand zu haben. Und fand es erstaunlich, dass er sogar mitten in der Nacht, wenn ich ihn offensichtlich geweckt hatte, ziemlich genau den richtigen Ton traf. Manchmal glaubte ich zu erkennen, dass Neil Diamond müde sei, dann schaltete ich gnädig den Plattenspieler ab. Ich war schon als Kind kein Unmensch.

Mein Vater versuchte mir zu erklären, wie das mit Schallplatten so funktioniert, aber ich glaubte ihm nicht. Vielleicht bin ich deshalb Journalistin geworden. Die Wahrheit galt es schon als Kind für mich zu hinterfragen. Apropos Journalistin: Am Anfang meiner Karriere hämmerte ich in eine elektrische Schreibmaschine namens Wedel, weil sie mich an Herrn Wedel, meinen Nachbarn, erinnerte, der immer so zackig-klackig sprach. Herr Wedel klang wie meine Schreibmaschine. Dann stieg die ganze Welt auf Rechner und Festplatten und Software-Programme um.

Für Leute wie mich wurden Hotlines erfunden. Und Supporter, die man ­anrief, wenn man nicht weiterwusste. Ich weiß noch immer oft nicht weiter.
Z. B. wenn ich Kreditkarten oder Kundennummern aktivieren soll. Dann rufe ich die Hotline an und höre Musik. Dann meldet sich ein Supporter, dem ich mein Anliegen vortrage und vor dem ich mich geniere, weil die ganze Welt weiß, wie man blöde Codes aktiviert, nur ich nicht.

Dann bekomme ich eine Auskunft – und kenne mich noch immer nicht aus. Dann ruf ich wieder bei der Hotline an. Wenn ich Glück habe, erwische ich dort einen Supporter, der denkt, ich sei ein kompletter Idiot. Weil ich sein Herz rühre, erklärt er mir alles so, dass ich es irgendwann verstehe. Wenn ich Pech habe, erwische ich einen, der denkt, ich sei ein kompletter Idiot, dessen Herz ich aber nicht rühre.

Supporter dieser Kategorie atmen in der Regel tief durch, wenn ich ihnen mein Anliegen erkläre („ich hab jetzt die Zahl in das Feld eingegeben und da tut sich nichts …“). Manchmal vermeine ich, unterdrücktes Kichern zu hören. Ich habe ein feines Sensorium für so etwas, ich hörte ja sogar, wenn Neil Diamond vom Singen müde war.

Im Übrigen werde ich den Eindruck nicht los, dass mich mein Umfeld ­tuschelnd als Gerätetod bezeichnet. Manche raffen panikartig ihre Laptops an sich, wenn ich zufällig vorbeikomme. Dabei will ich nichts Böses. Nur auf dem einen oder anderen Gerät ein wenig fummeln, weil bei mir wieder nichts funktioniert.

Harmlos, glaubt mir, Leute, harmlos. Der Kollege, auf dessen elektronischem Gerät ich dreimal den falschen PIN eingab, hat immer noch die Möglichkeit, es mit dem PUK zu versuchen, den er hoffentlich kennt. Ansonsten empfehle ich die Hotline des Herstellers in Nordkorea, wo ihm ein Supporter gewiss erklären kann, wie er seine Daten runterbekommt, bevor er das Gerät leider verschrotten muss.

Ich bin ein Mensch, der nach vorne schaut. Früher war nicht alles besser. Aber manchmal hab ich Sehnsucht nach Wedel, meiner Schreibmaschine.