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Lifestyle | 14.11.2017

"Männer sind schwierige Patienten"

Primar Wolfgang Loidl leitet die Urologie sowie das Prostatazentrum am Ordensklinikum Barmherzige Schwestern in Linz. Seit vielen Jahren engagiert er sich für die Gesundheit der Männer. Darum lässt er sich jetzt im November auch wieder einen Schnurrbart wachsen.

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Urologe mit Leib und Seele: Primar Dr. Wolfgang Loidl (© Ordensklinikum Linz/Harrer)

Als wir Primar Wolfgang Loidl auf der Urologie-Ambulanz zum Interview treffen, kommt er gerade direkt aus dem Operationssaal. Seinen Arbeitsalltag im Krankenhaus liebt der 59-jährige Mediziner ebenso wie die Wissenschaft. Für das Fachgebiet der Urologie hat er sich entschieden, weil es breiter in der Medizin wirke, als man denkt. Außerdem wird sie in Zukunft immer wichtiger, denn 2015 wurden zum ersten Mal in der westlichen Welt mehr Windeln für Erwachsene verkauft als für Kinder.

 

Sie haben sich auf die Urologie spezialisiert. Was ist für Sie das Spannende auf diesem Fachgebiet?

Die Urologie ist ein sehr unterschätztes Fach. Die meisten denken dabei an Prostata und Harn und glauben, dass es das war. Dabei wirkt die Urologie viel breiter in der Medizin, als man denkt. Jeder fünfte Patient bei einem praktischen Arzt hat irgendetwas Urologisches. 25 Prozent aller Krebspatienten sind urologische Patienten. Zudem werden die Menschen immer älter. 2015 war ein wichtiges Jahr für die Urologie, weil zum ersten Mal in der westlichen Welt mehr Windeln für Erwachsene verkauft wurden als für Kinder. Das bedeutet, dass auch das Fachgebiet der Urologie immer wichtiger wird. Außerdem hat sich in der Krebsforschung in den vergangenen Jahren sehr viel getan, da sind wir voll dabei, und das macht Spaß.

 

Sie leiten auch das Prostatazentrum am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz, das es seit mittlerweile zehn Jahren gibt. Was hat sich in dieser Zeit bezüglich Männergesundheit verändert? Haben Sie das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein?

Die Anzahl der Prostatakarzinom-Fälle ist in Österreich – wie auch in anderen Ländern – zurückgegangen. Studien zeigen, dass der PSA-Wert (Anm. d. Red.: prostataspezifisches Antigen) zur Früherkennung sehr wohl wirksam ist. Die Ergebnisse dieser Studien waren anfangs nämlich wenig vielversprechend. Das bedeutet, dass die Früherkennung greift und auch notwendig ist. Patienten, die früh diagnostiziert und dementsprechend früh behandelt werden, leben länger. Im Prostatazentrum haben wir auf einem sehr hohen Niveau begonnen und konnten dieses sogar noch steigern. Wir sind sehr stolz, dass wir jedes Jahr mehr Diagnosen hereinbekommen und eine sehr hohe Anzahl der Patienten operieren dürfen.

 

Ist das nicht eine Tatsache, die jeden Mann zur Vorsorgeuntersuchung ermutigen müsste?

Absolut! Während in den USA 75 Prozent aller Männer ihren PSA-Wert kennen, geht in Österreich nur ein Teil der Männer zu Vorsorgeuntersuchungen. Dabei ist dieser PSA-Wert ein wichtiger Indikator, weil er ein Tumormarker ist. Dieser wird von der Prostatadrüse ins Blut geschickt und ist prostataspezifisch, allerdings nicht krebsspezifisch. Das bedeutet, dass eine Erhöhung des PSA-Wertes ein Alarmzeichen sein kann, aber nicht muss. Es kann auch eine Entzündung sein. Darum muss man sehr vorsichtig damit sein. Besonders wichtig ist, dass die Entwicklung berücksichtigt wird. Wenn der Wert sehr rasch von zum Beispiel 1,5 auf drei ansteigt, kann das bereits Krebs sein, obwohl der Wert an sich noch im Normbereich liegt. Die Dynamik des PSA-Wertes ist somit wichtiger als der Einzelwert.

 

Dennoch sind Männer immer noch Vorsorgemuffel und drücken sich gern vor Untersuchungen. Wovor haben die meisten Männer Angst?

Männer sind grundsätzlich schwierige Patienten. Sie glauben, immer stark sein zu müssen und Schwächen nicht zeigen zu dürfen. Die Lebenserwartung der Männer ist dramatisch schlechter als jene der Frauen. Sie gehen viel mehr Risiko ein, darum gehen sie auch nicht zur Vorsorge. Zur Prostata-Vorsorge gehen sie schon gar nicht, weil das etwas Schlimmes ist. Es gibt sogar Patienten, die glauben, bereits von der Untersuchung alleine impotent zu werden. Diese Verlustangst ist enorm. Trotz aller Aufklärungsarbeit, die in den vergangenen Jahren bereits geleistet wurde, kursiert immer noch so viel Blödsinn, den die Leute glauben. Und Sexualorgane sind natürlich immer ein heikles Thema. Wir sehen das zum Beispiel bei jungen Männern, die Hodenkrebs haben und sehr lange warten, bis sie zu uns kommen, obwohl dieser Krebs wirklich gut heilbar wäre. Je früher ein Mann zu uns kommt, umso besser können wir nerverhaltend operieren und sowohl Potenz als auch Kontinenz erhalten. In 20 Prozent der Fälle muss man gar nichts machen, da können wir aktiv beobachten und abwarten. Der Patient muss zwar regelmäßig zu uns ins Krankenhaus – zur Kontrolle und manchmal auch zur Biopsie. Aber de facto ist keine Tumor-Behandlung notwendig.

