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Lifestyle | 13.11.2017

Ein Hauch von Leben

Maria Wurzenberger (29) fühlt sich alleine und schuldig, als sie im Vorjahr eine Fehlgeburt erleidet. Sie redet darüber, um ihre Trauer verarbeiten zu können – mit Familie, Freunden, Kollegen. Dabei stellt sie fest, dass dieses Thema noch immer ein großes Tabu ist.

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Maria Wurzenberger konnte die Trauer über ihr verlorenes Baby zulassen und verarbeiten. Heute ist sie stolze und glückliche Mama von Tim. (© Andreas Röbl)

Mittwochvormittag. Als Maria Wurzenberger die Tür zu ihrem Haus in Leonding öffnet, strahlt sie über das ganze Gesicht. Ihr kleiner Sohn Tim, zu diesem Zeitpunkt gerade mal sieben Wochen alt, schläft friedlich im Tragetuch. Liebevoll streicht sie ihm über den Kopf. Noch vor einem Jahr war alles vollkommen anders: Damals erleidet die 29-Jährige eine Fehlgeburt. Von einem Moment auf den anderen bricht ihre Welt zusammen. In der einen Minute ist sie noch schwanger und werdende Mama, in der nächsten ist plötzlich alles vorbei.

„Ich war in der achten oder neunten Schwangerschaftswoche, als ich in der Arbeit leichte Blutungen bekommen habe“, erzählt Wurzenberger. „Ich habe versucht, mich selbst zu beruhigen, und mir gesagt, dass das schon vorkommen könne.“ Als die Blutungen auch am nächsten Tag noch anhalten, fährt sie ins Krankenhaus. Ihr schlechtes Bauchgefühl bestätigt sich: Die Ärzte können keine Schwangerschaft mehr feststellen. Für die 29-Jährige bricht eine Welt zusammen. „Mein Freund und ich haben uns schon wahnsinnig darauf gefreut, weil es ja ein absolutes Wunschkind war“, sagt sie. „Auch wenn es noch so früh war, haben wir schon über Namen nachgedacht und darüber, wie wir das Kinderzimmer einrichten werden.“

Hohe Zahl an Fehlgeburten. Dass Fehlgeburten zum Alltag im Krankenhaus gehören, ist für Maria Wurzenberger kein Trost. „Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen, doch tatsächlich ist es so, dass etwa jede zweite befruchtete Eizelle nicht zu einem Kind führt“, erklärt Michaela Kaiser von der Linzer Beratungsstelle ZOE (siehe auch Interview Seite 24). Die Gründe dafür können vielfältig sein. Der häufigste Grund ist allerdings, dass der Körper selbst erkennt, dass mit der befruchteten Eizelle etwas nicht in Ordnung ist und die Schwangerschaft automatisch einstellt. „Das hat die Natur wohlweislich so eingerichtet“, betont Kaiser. „Auch wenn ich weiß, dass das für die betroffenen Frauen kein Trost ist.“

Trauern um verlorenes Kind. Nach dem Tag im Krankenhaus verkriecht sich Maria Wurzenberger mit ihrem Lebensgefährten Jürgen drei Tage lang in ihrem Haus. Gemeinsam weinen sie, trauern um ihr verlorenes Kind. „Ich konnte nicht schlafen, habe die ganze Zeit nur geweint“, erinnert sie sich. „Zum Glück war mein Freund eine Riesenunterstützung für mich; dank ihm ist es mir dann relativ schnell wieder besser gegangen.“

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Maria Wurzenberger im Gespräch mit Redakteurin Nicole Madlmayr. (© Andreas Röbl)

Diese Trauer zuzulassen, sich dem Schmerz zu stellen und das Erlebte aufzuarbeiten, ist ihr sehr wichtig. Sie schreibt ihrem Kind einen Abschiedsbrief und verbrennt diesen in einer Art Ritual. Weil sie ein sehr offener Mensch ist, spricht sie auch mit ihrer Familie, ihren Freunden und Kollegen über die Fehlgeburt. „In diesen Gesprächen habe ich erfahren, dass einige von ihnen selbst auch schon eine Fehlgeburt hatten, sich aber nicht getraut haben, darüber zu reden“, erzählt Wurzenberger. „Das hat mich schockiert und betroffen gemacht. Ich habe mich gefragt, ob in unserer heutigen Facebook- und Instagram-Zeit nur noch das Schöne und Positive Platz hat. Natürlich geht es nicht darum, daraus eine Statusmeldung zu machen, aber Fehlgeburten sollten kein Tabuthema mehr in unserer Gesellschaft sein.“

Plagende Schuldgefühle. Besonders wichtig wäre dieses Wissen für sie im Krankenhaus gewesen, wie sie betont. Dann hätte sie sich nicht dermaßen alleine, sonderbar und auch schuldig gefühlt. Wieder und wieder geht sie in Gedanken die letzten Tage vor der Fehlgeburt im Kopf durch. Wäre das Baby noch am Leben, wenn ich dieses oder jenes anders gemacht hätte? Durch Gespräche mit ihrem Lebensgefährten und einer Psychologin schafft sie es, dieses Gedankenkarussell zu durchbrechen und ihre optimistische Lebenseinstellung wiederzufinden. „Ich war immer noch traurig, aber ich habe meinem Körper vertraut und daran geglaubt, dass alles seinen Grund hat“, erzählt die 29-Jährige. „Somit wusste ich, dass es gut so war.“

