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People | 13.12.2017

„Es kann nur miteinander gehen“

Vor zwei Jahren ist Manfred Scheuer nach Oberösterreich zurückgekehrt, um Linzer Diözesanbischof zu werden. Eine Aufgabe, die für ihn keine Solo-Geschichte ist, wie er selbst sagt, sondern nur im täglichen Miteinander funktioniert.

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Manfred Scheuer wollte schon als Kind Priester werden, heute ist er Linzer Diözesanbischof. (© Diözese Linz/Hermann Wakolbinger)

Er sieht sich als Brückenbauer, als einer, der die Menschen zusammenbringen möchte. Der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer (62) ist seit zwei Jahren im Amt und war zuvor in Innsbruck tätig. Eigentlich hatte der gebürtige Haibacher nicht vor, nach Oberösterreich zurückzukehren, als er vor 21 Jahren weggegangen ist. Darum ist er auch immer noch dabei, sich einzuleben und wieder Oberösterreicher zu werden, wie er selbst sagt. Wir haben ihn im Linzer Bischofshof besucht und mit ihm über die Zukunft der katholischen Kirche, die Rolle der Frau und das Miteinander der Religionen gesprochen.

 

Vor zwei Jahren wurden Sie von Papst Franziskus zum Bischof der Diözese Linz ernannt. Was hat sich seitdem für Sie verändert?

Alles ist damals ziemlich zügig gegangen, so dass ich nur wenig Zeit hatte, um Abschied von Innsbruck zu nehmen, wo ich zuvor als Bischof tätig war. Zumal mich die Nachfolge dort längere Zeit beschäftigt hat, weil mein Nachfolger erst jetzt Anfang Dezember geweiht wird. Das hat mich auch belastet, weil ich eine Verantwortung für die Diözese Innsbruck verspürt habe. Die Ernennung zum Diözesanbischof von Linz war eine Veränderung meines gesamtes Lebensbereiches, nachdem ich ja vor 21 Jahren schon Abschied von Oberösterreich genommen hatte. Ich bin nach Deutschland gegangen und dann nach Tirol – und das nicht mit der Perspektive, irgendwann nach Oberösterreich zurückzukehren. Nach so langer Zeit habe ich bemerkt, dass ich vieles und viele hier nicht mehr kenne. Insofern bin ich immer noch dabei, zu lernen und wieder Oberösterreicher zu werden (lächelt).

 

Sie haben gesagt, dass Sie die Hauptaufgabe eines Bischofs darin sehen, Einheit zu schaffen und Brücken zu bauen. Wie sehr, würden Sie sagen, ist Ihnen das in den vergangenen zwei Jahren bereits gelungen?

Ich mache die Erfahrung – und das gilt nicht nur für die Kirche, sondern für die Gesellschaft insgesamt –, dass es auf der einen Seite eine gewisse Vereinzelung gibt. Dass die Menschen nicht von vorneherein in einem Wir und Miteinander denken, dass manche Interessen so auf einzelne zugespitzt sind, ohne sich zu fragen, was das für die anderen Beteiligten heißt. Auf der anderen Seite gibt es viele, die Verantwortung übernehmen und das Miteinander ins Zentrum rücken. Manchmal habe ich das Gefühl, ein Vagabund zu sein – von einem Milieu, von einer Gruppe zur anderen, die fast keine gemeinsame Sprache mehr haben und wo es wenig Verbindendes gibt. Außerdem sehe ich meine Aufgabe als Bischof nicht als Solo-Geschichte. Das geht nur, wenn andere Menschen mitmachen und sich einbringen. Es gibt vieles, das gut geht, und manches, das  nicht gelingt. Das gilt auch für einzelne Pfarren. In diesem Sinne ist bestimmt nicht alles perfekt und auch nicht alles okay.

 

Ist Ihre Aufgabe als Brückenbauer angesichts der politischen Lage in Österreich aktueller denn je?

Das glaube ich schon, wobei es bereits in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine wichtige Aufgabe geworden ist, zwischen den unterschiedlichen Milieus und Gruppen zu vermitteln. Zwischen Menschen, die hier geboren sind oder seit mehreren Generationen hier leben, und jenen, die zugewandert sind. Oder auch zwischen Menschen, die weniger haben, und anderen, die mehr haben. Es gibt zwar viele, die mit Verantwortung agieren, dennoch muss man aufpassen, dass es nicht auseinanderdriftet. Auch die Generationenfrage zwischen Jung und Alt ist sehr wesentlich und viel stärker, als es manchmal zum Ausdruck kommt. Angesichts der politischen Lage ist es notwendig, gut hinzuschauen und auf Entwicklungen gut einzugehen. Im Bereich der Kirche – das betrifft auch die Caritas, die Bildung und das Gemeinwesen im Ort – ist es wichtig, zu schauen, wo man gemeinsam eine Verantwortung hat.

 

Darf und soll sich ein Bischof demnach politisch einmischen und auch mal mahnend zu Wort melden?

Ich bin zurückhaltend, sozusagen auf Zuruf tätig zu werden. Zum Beispiel wenn eine Gruppe fordert, der Bischof müsse gegen die andere etwas sagen. Das möchte ich nicht, weil es da eine gewisse Instrumentalisierung gibt, und in Zeiten des Wahlkampfes habe ich durchaus Versuche in diese Richtung gespürt. Was ich von mir aus tun möchte: Ich gehe in verschiedene politische Bereiche und versuche, im Gespräch zu sein und im Sinne von Prävention und Bewusstseinsbildung tätig zu sein. Wenn die Stimmung erst mal erhitzt ist und sich manches aufgeschaukelt hat, ist es eher wichtig, zu ent-dramatisieren. So, dass sich die Leute danach in die Augen schauen und zusammenarbeiten können.