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Im Gespräch versucht Primar Loidl, seinen Patienten etwaige Ängste zu nehmen. (© Ordensklinikum Linz/Harrer)

Gibt es Anzeichen, die einen Mann hellhörig machen sollten, dass etwas nicht in Ordnung ist? Wie etwa der klassische Knoten in der Brust einer Frau...

Nein, das gibt es in dieser Form nicht. Wenn man einen Knoten ertastet, dann ist es schon zu spät. Wenn hingegen der PSA-Wert erhöht ist und der Knoten weder sicht- noch tastbar ist, dann ist es die ideale Form der Behandlung.

 

Bei der Entfernung der Prostata arbeiten Sie mit dem DaVinci-System, einer hochpräzisen, computerunterstützten Operationstechnik. Welche Vorteile bringt das für Patienten?

Wir arbeiten bereits das zehnte Jahr sehr erfolgreich mit dem DaVinci-Roboter und unsere Erfahrungen damit sind absolut großartig. Bis jetzt haben wir 1.935 Patienten operiert, der 1.936ste Pa­tient liegt gerade in diesem Moment auf dem OP-Tisch (lächelt). Die Vorteile sind, dass wir ein viel besseres dreidimensionales Sehen haben, die Instrumente sind viel beweglicher, es gibt deutlich weniger Komplikationen und signifikant weniger Blutungen. Bei den knapp 2.000 durchgeführten Operationen haben wir noch nie eine Blutkonserve gebraucht. Das ist sensationell.

 

Um Männer zu motivieren, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen, gibt es seit einigen Jahren die Aktion „Movember“. Männer auf der ganzen Welt lassen sich im November einen Schnurrbart wachsen, um so auf das Thema Männergesundheit aufmerksam zu machen und mehr Bewusstsein zu schaffen. Ist es für Sie so etwas wie Ehrensache, bei dieser Aktion mitzumachen?

Selbstverständlich mache ich wieder mit und lasse mir einen Schnurrbart wachsen. Das ist ganz wichtig. Entstanden ist die Idee bei einem lustigen Abend in Australien. Die Männer wollten mit dieser Aktion ein Zeichen setzen. Mittlerweile ist sie international bekannt, der Hauptsitz befindet sich in London. Von den eingenommenen Spenden wird zum Beispiel die Forschung unterstützt, auch die Uni Innsbruck hat bereits Forschungsgelder bekommen. Eine weitere wesentliche Rolle spielt die Aufklärung. Wenn man sich einen Schnurrbart wachsen lässt, wird man von vielen Seiten mehr oder weniger blöd angesprochen – auch von Kollegen. Ich frage dann: „Und warst du schon bei der Vorsorge?“ Weil Ärzte genauso sind wie alle anderen Männer. Der Schnurrbart ist ein Aufmerksam-Machen, eine Erinnerung.

 

Sie engagieren sich so stark für die Gesundheit der Männer. Was machen Sie selbst für Ihre eigene Gesundheit?

Ganz ehrlich: viel zu wenig, weil ich beruflich dermaßen eingespannt bin. Ich arbeite täglich bis spätabends und habe zum Beispiel von September bis Dezember kein einziges freies Wochenende. Zur Arbeit hier im Krankenhaus kommen Vorträge, Kongresse, Forschungstätigkeiten, sodass mir kaum Freizeit bleibt.

 

Stichwort Freizeit: Was machen Sie am liebsten, wenn Ihnen doch ein bisschen Zeit bleibt?

Diese Zeit verbringe ich mit meiner Familie. Ich habe ja vier Kinder. Nebenbei höre ich auch gern Musik, aber richtige Hobbys habe ich keine.

 

Sie sind – wie Sie selbst gerade gesagt haben – Vater von vier Kindern. Wie wichtig ist es für Sie, ihnen das Thema Gesundheit zu vermitteln?

Das ist natürlich ein Thema bei uns, zumal wir einen fürchterlichen Krebsfall in der Familie hatten. Da kamen sofort Fragen von den Kindern: Warum gibt es nichts dagegen? Was kann man tun? Muss man sich fürchten, das auch zu bekommen? Diese Fragen sind auf dem Tisch und werden auch behandelt. Da gibt es kein Tabu.

 

Und wenn es um das Thema Vorsorge geht?

Vorsorge ist grundsätzlich ein ganz großes Thema. Das fängt damit an, dass man nicht rauchen und nur wenig in die Sonne gehen sollte. Dazu sollte man im Idealfall regelmäßig Sport betreiben und mediterrane Kost zu sich nehmen. Das, was wir hier betreiben, ist im eigentlichen Sinne Früherkennung. Ich kann meinen Patienten nämlich nicht sagen, dass sie nie Krebs bekommen werden, wenn sie die eben genannten Punkte beherzigen. Was es allerdings sehr wohl bewirkt, ist, dass man damit das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Krebserkrankungen senken kann.

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