Wieder schwanger. Zwei Monate später spürt sie eine Veränderung in ihrem Körper: Maria Wurzenberger ist wieder schwanger. „Die Aufregung war sofort wieder da, aber ich habe mich selbst gebremst“, erinnert sie sich. „Ich hatte zu viel Angst, wieder eine Enttäuschung zu erleben. Erst nach der ominösen zwölften Schwangerschaftswoche konnte ich meine Freude voll zulassen.“

Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen. Der kleine Tim kam im August – zwei Wochen vor dem offiziellen Geburtstermin – auf die Welt. Für Maria Wurzenberger und ihren Jürgen ist er die Erfüllung und ein Zeichen dafür, dass aus Liebe immer wieder Leben werden kann.


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Michaela Kaiser, Leiterin der Selbsthilfegruppe „Gute Hoffnung – jähes Ende“ bei der Linzer Beratungsstelle ZOE (© Andreas Röbl)

„Nicht so tun, als wäre nichts passiert“

 

Michaela Kaiser leitet bei der Linzer Beratungsstelle ZOE die Selbsthilfegruppe „Gute Hoffnung – jähes Ende“. Sie weiß aus unzähligen Gesprächen, wie es Frauen geht, wenn sie ihr Baby verlieren, und warum es so wichtig ist, die Trauer zuzulassen und zu verarbeiten.

 

Gibt es Zahlen, wie viele Frauen pro Jahr mit einer Fehlgeburt konfrontiert sind?

Offizielle Zahlen gibt es keine, allerdings führt in etwa jede zweite Schwangerschaft nicht zu einem Kind. Das ist also sehr oft der Fall. Ein Großteil der Fehlgeburten passiert in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Der häufigste ist allerdings, dass der Körper selbst erkennt, dass mit der befruchteten Eizelle etwas nicht in Ordnung ist und die Schwangerschaft automatisch einstellt. Das hat die Natur wohlweislich so eingerichtet, auch wenn das kein Trost für die betroffenen Frauen ist.

 

Macht es aus Ihrer Erfahrung heraus einen Unterschied, wie lange man schwanger war? Oder ist dieser Verlust immer ein großer?

Das ist grundsätzlich sehr individuell und hängt auch immer von der Vorgeschichte ab. Etwa wenn ein Paar schon sehr oft versucht hat, schwanger zu werden. Aber natürlich ist es so, dass eine Mutter eine ganz andere Bindung zu ihrem Kind aufbaut, je länger sie schwanger ist. Ich möchte das aber trotzdem nicht verallgemeinern, weil auch ganz kleine Kinder da waren und gelebt haben. Es ist immer ein Drama, und es ist ganz wichtig, dass dieser Schmerz gesehen wird.

 

Was ist das Wichtigste, wenn man eine Fehlgeburt hatte?

Ich ermutige Paare immer darin, dass es so schlimm sein darf, wie es ist. Es darf als Drama gelebt werden. Trauer, Verzweiflung, Wut – alle Gefühle haben Platz. Viele Frauen suchen die Schuld bei sich und ihrem Körper. Es ist ganz wichtig, diese Schuldgefühle anzusprechen, weil sie dann eine andere Dimension bekommen. Man darf das keinesfalls bagatellisieren, weil diese Schuldgefühle sogar länger andauern können als die Trauer selbst. Es wird leichter, wenn man es thematisiert. Allerdings müssen die Frauen selbst erkennen, dass sie keine Schuld daran haben. Und sie müssen oft wieder lernen, ihren eigenen Körper anzunehmen und liebevoll zu behandeln – obwohl er es  in ihren Augen nicht geschafft hat, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen.

 

Warum ist es so wichtig, all diese Gefühle zuzulassen und ihnen Raum zu geben?

Wenn man sie nur verdrängt und nie aufarbeitet, können sie einen später, zum Beispiel in Form von Panikattacken, einholen. Besonders wichtig ist das, wenn eine Frau nach einer Fehlgeburt relativ rasch wieder schwanger wird. Ansonsten kann es sein, dass die Frau extreme Ängste hat oder sie keine Bindung zum Kind entwickeln kann. Oft ist es auch so, dass sich die Psyche gegen eine Folge-Schwangerschaft wehrt, wenn die Trauer nicht zugelassen und verarbeitet wurde. Falsch wäre es, so zu tun, als ob nichts passiert wäre. Darum ist es mir auch so wichtig, Frauen und Männer zu ermutigen, alles zuzulassen und sich selbst die Zeit zu geben, die sie brauchen.

Tipp:

Die Trauergruppe „Gute Hoffnung – jähes Ende“ mit Michaela Kaiser findet ab 17. Jänner wieder in der Beratungstelle ZOE, Gruberstraße 15/1, statt (jeweils dienstags 18 bis 20 Uhr; kostenlos). Ab 5. Februar gibt es einen Yogakurs für Mütter, die ihr Kind in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verloren haben (jeweils montags von 10 bis 11:15 Uhr). Infos und Anmeldungen: www.zoe.at

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