 

Sie setzen sich stark für das Miteinander der Religionen ein. Ein Thema, das auch in Oberösterreich seit geraumer Zeit die Gemüter erhitzt. Wie kann man dem begegnen?

Das Vorjahr war stark geprägt vom Miteinander der katholischen und der evangelischen Kirche. In der Ökumene ist vieles vorangegangen. Wir haben gelebt und gezeigt, wie viel uns miteinander verbindet. In Hinblick auf die orthodoxen Kirchen, die zahlenmäßig relativ stark bei uns sind, was aber nicht so im Bewusstsein ist, ist es unsere Aufgabe, unterstützend tätig zu sein, dass sie hier Gemeinden aufbauen können. Nach wie vor eine wichtige Aufgabe ist es, die kleine jüdische Gemeinde zu unterstützen, weil der Antisemitismus immer wieder aufflackert. Da möchten wir entschieden dagegenwirken. Gesellschaftlich am stärksten aufgeheizt ist die muslimische Gemeinschaft. Wobei ich hinzufügen möchte, dass wir von der katholischen Kirche um die Differenzen wissen, die da sind. Es soll weder eine Einheitsreligion geschaffen noch gesagt werden, dass eh alle gleich sind. Das würde weder den Muslimen noch unserer christlichen Grundüberzeugung gerecht werden. Aber es geht darum, dass wir anderen Religionsgemeinschaften mit Wertschätzung begegnen und dass wir in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, aber auch in Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung miteinander arbeiten. Und ich glaube, dass es in der gegenwärtigen Lage auf europäischer Ebene und weltweit wichtig ist, dass Konflikte gewaltfrei gelöst werden. Gewaltlosigkeit ist der einzige Weg, um Frieden zu schaffen. Frieden, Respekt und Verständnis sind nicht von Natur aus gegeben, das muss immer wieder neu erarbeitet werden. Es bedeutet, dass wir aufeinander zugehen und voneinander lernen. Das Wichtigste an der Ökumene war und ist, dass wir voneinander lernen. Dass wir einander nicht als Gegner oder Konkurrenten betrachten, sondern die Möglichkeit sehen, über uns selbst Neues zu erfahren, indem wir anderen begegnen.

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© Diözese Linz/Hermann Wakolbinger

Wann war für Sie klar, dass der Weg des Priesters der Ihre sein wird?

Die ersten Gedanken sind in der Kindheit gekommen, als ich Ministrant war. Die einen wollen Baggerfahrer oder Astronaut werden, ich wollte Pfarrer werden. Aber das war natürlich noch keine Berufsentscheidung. Es hat mich begleitet, und mit 19 Jahren habe ich mich entschieden, ins Priesterseminar zu gehen. Das war eine wichtige Etappe. Die endgültige Entscheidung ist mit meiner Diakonweihe im Alter von 24 Jahren gefallen.

 

Wie sieht für Sie die Zukunft der katholischen Kirche aus? Gibt es Modernisierungen, die Sie sich persönlich vorstellen können? Etwa in Hinblick auf die Rolle der Frauen ...

Wir sind gerade dabei, einen Zukunftsprozess einzuleiten. Es ist wichtig, dass das ein gemeinsamer Prozess ist. Als Bischof kann ich alleine nichts entwerfen und vorgeben. Es kann nur miteinander gehen. Wichtig ist mir, dass wir zuerst in den Blick nehmen, worum es der Kirche geht. Es geht um Gemeinschaft der Menschen mit Gott. Und auch um die Urfrage des Lebens: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und was sind Sinn und Ziel meines Lebens? Die Kirche ist dafür sozusagen Werkzeug und Instrument. Die Kirche ist dazu da, dass die Leute untereinander stärker das Leben teilen. Dem sind alle strukturellen Fragen zugeordnet – unter anderem auch, wie wir uns aufstellen, wie wir uns organisieren, wofür wir unser Geld verbrauchen. Da wird sich manches verändern. Ich merke, dass auf der einen Seite manches abstirbt, dass wir in einigen Bereichen weniger werden. In anderen Bereichen – auch zum Beispiel der Caritas – entsteht etwas Neues, und es ist auch neues Interesse da. Das ist oft nicht unmittelbar mit der Marke Kirche verbunden, aber das ist auch nicht das primäre Interesse. Dieses muss sein, ob es eine Hinwendung von Menschen zum Evangelium gibt. Dabei spielt auch unsere Glaubwürdigkeit eine Rolle – wie wir mit unseren Ressourcen umgehen und mit unseren Fehlern. Das hat uns in den vergangenen Jahren doch stark beschäftigt. Ich glaube auch, dass gerade die Aufgabe der Frauen von entscheidender Bedeutung ist. Sie haben ja schon in den vergangenen Jahrzehnten die Kirche wesentlich getragen, wenn ich an die Gemeinden und das pfarrliche Leben denke. Auch der Großteil der Religionslehrer sind Frauen. Wenn ich an die Caritas denke, sind Frauen ebenso in wichtigen, gestalterischen und verantwortungsvollen Aufgaben tätig. Ich habe jetzt auch eine Direktorin für das Pastoralamt ernannt. Da geht es nicht um die Quote, sondern darum, dass Frauen ihre Stärken entsprechend ihrer Qualifikationen einbringen können. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber wir sind schon unterwegs.

 

Was wünschen Sie sich für die Weihnachtszeit? Für sich und für die Menschen im Land?

Ich wünsche mir Zeit als Gabe und nicht als Druck. Zeiten des Aufatmens und der inneren Freiheit im Advent.